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Predigt zu Pfingstsonntag 2022

Liebe Schwestern und liebe Brüder,
wir feiern Pfingsten. Ich lade Sie und Euch zunächst ein zu einem Blick zu den Wurzeln dieses Festes.
Das Pfingstfest hat seinen Termin aus dem Kalender der jüdischen Gemeinde. 50 Tage nach dem Passa feiert Israel Schawuot, das Wochenfest, ein Erntedankfest. Es fällt zusammen mit unserem Pfingsten.
Schawuot ist das jüdische Wort für sieben und nimmt Bezug auf die sieben Wochen, genau genommen 50 Tage. An diesem Fest wird auch gefeiert, dass Gott sich offenbart hat und seiner Gemeinde das Wort gegeben hat, die Thora, die Worte und Weisungen, die zum Leben helfen. In manchen jüdischen Gemeinden ist das ein richtig fröhlicher Festtag. Der Rabbi nimmt die Thora-Rolle aus dem heiligen Schrein. Und mit der Rolle im Arm tanzt er durch die Synagoge mit dem Gebet: „Du Ewiger, Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“
Sicher erinnern sich manche von Euch und von Ihnen an Bilder von Marc Chagall mit einem tanzenden Rabbi.
An diesem Fest der Thora, der Weisung, des Wort Gottes geschieht dann auch das 1.Pfingstfest in Jerusalem. Wir erinnern uns:

Der Auferstandene war durch verschlossene Türen zu den Seinen gekommen und sprach: „Fürchtet euch nicht, Friede sei mit euch. Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“
Die Jüngerinnen und Jünger empfingen zum Wort Gottes den Geist Gottes in ihr Herz. Den Tröster, wie Jesus versprochen hatte. Der Geist Jesu, aus dem er selbst gelebt hat, der macht die Seinen frei, fröhlich und mutig. Es ist der Geist, der das Herz weit machen kann und der die Menschen auf neue Weise, mit Gott und miteinander verbindet.

Über diesen Geist schreibt Paulus im Römerbrief, Kapitel 8, (1 – 2 und10 – 11), ich lese den Text aus der Basisbibel: Überschrieben ist dieser Abschnitt mit: Der Geist Gottes überwindet die Sünde.
Es gibt also kein Strafgericht mehr für die, die zu Christus Jesus gehören. Das bewirkt das Gesetz, das vom Geist Gottes bestimmt ist. Es ist das Gesetz, das Leben schenkt durch die Zugehörigkeit zu Christus Jesus. Er hat dich befreit von dem alten Gesetz, das von der Sünde bestimmt ist und den Tod bringt.
Wenn Christus jedoch in euch gegenwärtig ist, dann ist der Leib zwar tot aufgrund der Sünde.
Aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist der derselbe Geist Gottes, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus vom Tod auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken – durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Hier heißt es nicht: „Strengt euch an! Gebt euch Mühe! Da wird nicht der gute Wille strapaziert und da wird nicht die Ethik beschworen. Die uns einfach dann doch überfordert. Denn das gehört ja zu unserer Welt. Der gute Willen richtet aber oft nichts aus. Wir stoßen an Grenzen von außen und von innen. Deshalb ist es so unerhört, wenn Paulus sagt: So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Paulus sagt damit: Ich bin frei, frei von Angst.
Frei vom Zwang, es recht machen zu müssen.
Frei von Angst zu versagen.
Ich sehe einen Weg vor mir.
Ich habe einen Grund unter meinen Füssen.
Ich bin gewiss, von Gottes Liebe kann uns nichts trennen.

Hat denn Paulus gar keine Angst? Macht er sich keine Sorgen? Man möchte ihn fragen:
Du, Paulus, siehst du denn nicht, wie die Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen? Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
„Siehst du denn nicht, wie das Leben auf Kosten von anderen die Menschheit kaputt macht?“ Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
Noch eine Frage: Siehst du denn nicht, wie auch unsere Gerechtigkeit auf Kosten von Menschen geht?“ Und Paulus würde antworten: „Freilich sehe ich das. Aber ich sehe noch viel mehr, was zwischen Himmel und Erde ist und wo Menschen nichts ausrichten können.“
Wie kannst du dann sagen: ‚Ich bin gewiss.‘ Wie kannst du dann sagen: „Uns kann nichts schaden?“ Und er antwortet: „Weil es so ist, weil es wahr ist. Wer zu Christus gehört, dem kann niemand und nichts schaden.“
Damit bin ich immer noch nicht zufrieden. Aber ich höre den Apostel, wie er mahnt: „Glaube bitte nicht, dass ich irgendetwas verharmlosen will. Im Gegenteil.
Aber wer nur die Todeswelt beklagt, der weiß noch nichts vom Leben. Ich ließ mich von den Mächten und Geistern meiner Zeit nicht festlegen und fesseln. Ich sagte: Ich will auf Christus sehen. Ihm bringe ich meine Furcht. Ihm lege ich meine Angst vor die Füße.“

Ich möchte weiter fragen: „Du Paulus, das Schlimme sind ja nicht nur die Anderen. Ich entdecke wie Angst und Bosheit auch mein Herz bestimmen. Ich bin durch mich selbst bedroht.“
Und da sagt Paulus: „Auch das kenne ich. Aber da starre ich nicht in mich hinein, sondern ich wende mich an Christus und sag:
‚Du hast mich berufen. Halte du mich fest. Du hast mich von den Mächten dieser Welt befreit, bewahre mich jetzt auch.‘
Gott verurteilt uns nicht. Darum sind wir frei. Gott gibt uns seinen guten Geist. Darum können wir leben. Wir feiern Pfingsten. Wir erinnern uns gegenseitig an die Freiheit, die Gott auch uns schenkt, wo wir sie nicht machen können.

Ich will es noch einmal anders, mit Worten von Jörg Zink sagen:
‚Wo der Geist am Werk ist, wird der Mensch fähig, ungewohnte Gedanken zu fassen. Er wird fähig, etwas zu tun, zu dem er sonst nicht die Kraft hat. Er gewinnt eine Zuversicht, die er sonst nirgends herbekommt.
Treibt uns wirklich der Geist Gottes, dann treten wir nicht nur für die Freiheit der Christen ein, sondern für die Freiheit aller Menschen. Dann kämpfen wir nicht nur um die Versöhnung der Konfessionen, sondern um die Versöhnung zwischen den Völkern und den Machtblöcken und dann lässt uns auch der Krieg in der Ukraine und der Nahe Osten nicht einfach in Ruhe.
Treibt uns der Geist Christi, dann haben wir Freundlichkeit nicht nur für die Freunde, dann beziehen wir vielmehr den Feind mit ein. Dann machen wir nicht nur den Menschen Mut, mit denen wir verbunden sind, sondern geben allen Menschen die Hoffnung, die sie brauchen.
Treibt uns der Geist, dann richten wir unsere Hoffnung nicht nur auf ein Reich, das später ist und das am Ende kommt, sondern wir rufen das Reich Gottes herein in das Gefüge der Reiche dieser Erde. Dann erwarten wir Gottes Wirken jetzt und heute.‘ (Zitatende)

Liebe Schwestern und liebe Brüder, noch ein Gedanke zum Schluss:
Wir haben es gewagt und haben uns im Berneuchener Dienst Josua Boeschs zweite Station im Auferstehungsweg zu unserem Zeichen gemacht.
Immer neu erinnert uns die Taube an Gottes guten heiligen, heilenden Geist. So kann uns unser Zeichen immer neu ermutigen zum Gebet in seinem Geist für uns selbst, für die Anderen, für unsere Kirchen und für die Not in unserer Welt.
Gottes Geist helfe uns, dass etwas spürbar wird von der Freiheit und dem wahren Leben, das Gott uns schenkt.
Amen.

