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Die Nacht ist vorgerückt …

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leser*innen unserer Internet-Seite!
Mit Gedanken zum Advent grüße ich Sie alle sehr herzlich am Beginn des neuen Kirchenjahres und wünsche Ihnen und Ihren Lieben Gottes Segen auf dem Weg durch diese Zeit, dem Christfest entgegen. Ihre
Sabine Zorn (BD)

Der Advent lehrt uns das Zählen: 24 Türchen im Kalender – für jeden Tag eines, vier Kerzen am Kranz aus Tannengrün – für jeden Sonntag eine, bis Weihnachten. Mit dem Zählen steigt auch die Erwartung, die Hoffnung darauf, dass etwas ganz Besonderes auf uns zukommt. Zu Recht.

In den letzten Wochen des Kirchenjahres und im nun beginnenden Advent leben wir in einer Jahreszeit, die deutlich vom Schwinden des Lichtes geprägt ist. Die Tage werden immer kürzer, die Dunkelheit nimmt zu, erst nach der Wintersonnenwende wird es langsam wieder heller werden. In der Natur erleben wir äußerlich, was uns die Liturgie als innere Bewegung erleben lässt. Denn in diesen Wochen begegnen uns in den Gottesdiensten die großen Themen des Lebens: Wir gedenken unserer geliebten Toten, blicken prüfend auf unser eigenes Leben und schauen erwartungsvoll auf das Kommen des Gottesreiches. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ (Rö 13,12)

Bei diesen Worten stellen sich aber auch Fragen ein, in diesem Jahr ganz besonders. Die Existenz der Nacht, der dunklen Erfahrungen im Leben, ist nicht zu übersehen. Jeder Blick in die Zeitung oder die Tagesschau zeigt überdeutlich: Es gibt viel Finsternis in unserer Welt. Zählen hat in diesen Tagen noch eine andere, oft beängstigende Dimension: Inzidenzwert, Infektionsrate, die Zahl der an Covid 19 Verstorbenen wecken bange Fragen: Wie wird das weitergehen, wann wird es wieder besser? So ist für viele Menschen diese dunkle Zeit des Jahres auch geprägt von belastenden Gedanken an die eigene Zukunft. Sie rauben uns in den Nächten den Schlaf und drohen, übermächtig zu werden. Da scheint der Tag sehr weit weg zu sein, die Dunkelheit nicht enden zu wollen. Kann man das überhaupt glauben: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“?

In seinem Brief an die Christen in Rom, in dem diese Worte stehen, schlägt Paulus einen österlichen Ton an. Paulus erinnert sie damit an ihre Taufe, an den entscheidenden Schritt in ihrem Leben, der sie zu Christus geführt hat, dem Licht der Welt. Im Taufgottesdienst hatten sie gehört: „Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf … Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ Mit der Taufe hatten sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und die Erfahrung gemacht, Kinder des Lichtes, Kinder Gottes zu sein. Diese Erkenntnis hatte ihr Leben grundlegend verändert, hatte Folgen gehabt für die Art und Weise, wie sie miteinander und mit sich selbst umgingen. Von jetzt an stand die Liebe im Mittelpunkt, die Liebe Gottes, aus der sie leben und die sie an andere weitergeben konnten.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, aber wir dürfen uns auch gemeint wissen. Er erinnert uns daran, dass die Taufe ein adventliches Geschehen ist: Gott kommt in unser Leben und macht die Nacht zum Tag, nicht nur zu Weihnachten. Dieses Kommen hat Folgen, denn wir werden nicht mehr bleiben, wie wir sind. Eine Folge, nicht eine Voraussetzung, dieses adventlich-österlichen Geschehens ist die Liebe, die unser Handeln prägen wird. Paulus ist überzeugt: Wer sich von Gott geliebt weiß, kann gar nicht mehr anders, als seine Nächsten zu lieben. Der weiß, was die Stunde geschlagen hat, und tut, was nötig ist, was der Liebe entspricht. Gelegenheit dazu bietet sich mehr als genug, Tag für Tag.