Predigerin:  Suse Rieber, frühere Geistliche Leiterin des BD
Predigttext/Predigtort:  Römer 8, 1 – 2, 10 – 11  /  Diakonissenkirche Stuttgart
Bild:  Zeichen des Berneuchener Dienstes
Quellennachweis:  Eberhardt Dieterich, …und hörte seiner Rede zu. Edition Kamel 18
Jörg Zink, Vor uns der Tag. Herder-Verlag Freiburg

Misericordias Domini – Der gute Hirte

Liebe Gemeinde,
sind Sie nachtragend? Naja, auf so eine Frage wollen wir immer gerne „nein“ sagen. Wer will schon nachtragend sein! Man will doch lieb und gut sein, vergeben und wieder ein gutes Verhältnis zueinander haben: da ist das Nachtragen eher hinderlich. Das Nachtragend-sein wird verstanden als: „Dem verzeihe ich seine Worte oder Verhalten nie!“ „Das hat mich so verletzt, der soll das auch zu spüren bekommen!“ Man wendet sich ab, bricht für eine Weile die Beziehung ab.

Aber ich versichere Ihnen: Nach diesem Gottesdienst wollen Sie nachtragend sein.

Aber hören wir den Predigttext:
Joh. 21, 15-17+19b (HfA):
15 Nachdem sie an diesem Morgen miteinander gegessen hatten, fragte Jesus Simon: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich mehr als die anderen hier?« »Ja, Herr«, antwortete ihm Petrus, »du weißt, dass ich dich lieb habe.« »Dann sorge für meine Lämmer«, sagte Jesus.
16 Jesus wiederholte seine Frage: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich?« »Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich lieb habe«, antwortete Petrus noch einmal. Da sagte Jesus zu ihm: »Dann hüte meine Schafe!«
17 Und ein drittes Mal fragte Jesus: »Simon, Sohn von Johannes, hast du mich lieb?« Jetzt wurde Petrus traurig, weil Jesus ihm nun zum dritten Mal diese Frage stellte. Deshalb antwortete er: »Herr, du weißt alles. Du weißt doch auch, wie sehr ich dich lieb habe!« Darauf sagte Jesus: »Dann sorge für meine Schafe!
19b Dann forderte Jesus ihn auf: »Folge mir nach!«

Liebe Gemeinde,
es ist eine nachgetragene Erzählung. Irgendwann später wurde diese Geschichte dem Johannesevangelium zugefügt. Eine Erzählung, die von dem nachtragenden Jesus erzählt.

Der auferstandene Jesus isst mit den Jüngern am Strand von den gefischten Fischen. Es ist das dritte Mal, dass Petrus Jesus sieht. Wie mag es Petrus gehen? Es gibt etwas, das zwischen Jesus und ihm steht. Er hatte Jesus nach dem letzten Abendmahl 3 x verleugnet, obwohl er ihm versprochen hat, ihm überall hin zu folgen. Er hat es sicher getan, um sein Leben zu retten – wer mag es ihm verdenken. Ich weiß nicht, wie ich in der Situation gehandelt hätte. Und Petrus wird sich gefragt haben, ob Jesus überhaupt noch mit ihm zu tun haben möchte. Eine Verleugnung, ein Verrat, ist ein Bruch in der Beziehung. Das Vertrauen ist gestört.

Und dreimal fragt Jesus: „Liebst du mich?“ Sogar einmal im Vergleich zu den anderen: liebst du mich mehr als die anderen.
Eine Liebeserklärung, die freiwillig gegeben wird, ist wunderbar. Wenn sie eingefordert wird, kann es bedrängend sein. Vor allem, wenn man sich nicht sicher ist. Vor allem, wenn etwas vorgefallen ist. Und es macht noch mehr Stress, wenn man noch mehr lieben soll als die anderen.

Aber ich sehe noch etwas:
Jesus fragt nicht: „Warum hast du das getan?“ Wie konntest du nur, mich so verleugnen“ Er macht ihm keine Vorwürfe. Er fordert keine Erklärung. Er will auch keine Rechtfertigung hören.
Aber Jesus macht den ersten Schritt, um die Beziehung zu klären. Er fragt: „Wie stehst du zu mir? Liebst du mich?“ Und er nennt ihm beim Namen Simon. Jesus sieht ihn als Mensch, der Fehler macht. Er behaftet ihn nicht mit seinem Namen Petrus, ein starker Fels. Auch ein Simon darf schwach sein.

Früher hätte Simon als Petrus sofort geantwortet: „Natürlich liebe ich dich! Niemand liebt dich mehr als ich, ich bin der Erste und der Beste!“
Aber seine Erfahrung der Verleugnung hat ihm gezeigt, wie menschlich er ist. Er vergleicht sich nicht mehr mit anderen, er hat ein realistisches Bild von sich: „Ja, du weißt, ich habe dich lieb.“ Und er überlässt Jesus das Urteil über die Qualität der Liebe.
Jesus wendet sich dem zu, der den Mut verloren hat, der nicht besser ist als die anderen.
Und das ist ein ganz wichtiger Teil der Osterbotschaft: die Botschaft des Wiederaufstehens. Jesus trägt die Liebe nach.  Er ist nachtragend im österlichen Sinn. Er geht auf Simon zu. Jesus geht auf mich und dich zu. Er baut Brücken und stellt die Beziehung wieder her. Deswegen fragt er nicht nach dem Versagen. Das drückt den Menschen nieder. Er fragt nach der Liebe, nach dem, was uns trägt. Das richtet uns auf. Das lässt uns aufstehen – auferstehen, neu leben.
Das ist das Leben: Es gibt schwere Situationen und Niederlagen, aber wir dürfen danach wieder aufstehen. Gott will das Leben und will, dass wir das Leben in voller Genüge haben.
Das macht es uns möglich, anders und neu mit dem Scheitern und dem Versagen umzugehen. Und nimmt uns den Druck alles zu können, alles zu leisten, keine Fehler machen zu dürfen. Womöglich alles noch besser zu machen als die anderen!

Den ganzen Konkurrenzkampf, wer Jesus am meisten liebt oder wer der beste Christ ist, können Petrus und wir uns sparen.

Jesus fragt nach der Liebe und bietet gleichzeitig seine Liebe an. Er trägt uns die Liebe nach. Er bricht den Kontakt nicht ab, sondern nimmt den Kontakt zu uns wieder auf. Das ist Gottes Barmherzigkeit: das ist misericordias domini.

Diese nachtragende Liebe hat Folgen. Denn wir können gar nicht anders. Wer geliebt wird, wer sich freut, der will es teilen. Nachtragende Liebe wird zur tragenden Liebe.
Jesus übergibt Petrus eine Aufgabe: Weide meine Lämmer.  Kümmere dich um die Jünger und Jüngerinnen, um die Gemeinschaft.
Jetzt erst ist aus Simon Petrus geworden. Er hat erlebt, wie Jesus auf ihn zuging und in einer Offenheit die Beziehung wiederherstellt hat und ihm sogar Verantwortung überträgt. Petrus wird sich immer daran erinnern und seine Mitmenschen auch so behandeln. Er wird nicht die Leistung in den Vordergrund stellen, sondern die Liebe. Er wird andere nicht am Versagen messen, sondern die Hand zum Wiederaufstehen reichen. Es braucht nicht die Superchristen, es braucht die „Liebe nachtragenden“ Christen. Wenn jemand weiß, wie menschlich er ist, desto besser kann er die anderen Menschen verstehen. Weil Petrus bei Jesus eine gute Beziehung und Führung erlebt hat, kann er anderen Menschen gute Beziehung und Führung anbieten.