Der Advent lehrt uns das Zählen. Nicht nur Türchen am Kalender und Kerzen am Tannenkranz auf Weihnachten hin, sondern – gerade auch angesichts der bedrohlichen Zahlen – das Zählen darauf, dass die Finsternis nicht ewig dauert und Gottes heller Tag kommt, nein: dass er schon angebrochen ist. Der Tag, an dem die Liebe sich durchsetzt und es hell wird in den Häusern und Herzen.

Gebet
Herr Jesus Christus, Du bist das Licht der Welt. Das wollen wir so gerne glauben, aber es fällt uns auch schwer. In dieser dunklen Zeit sehnen wir uns nach Geborgenheit und Wärme. Komm zu uns mit Deiner Liebe, dann wird es hell in unseren Herzen. Mach uns bereit, Dein Licht weiterzugeben. Wir warten auf Deinen Tag und glauben: Er ist schon da.

 

 

Foto: Sabine Zorn

 

 

 

Sabine Zorn (58), Pfarrerin i. R., Unna; ehrenamtliche Geistliche Leiterin des Berneuchener Dienstes.

Elisabeth von Thüringen

Am 19. November gedenken wir der Heiligen Elisabeth. Hier ein Impuls zu Leben und Wirken dieser ungewöhnlichen Frau. Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen mit herzlichen Grüßen
Ihre Sabine Zorn (BD)

„Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder, seine Schwester darben und verschließt sein Herz vor ihnen, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“ (1 Joh 3,17)

Elisabeth, deren Gedenktag am 19. November, dem Tag ihrer Beisetzung, begangen wird, wurde 1207 als Tochter aus königlichem Haus in Ungarn geboren. Aus dynastischen und machtpolitischen Erwägungen brachte man sie bereits mit vier Jahren auf die Wartburg, um dort erzogen und dann im Alter von 14 Jahren mit dem jungen Landgrafen Ludwig von Thüringen verheiratet zu werden. Die nur kurze Ehe – Ludwig starb auf einem Kreuzzug – muss ungewöhnlich glücklich und sehr liebevoll gewesen sein. Elisabeths tätige Hilfe für Bedürftige und Kranke fand die Unterstützung ihres Mannes, nach dem Zeugnis der Dienerinnen hat er sie dazu ermutigt. Gemeinsam gründete das Ehepaar ein Hospital in Gotha und stattete es reichlich mit Besitz aus, aus dessen Einnahmen es sich langfristig finanzieren sollte. Weniger als ihr soziales und caritatives Engagement ist bekannt, dass Elisabeth – darin ähnlich den anderen großen Frauen des 13. Jahrhunderts, wie z. B. Gertrud die Große in Kloster Helfta -, dass Elisabeth auch visionäre Erfahrungen gemacht hat und aus der auch ekstatischen Liebe zu Christus, die für die Frauenmystik der Zeit prägend war, Kraft und Motivation gezogen hat. Sie hatte früh Kontakt zu Brüdern des heiligen Franz von Assisi und ließ sich von dessen Armutsideal und seiner Christusliebe anstecken. Das brachte sie in Konflikt mit den höfischen Lebensgewohnheiten, weil sie sich z.B. weigerte, Speisen zu sich zu nehmen, die armen Bauern abgenommen worden waren. Elisabeth war gerade einmal 20, als sie Witwe wurde und kurz darauf ihr drittes Kind zur Welt brachte. Nach dem Tod ihres Mannes verließ sie die Wartburg und widmete sich in Marburg den Armen, Kranken und Verlassenen. Dabei verausgabte sie sich so weit, dass sie mit nur 24 Jahren starb – die harten Lebensbedingungen unter den Armen und teilweise extreme asketische Übungen mögen dazu beigetragen haben.