Petrus Schwäche zeigt ihm die wirkliche Stärke: die nachtragende Liebe. So wird das Amt des Petrus zu einem Hirtenamt.
Und mit Petrus lernen wir das Hirtenamt füreinander: die Verantwortung füreinander in der nachtragenden Liebe.
In diesem Sinne, lade ich Sie ein, nachtragende Christen zu sein, denn Gottes Liebe trägt uns.
Gott sei ewig Dank. Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Idee des Nachtragens stammt von Pfr. Hanna Hartmann – ich habe es weiter ausgeführt
Bild: bekannt

Gemeinschaft mit Gott und untereinander

Die Predigt zu Kolossser 2, 12-15 wurde von Diakonin Barbara Neudeck zum Sonntag Quasimodogeniti bei der Eucharistiefeier des Berneuchener Dienstes Konvent Baden-Württemberg in Stuttgart gehalten.

Liebe Gemeinde,

Ein Artikel der TAZ vom vergangenen Wochenende lautete: „Die deutsche Fehlerkultur erlebt ihre Karwoche“. Die Autorin, Doris Akrap, zielt daraufhin ab, dass deutsche Politiker in dieser Woche das Entschuldigen für sich entdeckt haben. Ob allerdings allein die Entschuldigung für die Herstellung der Reputation ausreicht, entscheidet man aber keinesfalls selbst.

Weiterhin schreibt sie, „dass die Idee der Gnade überhaupt in die Welt kam, das feiern die Christen seit Ostern.“ Es sei ein historisches Ereignis, das die Zeitenwende einläutete in eine Zeitrechnung vor Christi und nach Christi. Die Wende besteht nicht weniger und nicht mehr in der Neubewertung von Sünde und Schuld, von Fehler und Verantwortung als ein neues Zeitalter der Gnade. Mit der Auferstehung Jesus wird die Schuld entschuldbar.

Für die Politiker und auch für uns. Allerdings geht das nicht ohne die innere Kehrtwende – das ist unser Anteil daran. Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen.  Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.
Und damit liegt die Journalistin in vielen Teilen mit unserem Predigttext überein.

Predigttext: Kolosser 2, 12–15
12Mit Jesus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen. Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.

Die fünf Versprechen der Gnade Gottes:

1. Der Tod wird zur Hoffnung
In der Taufe wurden wir begraben.
Die Taufe entspricht dem Begraben werden. Begraben werden: symbolisch verdeutlicht durch das Untertauchen des ganzen Menschen ins Wasser, so wie es früher üblich war. In der Taufe wird die Beerdigung des Menschen gefeiert, der im Machtbereich des Satans gefangen war. Ein Machtbereich in dem kein freies Leben möglich ist. Untertauchen in den Tod: wo kein Atmen und Leben für uns Menschen möglich ist.
Wir wurden: das ist nichts, was wir getan haben – „wir wurden begraben“ – passiv! Gott hat an uns getan: begraben und auferweckt. Vom Tod und Dunkel neu geboren.
Aber gleichzeitig bedeutet Wasser Reinigung. Der Schmutz, die Schuld, wird abgewaschen und ist begraben. Oder wie Paulus sagt: der alte Adam, die alte Eva sind gestorben; siehe, eine neue Kreatur ist geworden.

2. Das Leben und der Glaube wird geschenkt
In der Taufe wurden wir mit ihm auferweckt. Ein Kind wird geboren, es gebiert sich nicht selbst. Vom Wasser zur Luft, zum Lebensatem. Wie eine Geburt. So heißt auch unser Sonntag Quasimodogeniti: wie die neu geborenen Kindlein.
Auch hier geschieht etwas mit dem Menschen, der selbst passiv bleibt. Gott schenkt das neue Leben. Gott schenkt den Glauben. Der Mensch wird in das Reich Gottes, in den Machtbereich Gottes, gestellt. Hier ist freies Leben möglich. Der Glaube ist keine Ideologie, die man sich zu eigen macht, kein Verein, zu dem man beitritt. Durch die Taufe gehören Christen zu Gott, wie die Juden durch die Beschneidung zu Gottes erwähltem Volk gehören.
In der Taufe handelt Gott selbst durch den heiligen Geist. Gott sagt unumstößlich sein Ja zu dir und mir. Dieses vollkommene Ja prägt mich. Das ist mein Glaube. Taufe und Glaube gehören für Paulus zusammen, so wie Tod und Auferstehung Jesu Christi zusammengehören. Eins kann ohne das andere nicht sein.

3. Die Gnade: der Schuldschein ist zerstört
Paulus beschreibt, was Tod und Auferstehung genau für uns Christen bedeutet.
Der Schuldschein, mit all seinen Forderungen wie das Gesetz es fordert, wird ans Kreuz geheftet und genagelt. Es ist gestorben, begraben, vernichtet. Dieser Teil ersteht nicht aus dem Grab. Der ist für immer zerstört.
Der Schuldschein, der unser Leben zerstört, ist zerstört. Der Schuldschein, der uns den Frieden raubt, der uns von Gott trennt, ist zerstört. Das ist Gnade. Gott selbst hat den Schuldschein zerrissen, wie er den Vorhang im Allerheiligen zerrissen hat. Da ist nichts mehr was uns von Gott trennen könnte. Gott selbst hat den Weg frei gemacht. Das ist Gottes Gnade für uns.

4. Das Leben mit Gott als die gute Wirklichkeit
Dieser Tod entlarvt das Gesicht der Macht und der Gewalten, die von sich behaupten, nur durch sie könne man in Sicherheit leben. Sie werden entkleidet und bloßgelegt.
Wie eine Mafia bedrohen sie unser Leben und garantieren uns scheinbare Sicherheiten. Und was passiert? Sie verstricken uns immer mehr in ihr Geflecht von Misstrauen und Angst. Aber Angst und Misstrauen lassen uns nicht leben.
Dank der Taufe und Gottes großem Ja, hat diese Mafia der Macht und Gewalt ausgedient.

Ich erlebe es immer wieder bei Patienten, dass angesichts der Erkrankung und der Möglichkeit des Sterbens, die kleinen Sorgen und Streitereien unwichtig werden. Die Prioritäten ändern sich. Was uns früher aufgeregt hat, ist jetzt nicht mehr relevant. Wichtig werden die lieben Menschen um einen, der Glaube und die Bewältigung des Alltags. Was trägt mich, auf was kann ich mich verlassen.

Klar, wir leben im Paradies. Wir sind noch an diese irdische schöne und grausame Welt gebunden. Und vieles macht uns Angst. Der Krieg, eine Krankheit, die Schmerzen, ein Verlust.

Aber mir geht es dabei so, dass mein Glaube mir sagt: letztendlich entscheidet Gott über mein Leben. Ein Gebet beruhigt mein Gemüt. Es hilft mir, dass ich handeln kann, etwas tun kann, was im Sinne der Nächstenliebe ist. Und wenn ich mein ganzes Vertrauen in Gott lege, fordert mich gerade dieses Vertrauen auf, zu handeln. Für den Menschen, für die Schöpfung, für den Frieden. Gerade weil ich in Christus auferstanden bin, will ich, dass andere etwas von der Auferstehungskraft mitbekommen. Aber ich bin damit nicht allein auf mich gestellt.

5. Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander
Ich bin nicht allein: die Taufe schafft Gemeinschaft, die schon vor mir da ist, die ich nicht selbst schaffen muss. Ich weiß, wohin ich gehöre. Die christliche Gemeinschaft durch den heiligen Geist – von Gott geschaffen.
Sie umgibt mich heute und hier im Gottesdienst. Schauen Sie sich um: rechts und links, vor oder hinter Ihnen: wir sind miteinander verbunden in Christus.
Eine Gemeinschaft der Getauften. Wir handeln nicht konzeptionell als Idee, sondern wir bewirken etwas durch unseren Glauben.
Auferstehungsmenschen sind freie Menschen. Wir müssen uns nicht mehr vom Versagen, von der Schuld, von der Macht oder der Gewalt bestimmen lassen. Wir tun Ungewohntes: wir tun alles, was Vertrauen bildet, Freiheit schenkt und den Glauben stärkt; durch Gott, der uns in Jesus Christus auferstehen lässt. Gott sei ewig Dank.
Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Foto: pixabay.com

Osterlichtmandala 2022

Martin Buddeberg lädt uns ein,
sein selbst gestaltetes Osterlichtmandala zu betrachten,
es in uns wirken zu lassen
und vielleicht finden wir dann Worte,
so wie Marie Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht:
(EG S.262)

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

 

Elija am Berge Horeb

Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Sieger Köder (*1925 +2011), studierter Silberschmied, Maler, Kunstgeschichtler und Katholischer Theologe schuf in seinen 89- Lebensjahren viele eindrückliche Kunstwerke, so auch die Karte „Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln“ die Sie gerade in Ihren Händen halten.