Elisabeth lebte in einer Zeit, die durch große Standesunterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und Gleichgültigkeit der Wohlhabenden gegenüber Leid und Not gesellschaftlicher Randgruppen geprägt war. Sie war nicht einfach Wohltäterin, die Geld und Lebensmittel verschenkte; sie brachte sich mit ganzer Person und Lebenskraft ein und verstand, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten zusammen gehören. „Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder, seine Schwester darben und verschließt sein Herz vor ihnen, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“

Im zentralen lutherischen Bekenntnis der Reformationszeit, dem Augsburger Bekenntnis von 1530, heißt es im Artikel 21 „Vom Dienst der Heiligen“: Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf. Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. „Denn es ist nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus“ (1. Tim 2,5).

Dass wir uns an Elisabeth oder anderen, besonderen Menschen, ein Beispiel nehmen sollen, haben wir zumindest als Kinder wahrscheinlich oft genug zu hören bekommen. Und je nach Seelenverfassung und Lebenslage haben wir es als Überforderung oder Ansporn erlebt. Nicht jede*r ist zur Heiligen, zum Heiligen in diesem engeren Sinn berufen – ich kann nur für mich sprechen: Gott sei Dank! Aber dass „wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist“, das ist ein in eine andere Richtung weisender Gedanke. Elisabeth hatte eine kurze, sehr glückliche Ehe, musste dann aber in schneller Folge den Tod ihres Mannes, den Verlust ihres Zuhauses und die Trennung von ihren Kindern erleiden. Der Glaube hat sie befähigt, ihr Leben im Sinn des Evangeliums zu gestalten und die Liebe zu Christus in der Liebe zu den Armen zu leben. Er war für sie das Wichtigste, das Fundament, auf dem alles andere gegründet war. Dass Gottes Gnade und das Leben aus seiner Fülle in aller äußeren Armut Glück bedeuten, war ihre Lebensmitte. Deshalb konnte sie auch gefasst auf ihren Tod zugehen und noch kurz vorher zu denen, die um sie waren, sagen: „Nun wollen wir von Gott und dem Jesuskind sprechen, es geht ja auf Mitternacht, die Stunde, in der Jesus geboren wurde, in der Krippe lag und in seiner Allmacht den neuen Stern erschuf, den niemand vorhergesehen hat.“

Ich möchte mit diesem Wort der sterbenden Elisabeth darüber nachdenken, ob ich heute meine Mitternacht, meine dunklen Zeiten als Stunde der Finsternis verstehe und fürchten muss, oder ob ich sie auch als die Stunde erfahren kann, in der der Herr zur Welt kommt und ein neuer Stern aufgeht, denn „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags“ …

 

 

 

Gast sein einmal …

Viele von uns werden am Buß- und Bettag nicht zur Kirche gehen können. Deshalb finden Sie hier einen Impuls zu Off 3,14-22 von Pfrn i.R. Sabine Zorn (BD) und Pfrn Katrin Sonnemann, Hagen.

Laodizea. Christinnen und Christen sind auf den Weg zum abendlichen Gottesdienst durch das Zentrum der Stadt, wo das Leben pulsiert. An den breiten Straßen reiht sich Gebäude an Gebäude: schicke Häuser, neu gebaut, Bäder, Markthallen, Versammlungsplätze, Tempel, mit Skulpturen geschmückt und breiten Treppen. Vor kurzer Zeit erst hat ein Erdbeben vieles zerstört, aber Laodizea ist ohne die angebotene Hilfe aus Rom wieder aufgebaut worden. Man war zu stolz, um etwas von anderen anzunehmen: „Wir haben genug!“ – die Antwort in die Hauptstadt des Kaiserreiches. Der Tuchhandel, ein florierendes Bankwesen und die Produktion teurer Heilmittel ist die Grundlage des Reichtums, der Vielen das Leben angenehm macht. Die Wirtschaft hat sich schnell wieder erholt, auf der Skala des „Glücksatlas“ wird die 10 oft angekreuzt. Mittendrin in der Stadt die christliche Gemeinde beim abendlichen Gottesdienst. Dort hören die Menschen, was ihnen der Seher Johannes aus seinem Exil auf der Insel Patmos schreibt. Es ist das, was ihm der Geist Gottes diktiert hat:

[Und] dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Nach dem Verlesen dieses Briefes herrscht betretenes Schweigen und ich halte auch den Atem an. Da sind Menschen, die sich darum bemühen, den Willen Gottes zu erfüllen. Sicher nicht einfach in einer Umgebung, die von den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen und Weltanschauungen geprägt ist. In der die Wirtschaft den Takt vorgibt, in der Handel und Geschäftsverbindungen wichtig sind, in der das Geld regiert, jeder auf sein eigenes Fortkommen bedacht ist und jeder auf seine Familie, seine Freunde, auf die kleine Gemeinde konzentriert ist, um mitreden und mitmachen zu können. Kompromisse sind im Leben unvermeidlich. Den eigenen Glauben als Privatsache betrachten, nicht laut werden gegen Ungerechtigkeit und sich arrangieren mit dem Gegebenen, so schlimm kann das doch nicht sein. Rastlosigkeit bestimmt manche mit Blick auf die große Politik, die kleine Gemeinde ist ein angenehmer Rückzugsort. Aber jetzt muss sie sich anhören: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist… Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

Das trifft. Es ist eine verstörende Mahnung, die aus dem Sendschreiben des Sehers Johannes nicht nur nach Laodizea, sondern bis zu uns heute kommt. Wie ein Spiegel hält dieser Brief ihnen und uns die Frage vor: Wie sieht es aus mit Euch aus, dem angepassten Glauben, der eingerichteten Gemeindewelt, der Überzeugung vielleicht, den Durchblick zu haben – anders als andere?

Was den Christ*innen in Laodizea zum Vorwurf gemacht wird, ist ihre Selbsteinschätzung und Selbstgewissheit, ihre fehlende Selbstkritik. „Ich bin genug und habe genug und brauche nichts!“Materiell gemeint bei den einen, geistlich vielleicht bei den anderen. Diese Haltung ist es, die kritisiert wird, ihre Selbstgenügsamkeit und Gleichgültigkeit, das „Verlorengeben der Glut des Evangeliums.“ Die Christen in Laodizea haben in ihrer umtriebigen Zeit mit vielen Herausforderungen den Blick auf die Mitte ihres Glaubens verloren. Sie wissen nicht mehr, was oder wer ihr einziger Trost im Leben und im Sterben ist. Und weil sie das nicht mehr wissen, steht genau der vor der Tür und klopft an.

Denn so heißt es im Heidelberger Katechismus, in der ersten Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Hier ist der Name genannt, der im Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea nur umschrieben wird, so wie fromme Juden den Namen Gottes nicht aussprechen, sondern umschreiben. Aber von Anfang an ist klar, von wem Johannes schreibt: von Jesus Christus, dem Amen wie er ihn nennt, also dem letzten und gültigen Wort Gottes von dem, der von Anfang an bei Gott war, selbst Gott ist. Der steht nun vor der Tür der Gemeinde in Laodizea, der steht vor unserer Tür und klopft an.

Viele von uns kennen dies Kinder-Abendgebet: „Ich bin klein, mein Herz ist rein. Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Auch hier das Bild der Wohnung, an deren Tür der Herr klopft, um Einlass zu finden. Dabei waren wir, ohne dass es uns bewusst war, dem gleichen Missverständnis aufgesessen wie die Christen in Laodizea. „Mein Herz ist rein“ haben wir gesagt, nicht „mach rein“, wie es eigentlich und richtig heißen muss. Das klingt ähnlich wie die Haltung: „Ich bin genug und habe genug und brauche nichts!“ Aber so kann man sich täuschen! So kann man sich auch täuschen, wenn man meint, mit Anstand und gesundem Menschenverstand durchs Leben zu gehen sei nicht nur richtig, sondern auch schon genug. Wenn wir um uns selbst kreisen bleibt der Platz in der Mitte oft genug leer.

Christus steht vor der Tür und klopft. Er klopft nicht nur an die Herzenstür jedes Einzelnen, sondern auch an die Türen der Gemeinden und Kirchen. Aber er tut es nicht als derjenige, der die falschen Haltungen und Handlungen bestraft, sondern der seine Hilfe anbietet und den richtigen Weg weist. Gericht kommt von Richtung und nicht von Urteil. Es geht um die richtige Richtung, wenn wir am Buß- und Bettag auf die Klopfzeichen an unseren Kirchen- und Herzenstüren horchen. Das ist das Wichtigste, das Grundlegende, das Evangelium dieses Tages. Denn das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea und an die Gemeinden in aller Welt gehört am Besten von hinten her gelesen. Von der Verheißung her: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Was die Christ*innen damals gehört haben, ist deutlich geworden: den Ruf des Geldes, der unsere Synoden wieder beschäftigen wird und die Sitzungen unserer Gremien, die Verlockung des Ansehens, die Versuchung der Selbstgefälligkeit. In manchem davon mögen wir uns wiedererkennen. Ihnen damals wie uns heute, so viele Jahrhunderte später, wird eine Änderung der Blickrichtung empfohlen: Nicht mehr auf uns selbst zu schauen, sondern auf Christus, der anklopft und in die Mitte tritt. Und der mit diesem Schritt nicht nur in die Mitte tritt, sondern selbst die Mitte werden will in unserem Leben.

Nur wie ?

„Ach, dass du kalt oder warm wärest!“ – schreibt Jesus durch Johannes. Kalt oder warm sein, nicht lau. Deutlich spürbar sein in unserem Christsein – das ist Gottes Wunsch. Ich kenne den Wunsch nach Ruhe und Aufatmen in den Räumen des Glaubens, nach dem sich-zurückziehen-Wollen von der Welt und ihren Ängsten und Aufgeregtheiten. Richtig, sagt Johannes, ist das nicht. Oder vielleicht nur eine Zeit lang. Bis wir wieder gut ausgestattet sind von Jesus, mit geläutertem Gold, weißen Kleidern und durch Salbe geheilten Augen: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht.“ Jesus stattet uns aus , damit wir wieder eifrig sein zu können – voller Energie: kalt und warm. „Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Hier ist nicht mehr die Rede von falscher Lauheit. Hier ist Energie. Der Gast vor der Tür wird zum Gastgeber in unserer Mitte und speist uns nicht ab mit Lauem. Wir sind seine Gäste mit dem was wir mitbringen und dann endlich loslassen können. Buß und Bettag ist der kirchliche Feiertag, wo wir Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit loslassen können in unseren eng gewordenen Welten in Laodizea oder wo immer wir leben. Wir sind nicht mehr Gastgeber, die Rollen wechseln. In unseren eigenen Lebensräumen werden wir Jesu Gast und lassen los – kein „nach allem fassen“, wie Rainer Maria Rilke es weiß:

Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen – einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.

„Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Was hindert, dass wir öffnen?

 

Foto: Tom Kattwinkel

Nun danket alle Gott

In Zeiten, die uns wenig Grund zur Dankbarkeit zu bieten scheinen, erlebt Kathrin Hallmann, Kantorin in Ludwigsfelde und Vertrauensfrau im Konvent Nord des Berneuchener Dienstes, dass es auch anders sein kann. Sie macht Mut, genau hinzuschauen und zu -spüren:

„Nun danket alle Gott“- Die Kraft der Bilder

Der Kirchenchor St. Michael Ludwigsfelde feiert in diesem Jahr sein 75jähriges Bestehen. Er wirkte zum ersten Mal im Erntedankgottesdienst 1945 mit. Der Gottesdienst fand in der Kapelle auf dem Friedhof statt, denn Ludwigsfelde erhielt erst 1955 eine eigene Kirche. Der Kirchenchor feiert trotz COVID-19 sein Jubiläum: Er sang im Open- Air- Gottesdienst zu Erntedank, er lud zu einem Gemeindeabend zur Geschichte des Chores ein und am Reformationstag (das ist für die Kirchenmusik in unserer Gemeinde der zweite wichtige Termin) gibt es ein Kammerkonzert.