Schauen Sie sich die Karte an – Was entdecken Sie, welche Gedanken, Gefühle oder Sehnsüchte werden wach?

Nach einer Zeit des Betrachtens lese ich den Predigttext
aus 1. Könige 19, 1-8      Elija am Horeb

1 Und Ahab sagte Isebel alles, was Elija getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
2 Da sandte Isebel einen Boten zu Elija und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!
3 Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.
4 Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.
5 Und er legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss!
6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Elija lief um sein Leben. Er flieht. So genau weiß er auch nicht warum. Aber er weiß, dass er an der Situation nicht unschuldig ist. Er wollte doch nur beweisen, dass der Gott Israels der Mächtigste ist und die Baale ein Nicht sind. Der Beweis auf dem Karmel funktionierte. Gott hat das Opfer entzündet. Laut prasselte das Feuer. Das Volk jubelte. Und Gott hat es regnen lassen, sein Rauschen erfüllte das ganze Land.

Ganz im Triumphgefühl hatte Elija dann die 450 Baalspropheten niedergemetzelt. Klar, dass sich das die machthungrige Königin Isebel, die selbst eine Baalsanhängerin war, nicht bieten lässt und ihm nach dem Leben trachtet.

Elija ist nun in der Wüste – ganz allein – mit sich – mit seinen Gedanken. Sein Resümee fällt bitter aus: Es war alles umsonst, die Bemühungen waren vergeblich. Was hat es gebracht? Ich kann nicht mehr!
Ich kann nicht mehr   –   diese Worte sind uns doch gar nicht so fremd. Überforderung, die Kräfte lassen nach oder auch einfach nur müde, müde vom Leben – das sind Situationen die das Gefühl geben: Ich kann nicht mehr.

Elija wollte aufzeigen, wie mächtig sein Gott ist und wie der Gott Israels handelt. Dabei ist er schuldig geworden. Ist jetzt alles aus?

Und Elija erfährt: Gott ist anders. Gott lässt seine Boten nicht im Stich, so unvernünftig sie sich auch anstellen, so viel Schuld sie auch auf sich laden. Da in der Wüste – wo die Stille ihn in einen erschöpften Schlaf fallen lässt, lässt Gott einen Engel kommen. Mit Brot und Wasser. Mit dem Lebensnotwendigen wird die Not gewendet. Elija wird gestärkt.
Zweimal kommt der Engel. Elija isst und trinkt. Zweimal. Ganz gemächlich, ohne Hast und doch mit einem Ziel, mit einem Auftrag, den der Engel vorgibt: Steh auf, iss und trink, du hast einen weiten Weg vor dir.

Und Elija geht los. 40 Tage und Nächte läuft er, so wird berichtet. Die Zahl 40 ist in der Bibel eine heilige Zahl. 40 Tage oder Jahre – da ist Zeit für Veränderung, für Besinnung, für Umkehr. Zeit, um Sinn und Ziel des Lebens zu erfassen.
40 Jahre ist das Volk Israel in der Wüste unterwegs.
40 Tage fastet Jesus in der Wüste.
40 Tage bleibt Mose auf dem Berge Sinai/Horeb, wo Gott ihm erscheint.
Dorthin ist nun auch Elija unterwegs. 40 Tage   –   Allein mit sich und seinen Gedanken. Ob Elija weiß, was ihn da erwartet? Ob Elija selbst Erwartungen hat? Das wird nicht erzählt.

Der Berg Horeb ist ein Ort der Begegnung mit Gott. Elija sucht in einer Höhle Schutz. Dort fragt ihn Gott: Was willst du hier? Möchtest du vielleicht etwas von mir? Elija ist auch nach 40 Tagen noch nicht soweit, sich Gott und sich selbst anders vorzustellen. Stattdessen beginnt er wieder mit seinem Lamento: Ich habe es doch nur gut gemeint und alle sind gegen mich.

Er sagt nicht: ich will dich sehen, Gott, ich will dich hören. Sag mir doch, was ich weiter tun soll. Er ist noch in seinem Bild von sich und Gott gefangen. Gott tritt gewaltig auf, laut und eindrucksvoll, damit er die Menschen überzeugt. Und Gott scheint das Bild zunächst weiter zu bedienen: Sturm, Erdbeben und Feuer – alle Naturgewalten werden aufgefahren – aber sie bleiben leer. Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer. Gott ist nicht in Macht, Gewalt und Zerstörung zu erfahren.
Das tut einerseits gut. Wir brauchen keinen Kriegsgott, keinen Donnergott. Vielmehr sehnen wir uns nach Frieden, nach Gewaltlosigkeit, nach Einheit mit der Natur. Wir fürchten Waldbrände, Überschwemmungen, Stürme, Kriege.

Andererseits sehnen wir uns auch nach einer starken Hand, die den Diktatoren Einhalt gebietet, den Soldaten die Waffen aus der Hand reißt, das Corona-Virus aus der Welt verbannt.

Gott lässt sich in einem stillen, sanften Sausen erfahren – oder wie Martin Buber (Philosoph) schreibt: in einer Stimme verschwebenden Schweigens.
Also: Gott zeigt sich in der Stille. Im Hinterher-lauschen. Vielleicht nur Sekunden – wie im Nachklang eines Akkords. Und dann schon wieder nicht mehr greifbar. Wie ein Hauch – und dann wieder weg.

Ja, es gilt auszuhalten: Gott ist unverfügbar. Er lässt sich nicht festhalten. Nicht vereinnahmen. Und manchmal scheint er auch so fern, gerade dann, wenn wir uns danach sehnen, dass er uns an der Hand hält oder unserer Not ein Ende macht.
Mit den Vorfahren im Glauben erfahren wir aber: Gott ist da. Oft erst im Nach-sehen, im Nach-lauschen erkennen wir, dass Gott in uns wirkt, immer wieder neu.

Elija weiß um den heiligen Augenblick und schlägt seinen Mantel vors Gesicht. Gott kommt bei ihm und in ihm an und so tritt Elija als neuer Mensch aus der Höhle. Mit einem neuen Auftrag wird er seinen Weg gehen.

Elija ist Gott begegnet. Kann uns das auch geschehen? Gott erfahren, Gott finden? Was muss ich tun, damit mir das auch geschieht?
Dorothee Sölle beschreibt es so: »Es ist ein Gott, der immer wieder erfahren und gefunden werden muss, indem wir uns für ihn entscheiden.«
Sich für Gott entscheiden und dabei erfahren, dass das, was war, an Gewicht verliert. Nicht meine Verdienste und auch nicht meine Verfehlungen zählen. Nur die Sehnsucht nach dem Einen, der zu mir spricht – im Hauch, im Schweigen. Es lohnt sich, sich auf Gott einzulassen und zu spüren: Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Amen.

Predigerin: Margret Häßler

Predigt zu Sonntag Estomihi 2022

Predigt über Mk 8, 29 – 38
Predigerin Barbara Neudeck

29 Und er fragte sie: Ihr aber, wer, sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus! 30 Und er bedrohte sie, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.
31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohepriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. 36 Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.
Übersetzung nach: Hoffnung für alle

Liebe Gemeinde,

normalerweise wäre jetzt Faschingszeit.  Ich bin ja nicht so der Faschingstyp, aber bei Umzügen sind die Narren, Hexen und Teufel schon imposant anzuschauen.
Aber jetzt wäre mir gar nicht nach Fasching zumute, mit dem Krieg, der in der Ukraine begonnen hat.
Da überlegt man sich schon welche Teufel die Machthaber reiten, dass sie den Frieden riskieren.

In unserem Predigttext nennt einer den anderen einen „den Christus“ und der andere den einen „einen Teufel.“
So stehen Jesus und Petrus sich gegenüber.

Seit Monaten gab es auch Spannungen unter den Jüngern mit Jesus. Sie versehen Jesus nicht. Warum zeigt er nicht endlich seine Macht und jagt die Römer aus den Land und stellt wieder Frieden her.

Aber jetzt sind sie auf den Weg nach Jerusalem, jetzt wird es sich zeigen wer Jesus ist.
Auf Jesu Frage hin: „Wer denkt ihr, wer ich bin?“ sagt Petrus überzeugt: „du bist der Christus!“ und meint damit: du bist der Gesalbte, der erwartete Messias, der König, der uns aus dem Elend herausführt.
Jesu verneint es nicht.  Die Jünger werden dadurch Hoffnung geschöpft haben. Das ist die Bestätigung, die sie brauchten. Jetzt ist es klar und offen.
Aber Jesu Verhalten irritiert sie: warum sollen sie schweigen? Laut verkündigen sollte man es! Dann kommt alles ins Rollen, dann beginnt die neue Herrschaft.
Und Jesus geht noch weiter: ich muss leiden, werde verurteilt und werde sterben.
Die Jünger verstehen gar nichts mehr. Petrus, stellvertretend für die anderen will Jesus davon abbringen. Nicht den Tod, sondern das Leben soll er wählen. Die Macht Gottes zeigen.  Und wie Gott zu seinem Volk steht und es befreit, wie damals aus der Knechtschaft in Ägypten und der Gefangenschaft in Babylon. Er soll Gottes Sohn den Frieden für Israel bringen.

Seit Monaten steigt bei uns die Spannung, die Auseinandersetzungen. Welcher Weg ist zu beschreiten? Wird es zu einer guten Lösung kommen?
Das kann man für unsere jetzige Situation sagen: die bunten Farben der Friedenszeit verblassen immer mehr und werden zu Grauschattierungen, die jetzt in schwarz enden.
Der Einmarsch Russlands in die Ukraine ist zu einem schwarzen Tag geworden.
Gibt es noch irgendeine Möglichkeit des Friedens? Alle Zeichen sagen: nein. Und dennoch gebe ich die Hoffnung auf Grund unseres Predigttextes nicht auf.

Jesus bringt Frieden, aber nicht mit Gewalt. Nicht mit Schwertern, nicht mit Blutvergießen. Ein Frieden, der mit Waffen geschaffen ist, ist ein erzwungener Frieden. Ein Frieden, in dem es Sieger und Verlierer gibt, ist nur eine Machtverschiebung, oder Machtbehauptung des einen über die anderen.

Die Herrscher dieser Welt reden vom Frieden und rüsten ihr Gefolge mit Waffen aus. Sie bürden Lasten auf, verbreiten Angst, ziehen eine Blutspur durch die Welt. Treten das Recht mit Füßen.

Jesus geht einen anderen Weg: den Weg der Gewaltlosigkeit.
Sein ganzes Wesen, seine Worte und Handlungen wurden von der Liebe Gottes zu jedem Menschen geprägt. Wenn er sich gewehrt hätte oder gar die Macht übernommen hätte, wäre alles, wofür er gelebt hat, nichtig.
Seine Worte und Taten werden aber umso wahrhaftiger und tiefgründiger, in dem er geschehen lässt, was er voraussieht.
Jesus weicht keinen Millimeter von dem Evangelium ab. Das Evangelium: dass Gott all seine Menschen liebt und ihnen nahe sein möchte. Keines seiner Worte nimmt Jesus zurück, als er dazu vom Hohen Rat aufgefordert wird, um sein Leben zu retten.

Jesu Friedensmission wird durch seinen gelebten Frieden erfolgreich sein. Bis heute konnte keine Macht und Gewalt sie stoppen.
Das geschieht, weil Menschen bis heute Jesus nachfolgen.

Jesus spricht von der Nachfolge, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen.
Jesus nachfolgen, heißt der Liebe nachfolgen. Die ganze Bergpredigt handelt davon: Nicht mehr Auge um Auge, sondern den Kreislauf der Rache durchbrechen. Der Soldat, der einen Hinterhalt fürchtete konnte damals einen Israeliten zwingen, als lebendiges Schutzschild, neben ihm eine Meile zu gehen. Jesus fordert: gehe freiwillig eine weitere Meile mit und sieh in ihm den Menschen und nicht den Feind.

Sich verleugnen, heißt die Mitmenschlichkeit über seine eigene Bequemlichkeit, über dem eigenen Vorteil oder Vorurteil zu stellen.  Und so ein wenig Frieden in die Welt bringen.
Das ist nicht leicht, und wir ernten dafür nicht immer Lob und Ruhm. Für sich selbst und andere einzustehen, gegen Ungleichheiten und ungerechte Strukturen zu kämpfen ist gefährlich. Die Demonstranten für den Frieden in Russland werden festgenommen. Russischen Medien, die das Wort Krieg benutzen droht das Aus. An viele Orten dieser Welt sitzen Menschen in den Gefängnissen, werden getötet, weil sie für Gerechtigkeit kämpfen.

Wer zum Gefolge des Messias gehören will, wird ganz und gar zu „seinem“ Menschen, lebt die Ideale des Menschensohns. Nur so wird sich die Friedensmission des Messias erfüllen. Wer ihm nachfolgt, scheut sich nicht, die Worte des Messias nachzusprechen und sie weiterzugeben. Die, die sich dem Menschensohn anschließen, sind im Herzen bereit, alles für ihn herzugeben. Sie tragen das gleiche Zeichen wie er. Sie nehmen das Kreuz und sie tragen es als Erkennungszeichen. Sie bleiben beim Menschensohn, wenn andere sich über ihn lustig machen. Sie reden Worte des Friedens. Sie sind unverbesserliche Optimisten und gehen jedes Risiko ein. Sie suchen nicht das Ihre, sie rechnen das Böse nicht zu. Sie freuen sich an der Wahrheit, sie ertragen alles, sie dulden alles. Sie gehören zum Menschensohn und sind dazu berufen, mit ihm zusammen aufzubrechen.

Frieden liegt nicht in der Macht, liegt nicht im Besitz, liegt nicht im Krieg. Wer daran sein Herz hängt, hat seine Seele verkauft, und verloren. Frieden liegt in der Gewaltlosigkeit, in den Konfliktlösungen, die allen zugutekommen, in der Gemeinschaft, in der Liebe.

Der Aufbruch naht. Wir haben Jesu Aufforderungen im Ohr. Wir haben Jesu Worte im Herzen. Wir haben Jesu Leben vor Augen. Wir wissen, wie er in Jerusalem triumphal empfangen wurde. Wir leiden mit ihm, der für den Frieden und Liebe starb. Jesus hat die Welt und die Gewalt überwunden. Wir glauben, dass sein Frieden die Welt verwandelt. Wir bekennen, dass Jesus der Christus ist, der Friedenskönig.
Und Jesus verspricht: selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Gott gebe unserem Tun und Reden Kraft und Mut. Amen.

Predigerin: Barbara Neudeck

Predigt Sexagesimae

Liebe Schwestern und Brüder,

Der Wochenspruch für diesen Sonntag Sexagesimae lautet: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“

Es gibt viele Arten des Hörens:
Genau hinhören, mit halbem Herzen hören, auf Durchzug schalten: da rein und da raus, selektives Hören, und, und…

Wenn ich nun unseren Predigttext lese: wie hören Sie ihn?
Hebr. 4, 12-13

Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zu Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen des Herzens; vor Ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.

Was haben Sie gehört?
Also mir ging es gar zunächst nicht gut mit dem Text: ich hörte: superscharfes zweischneidiges Schwert, es scheidet bis ins Innerste, nichts bleibt verborgen, ich bin schuldig. Punkt.

Wow  – wie hart ist diese Kost!
Ja, das steht da! Es ist nicht zu beschönigen! Und es trifft mich!
Treffende Worte können unangenehm sein. Denn solche Worte legen die Wahrheit über mich frei. Und die ist keineswegs nur rosig!  Meine ganzen Schattenseiten, bösen Gedanken und dunklen Gefühle tauchen auf – ich kenne mich doch! In der Regel kann ich sie gut verborgen halten. Aber jetzt trifft mich jedes Wort und stellt mich in Frage: wo bist du, Mensch? Wie stehst du zu Gott? Was machst du mit deinem Leben?
Natürlich gibt es auch die andere Seite in mir: die gute Seite, die Herzensgüte, die Sanftmut, die Liebe. Auch auf dieser Seite gibt es Dinge, die ich verborgen halte. Alles wird freigelegt.
Das macht mich verletzlich und bloß.

Es geht nicht ums Umdeuten dieser Worte: aber es geht ums Ganze. Es geht um den ganzen Menschen. Es geht um jeden einzelnen von uns und wie ich eingangs sagte: um das Hören von Gottes Wort, denn das Wort Gottes zeigt mir den Weg, um Ruhe und Frieden zu finden

Hören wir doch genau hin. Zuerst heißt es:
Sein Wort ist lebendig und kraftvoll, voller Energie: Lebenskraft pur.
Auf Gottes Wort hin ist es Licht geworden und es war gut.
Auf Sein Wort ist die Schöpfung entstanden und es war gut.
Auf sein Wort ist der Mensch entstanden zu Seinem Ebenbild und es war alles sehr gut.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns: Sein Sohn Jesus ist das lebendige Wort Gottes.
Das lebendige Wort will Leben, gutes Leben. Das Wort „gut“ kommt von „Gott“. Ein Leben mit Gott ist ein gutes Leben. Auch wenn es nicht immer ein einfaches und bequemes Leben ist.

Wie passt das aber zu dem zweischneidigen Schwert? Dem doppelt scharfen Schwert?

Vielleicht hilft ein Bild:
Der Arzt muss ins Fleisch schneiden um ein Geschwür herauszuholen. Er muss verletzen, damit der Mensch genesen kann.
Das heißt nicht, dass Gott uns einfach verletzen will, es heißt, dass Er heilen will. Gott ist nicht gegen mich, Er ist für mich.

Christsein birgt viele Freuden. Aber es ist kein Spaziergang. Christsein ist ein Reinigungsweg.
Wenn wir uns der Bergpredigt oder den 10 Geboten stellen, werden unsere Schattenseiten sichtbar.
In dem heilsamen Erkennen, zu was wir fähig sind oder sein könnten, liegt Ehrlichkeit, die Wahrheit über uns. Und es liegt an uns, wie wir leben wollen. Es ist unsere Entscheidung. Gott lässt uns unseren Willen.

Ich weiß noch, wie ich in ein fast bodenloses Loch fiel, als mir klar wurde, wie gemein, wie boshaft, wie verurteilend ich sein kann – und das mal offensichtlich, mal ganz subtil. Egal was der Auslöser war, oder wie verletzt ich mich vorher fühlte. Ich war gemein – ich sah die Schwärze meiner Schattenseiten. Meine andere Wahrheit, die ich auch bin!
Als ich mich so erkannte, fühlte ich mich voller Scham und vor mir selber bloßgestellt.

Bei Gott liegen wir offen, nackt und bloß. Aber Gott stellt uns nicht bloß. Nicht vor sich, nicht vor anderen, nicht einmal vor uns selbst, obwohl wir wissen, wie es in uns aussieht!

Bei den Worten „nackt und bloß“ sehe ich ein kleines Baby vor mir: Es rührt mich an, ich würde es aufnehmen und es umhüllen und nähren.
Wenn ich schon so fühle – wie viel mehr dann Gott, wo wir Seine Geschöpfe sind?
Ein Baby findet Ruhe bei seiner Mutter, sie liebt es und versorgt es.
Das will Gott für uns, dass wir Ruhe und Frieden bei Ihm finden, weil sein Wort uns versorgt: mit allem, was wir brauchen:
Mit Lebendigkeit, Kraft und Schärfe:

Lebendigkeit: das Leben, den Atem, das, was wir von Gott geschenkt bekommen haben, unsere ganze Existenz: dass ich ich bin, weil Er es so wollte: das ist an sich schon unglaublich!

Kraft: denn mit Seiner Gnade und Vergebung, mit Seiner Liebe und Seinem Licht ist mein Leben bunter, zuversichtlicher, geliebter, geborgener. Das gibt mir Kraft und Halt.
Damals habe ich an mir gezweifelt, ob ich überhaupt Gottesdienste halten darf, wenn ich von Frieden und Liebe predige und selber so gemein bin. Dass Gott mir vergibt, war nicht meine Frage – aber ob ich mir selbst vergeben kann. Bei jedem „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ zweifelte ich an mir. Es war ein mühsamer Prozess des Akzeptierens und Integrierens. Ich habe mit Gottes Kraft gelernt, wütend sein zu können, ohne gemein zu sein. Offen ausgesprochene Wut kann eine verändernde Kraft sein.

Schärfer: ich kann mich befreien lassen von all dem Ballast, den ich vielleicht jahrelang mit mir herumgetragen habe.
Was im Verborgenen mich verbogen hat, kommt in Gottes gutes Licht und wandelt sich. Das kann schmerzhaft sein, aber auch befreiend.  In der Rechenschaft vor Gott geht es mehr ums Erkennen, Freilegen und manchmal Geschwüre Abschneiden lassen.
Ich bin ich, mit alle meinen Seiten, ich bin Licht und Schatten. Aber mit mir ist Gott – Seine lebendige Kraft und Seine heilende Liebe.
Er ist es, der mich richtet, indem Er mich wieder aufrichtet, mich ausrichtet und mir den rechten Weg weist. So werden wir immer mehr zu dem Menschen, den Er von Anfang an in uns gesehen hat. Das schenkt uns Frieden mit uns selbst und mit Gott.

Schärfer auch, weil es dadurch schmackhafter wird: wir sind nicht „wischi – waschi“ oder Einheitsbrei!
Christsein bedeutet Stellung zu beziehen. So hat es Jesus auch getan. Gottes Wort – Jesus sagt uns, was gut ist.  Gegen Ungerechtigkeiten, Missbrauch, Hunger, Armut und vieles mehr angehen- immer wieder! Manchmal heißt es auch, Stellung zu mir selbst beziehen!

Gottes Wort zu hören – wirklich zu hören! – schenkt uns einen Frieden, wie es sich Gott für uns wünscht, schenkt uns eine Gemeinschaft mit Ihm, eine innige Liebe zu Ihm und zu unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen.

Auf Gottes Wort zu hören ist lebenswichtig für uns. Wir „gesunden“ an Seinem Wort. Wir heilen an Seinem Mahl. Denn wie das Wort unser Herz erreicht und Brot und Saft der Trauben zu unserem Leib wird, so nah will uns Gott sein und uns heil machen und Heil schenken.
Gott sei Dank. Amen.

Predigt: Barbara Neudeck, Diakonin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Predigttext zum 2. So nach Epiphanias 2022, 1. Kor 2, 1-10
1Liebe Brüder und Schwestern! Als ich zu euch kam und euch das Geheimnis Gotte zu verkünden, habe ich das nicht mit geschliffener Rede und menschlicher Weisheit getan. 2Ich wollte bewusst von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus, dem Gekreuzigten. 3Dabei war ich schwach und elend und zitterte vor Angst. 4Was ich euch sagte und predigte, geschah nicht mit ausgeklügelter Überredungskunst; durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft. 5Denn euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.
6Dennoch erkennt jeder im Glauben gereifte Christ, wie wahr und voller Weisheit unsere Botschaft ist. Es ist zwar nicht die Weisheit dieser Welt und auch nicht die ihrer Machthaber. Aber die Welt mit all ihrer Macht vergeht ohnehin. 7Die Weisheit jedoch, die wir verkünden, ist Gottes Weisheit. Sie bleibt ein Geheimnis und vor den Augen der Welt verborgen. Und doch hat Gott, noch ehe er die Welt schuf, beschlossen, uns an seiner Weisheit und Herrlichkeit teilhaben zu lassen. 8Von den Herrschern dieser Welt hat das keiner erkannt. Sonst hätten sie Christus, den Herrn der Herrlichkeit, nicht ans Kreuz geschlagen. 9Es ist vielmehr das eingetreten, was schon in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist: »Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen konnte, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.«
10Uns hat Gott durch seinen Geist sein Geheimnis enthüllt. Denn der Geist Gottes weiß alles, er kennt auch Gottes tiefste Gedanken.

Liebe Gemeinde,
in der Schriftlesung haben Sie den heutigen Predigttext aus 1. Kor 2, 1-10 gehört.
Können Sie sich erinnern? Was ist Ihnen hängen geblieben? Nichtwahr, diesen Abschnitt des Briefes von Paulus an die Korinther ist nicht so leicht nachzuerzählen. Selbst das geschriebene Wort musste ich mehrmals lesen.
Paulus predigte damals mit verständlichen Worten den gekreuzigten Christus, damit die Menschen ihm folgen können, wie auf einem guten, einfachen und geraden Weg. Er benutzte keine geschliffene Rede, keine ausgeklügelte Überredungskunst, sondern einfache Worte mit „Angst und Zittern“.
Sein Brief hingegen führt uns in tiefe Schluchten und hohe Gipfel. Es führt uns zum Geheimnis, verborgen und im Dunkeln, und zur Weisheit, klar und licht.

Fünf Mal wird die Weisheit erwähnt.
Was ist Weisheit? Wen kennen Sie, der für Sie eine weise Person ist? Und warum?
Üblicherweise stellen wir uns sie wie eine betagte Person von. Aus Lebenserfahrung weise geworden.  Weisheit ist mehr als Wissen. Auch ein Kind kann weise sein: Kindermund tut Wahrheit kund.
Ich meine, Weisheit ist eine ganzheitliche Erkenntnis mit Herz, Hirn und etwas Humor. Mit Liebe für mich und meinen Mitmenschen. Mit Erfahrung aus dem Leben und unseren Erkenntnissen. Und mit einem Wissen, bzw. Humor, dass wir Menschen eben nicht alles wissen und festzurren können und oft mit unserem Wissen über die Welt und den Menschen haarscharf daneben liegen können. Also Herz, Hirn und Humor.

Das Geheimnis kommt in unserem Text drei Mal vor.
Geheimnis: Was kein Aug jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen konnte.
Ein Geheimnis ist schon irgendwie besonders.
Geheimnis ist etwas, was wir für uns behalten möchten oder wir teilen es mit vertrauten Menschen und schließen damit andere aus.
Ein Geheimnis rührt an unser Empfinden nach Aufdeckung, ganz besonders dann, wenn wir vom Geheimnis ausgeschlossen sind.
Wir Menschen wollen alles wissen und die heutigen Medien geben uns Zugang zu allem möglichen Wissen, auch zu dem, was wir nicht wissen wollten.

Beim ersten Lesen des Paulusbriefes empfand ich es beinahe als anstößig, dass er von den Geheimnissen Gottes sprach. Denn in der Theologie lernen wir: Gott hat sich den Menschen in Jesus Christus offenbart, und wer sich so offenbart hat, der hat keine Geheimnisse mehr vor den Menschen. Und trotzdem behält Gott sein Geheimnis.
Wie geht das?

„Der Mensch“, schreibt Klima, ein tschechischer Schriftsteller, „hat sich die Welt immer dadurch angeeignet, dass er Fragen stellte. Für ein Kind ist die Welt noch ein einziges Geheimnis. Für einen weisen Menschen bleibt sie es bis an sein Lebensende. Das Geheimnis, das am meisten herausfordert, sollten andere menschliche Wesen sein“.
Und das ist ja das spannende an meiner Arbeit als Seelsorgerin. Ich begegne so vielen Menschen. Und jeder ist anders. Jeder hat seine Erfahrungen im Leben gemacht, die ihn prägten. Er ist Mensch wie ich und doch ganz anders. Ihn in seiner Situation verstehen und seinen Weg mitzugehen – und nicht zu denken, ich hätte die Weisheit mit Löffeln gegessen und könnte ihn sagen, was er zu tun oder zu lassen hat. Nur in diesem Hinhören, Fragen und Begleiten kann ich Beziehung aufbauen.
Ich denke, dass der Mensch eines der größten und wunderbasten Geheimnisse der Welt ist. Von Gott zum Ebenbild erschaffen. Wenn der Mensch schon ein Geheimnis ist, wie viel mehr Gott?
Wir werden Gott nie erfassen können, nie verstehen können, nie begreifen können. Aber in Jesus schon.
Da hat Gott sich offenbart. In Jesus hat er sich offenbart, in dem er zu uns eine Beziehung eingeht.

Und hier verbindet sich das Geheimnis mit der Weisheit.
Erinnern Sie sich noch, wie ich sagte Weisheit ist Hirn, Herz und Humor?

1. Gott hat vor der Erschaffung der Welt beschlossen uns an seinem Geheimnis und seiner Weisheit teil haben zu lassen.
Gottes weiß um unsere Menschlichkeit. Er weiß, dass wir ihn nicht von uns aus begreifen und fassen können. Das bringt ihn zu dem Entschluss uns als Mensch entgegen zu kommen. Das ist Gottes „Hirn“. Er begegnet uns Menschen im Menschen Jesu.
Der herabgekommene Gott wird als kleines Kind in der Krippe im armseligen Stall geboren. Unerkannt, ein Geheimnis.  Jesus lebt unser Leben. Er stirbt wie wir.

2. Jesus zeigt mit seinem ganzen Leben, in all seinem Tun und seinen Reden die Liebe, die Gott zu den Menschen hat. Dass Gott sich nichts mehr sehnt als mit uns in Beziehung zu sein und uns nahe zu sein.  Er sagt, selbst wenn eine Mutter sich von Ihrem Kind abwenden könnte, Gott könnte es nicht. Das ist Gottes „Herz“.

3. Gott widersteht der Weisheit der Welt, die sagt: der Stärkere hat das Recht, der Machthaber regiert, der Schlaue gewinnt.
Er macht aus dem Gedemütigten am Kreuz, aus dem ohnmächtig Sterbenden und aus dem Getöteten einen Auferstandenen, eine ewig Lebendigen und Liebenden.
Im dunklen Tod das Licht und das Leben. Damit wir leben und Hoffnung haben, damit wir mit Gott verbunden sein können, nicht nur in unseren Tod, nein, auch jetzt schon im Leben.
Ein Geschenk Gottes, das sein Geist uns bringt und uns glauben lässt.
Der weltlichen Weisheit zum Trotz. Für die Welt ist es Humbug, Torheit, ein Witz.
Und vielleicht ist es Gottes Humor, dass er dem Trennenden, dem Endgültigen, dem Tod ein Schnippchen schlägt und es wandelt in Leben und Verbindung.

Die Weisheit dieser guten Botschaft bleibt ein Geheimnis. Für uns ein Geheimnis des Glaubens, das wir stückweise erkennen. Wie Paulus sagt, jetzt sehen wir wie durch einen dunklen Spiegel, dann einmal bei Gott erkennen wir alles.

Warum Gott den Menschen in Jesus Christus in so einer unfassbaren Liebe entgegenkommt, das ist sein Geheimnis, das wir nicht fassen können. So unverdient und so erfüllend.
Das ist einfach die Fülle der Gnade Gottes, die er uns im Wochenspruch verheißt.
Das ist eine Weisheit, die vom Heiligen Geist kommt.
Letztendlich ist die Weisheit, von der Paulus spricht, keine Weisheit, die man sich durch Erfahrung, Lernen oder Wissen erwerben kann. Die Weisheit, von der Paulus spricht, versteht man nur, wenn man es als ein Geschenk Gottes begreift.

Und dieses Geschenk ist, dass wir auf unserem Weg immer von Gott begleitet sind, was auch geschieht im Leben und im Tod und darüber hinaus.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alles, was wir uns denken und vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Verfasserin: Barbara Neudeck, Diakonin und Mitglied im Berneuchener Dienst

 

Predigt zum 1. Advent

Predigt Jes. 23, 5-8

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6Zu seiner Zeit soll Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit leben. Und dies wird sein Name sein, den man ihm geben wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«  Dann werden sie wieder in ihrem eigenen Land wohnen.«

 

Liebe Gemeinde:

Mit unserem heutigen Predigttext gibt uns Gott eine Sehhilfe. Offenbar brauchen wir das. Vielleicht, weil wir das Gewohnte schon so gut kennen, dass wir nicht mehr genau hinschauen. Vielleicht, weil wir Menschen gar nicht so genau hinschauen wollen. Alles ein wenig verschwommen zu sehen, hat auch Vorteile: man sieht den Dreck nicht. Und wenn man den Dreck nicht sieht, muss man nicht saubermachen!

Fast 1200 Mal steht das Wort Siehe in der Bibel.

Es hat immer eine besondere Bedeutung, wenn es von Gott oder seinen Boten gesprochen wird. Es ist erstaunlich wieviel das Wort Siehe aussagen kann. Anhand des Predigttextes zeige ich einige Aussagen auf.

Siehe als Wort der Botschaft. Siehe steht meist vor einer guten Nachricht. Gott lässt uns Dinge sehen, die wir vielleicht übersehen hätten, die wir nicht wahrnehmen konnten oder die an uns vorbei gerauscht wäre. Z.B.: den Hirten wird gesagt: Siehe euch ist heute der Heiland geboren.

Siehe ist eine Aufforderung, aufzumerken, aufzupassen. Siehe zeigt an, dass etwas Wichtiges diesem Wort folgt.

Siehe als Ansprache – das Volk / ich / du werden angesprochen, wir sind gemeint.

Jeremia sagt diese Siehe dem jüdischen Volk, das seit Jahrzehnten in babylonischer Gefangenschaft ist. Diese traumatische Erfahrung ist vergleichbar mit dem Gefühl der Verlassenheit und Dunkelheit. Mit dem Siehe wird das Volk in dieser Situation angesprochen, ganz persönlich als Gottes Volk.

Siehe als Wort der Zusage–siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Das ist eine Zusage, ein Versprechen Gottes.

David war der König, der Nord- und Südreich geeint hat und Israel zu einem starken Volk gemacht hat. Ihm hat Gott versprochen, dass seine Nachkommen die Könige sein sollen. Daraus wurde mit der Zeit die Verheißung, dass dieser eine König, der Messias, das Volk retten wird.

Siehe, er soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit leben. Und dies wird sein Name sein, den man ihm geben wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.

Siehe für Gottes Sehen

Juda Retten und Israel soll in Sicherheit leben: das sind Gottes Aufgaben.

Vor allen Siehe steht das Sehen Gottes. Gott sieht sein Volk im Dinkeln, in der Not. Gott sieht auch heute mich. Nicht als Überwacher, sondern als Liebender. Er sieht mich an und will mir Gutes. Er will mich retten und Sicherheit geben, mir Leben schenken.

Viermal steht das Wort Recht und Gerechtigkeit in unserem Text. Mit Recht und Gerechtigkeit ist mehr gemeint als das Recht im juristischen Sinn. Nicht allen das Gleiche, sondern jedem und jeder, was er oder sie braucht. Dass jeder und jede die besondere Achtung und die Wertschätzung bekommt, die er oder sie braucht und die Gott allen in gleicher Weise schenkt. Aus dieser Gerechtigkeit wächst der Frieden. Gottes Sicht auf mich verändert meine Sicht auf mich selbst und die Menschen um mich herum. Ich kann dann nicht mehr den anderen drangsalieren. Er ist wie ich, Kind Gottes. Und wenn ich ihn schon nicht leibe kann, dann wenigstens mit Respekt behandeln. Respekt als der kleinste gemeinsame Nenner der Liebe.  So können wir miteinander leben. Gerechtigkeit bringt Frieden und Frieden bringt Sicherheit.

Siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«  Dann werden sie wieder in ihrem eigenen Land wohnen.«

Siehe als Wort des Willen Gottes –Gott steht seinem Volk bei, wie damals, als er sein Volk aus Ägypten führte, so wird er heute und in Zukunft uns aus der Knechtschaft führen.

Gott ist der, der damals gehandelt hat und der, der immer noch handelt. Er wendet unseren Blick von dem Früher bis in die Zukunft.

Er sagt: Siehe, es kommt eine Zeit. Es gibt eine Zukunft, die Gott selbst ankündigt und die er gestaltet- „Ich will“, sagt er, und was er will, das tut er auch. Siehst du, was ich dir in Zukunft Gutes tun will.

Gott ist ein Gott der durch alle Zeiten mit seinen Menschen mitgeht. Gott ist ein Gott, der treu ist.

Dann wird Siehe zum Wort des Trostes und der Kraft

Sein Siehe ist ein Wort gegen meine Angst und Resignation. Bei allen alltäglichen Kämpfen, bei allen Sorgen, ob es die derzeitige Situation von Corona ist, oder eine Krankheit, oder zu merken, dass unsere Kräfte nachlassen, verspricht Gott uns nahe zu sein, uns zu begleiten.

Und Siehe wird zum Wort des Glaubens

Das Siehe und Glaube sind Geschwister. Ein Sehen, dass Gott zu seinem Wort steht und es wahr werden lässt, so, dass ich der Zusage neu vertrauen kann.

In dem vertrauen wird Siehe mir ein Wort der Rettung

Wir Christen sehen in Jesus Christus, den Davidssohn, den Messias, den versprochenen König. Der mich vor Gott „recht“ macht, der mich aufrichtet, der mir Frieden mit Gott schenkt.

Jesus Christus ist für uns die wahr gewordenen Zusage Gottes.

Jesus, der vor 2000 Jahren geboren ist, der uns von dem Gott, der uns sieht, erzählt und der aus Gottes Liebe heraus handelte.

Jesus, der es uns vorgelebt hat, dass auch wir einander in Liebe begegnen und die Schöpfung mit Gottes Augen sehen.

Jesus, der uns die Augen öffnet, damit wir ihm unsere Herzenstüren öffnen.

Siehe als Wort der Beziehung

Christus steht vor der Tür und will bei uns wohnen.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

(Wochenspruch zum 1. Advent)

Darauf bereiten wir uns im Advent vor: diesen König der Gerechtigkeit und des Friedens zu empfangen und ihn bei uns einziehen zu lassen. Darauf bereiten wir uns vor freuen wir uns.

Und Siehe – Gott will bei uns wohnen. Amen.