Für den Gemeindeabend galt es unzählige Fotografien zu sichten. Ich hatte die Aufgabe, eine Dokumentation der letzten 25 Jahre zusammenzustellen, also in etwa über den Zeitraum meiner Amtszeit als Kantorin. Es fiel mir zunächst sehr schwer, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Würden mich die Bilder nicht auch an alles erinnern, was nicht so gut gelaufen oder gar misslungen ist? Das Gegenteil war der Fall! Mit der Zeit breitete sich eine immer größere Dankbarkeit in meinem Herzen aus. So viele Menschen, die sich jede Woche auf den Weg zu den Chorproben machen, die sich auf viele Extra-Proben und Probentage einlassen, um in Gottesdiensten und Konzerten Gottes Wort zu verkündigen. Diejenigen, die schon zu DDR- Zeiten mitsangen, standen damals unter Beobachtung. Das erforderte Mut. Manche Chorsänger*innen sind nicht mehr unter uns, immer wieder sind neue dazugekommen. Zusammen mit dem Chor durfte ich großartige Musik aus allen Epochen kennenlernen, erarbeiten und singen. Wir haben gemeinsam viel erlebt, hatten wunderbare Begegnungen mit anderen singenden Menschen und durften beeindruckende Klangerfahrungen, z. T. mit anderen Chören, in vielen Kirchen machen.

Ich habe, während ich an der Dokumentation gearbeitet habe, viel geträumt. Die Aufarbeitung der letzten 25 Jahre war ein wichtiger Prozess für meine Seele. Mir wurde bewusst, wie wichtig es doch ist, immer mal wieder im Leben innezuhalten. Etwas anderes ist die Feier eines Jubiläums ja nicht. Der Chor hatte sich zu seinem Jubiläum das Motto „Nun danket alle Gott“ gegeben. Ursprünglich war geplant, am Reformationstag die Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ aufzuführen. Sie ist durchdrungen von einem freudigen Gefühl. In der Kantate erklingt der Choral „Nun danket alle Gott“. In der Zeit von Martin Luther und Johann Sebastian Bach wurden die Menschen von anderen Feinden als heute bedrängt. Aber auch für uns gilt das Wort aus Psalm 84 „Gott der Herr ist Sonn und Schild. Der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ Wer Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt dieses geniale Werk anhören. Außerdem ermuntere ich alle, sich Fotos der vergangenen Jahre anzuschauen und in das Lied „Nun danket alle Gott“ freudig einzustimmen.

Mit herzlichen geschwisterlichen Grüßen
Kathrin Hallmann, Kantorin in Ludwigsfelde

 

Foto: Sabine Zorn
Friesenkapelle Wenningstedt, Sylt

Sonnenblumen

Gott ist die Sonne, die uns Licht und Leben gibt; schützend steht er vor uns.                                                                             (aus Ps 84)

 

Liebe Leserinnen und Leser unserer Internetseite,

kennen Sie das Geheimnis der Sonnenblume? Und wussten Sie schon, dass dieses Geheimnis auch das unsere ist? Ein Geheimnis, das uns immer wieder hilft, das uns begleitet durch alle Jahreszeiten, durch alle Zeiten unseres Lebens. Was es nun mit der Sonnenblume und uns auf sich hat, erzählt uns folgende Geschichte:

Im Garten blühten seit einigen Tagen fünf Sonnenblumen. „Jede Sonnenblume hat ein Geheimnis”, sagte die Mutter geheimnisvoll zu Lea. „Ich bin gespannt, ob du es entdeckst.”

Oft stand Lea nun im Garten und schaute die Sonnenblumen an. Sie berührte ihre Blätter ganz sanft und stellte fest, dass sie ganz rau waren. Voller Eifer rannte sie zu ihrer Mutter und fragte: „Ist das Geheimnis der Sonnenblume die raue Oberfläche der Blätter?“ „Nein”, sagte die Mutter, „das ist nicht ihr Geheimnis.”

Später holte sie sich einen alten Stuhl, stellte ihn genau unter eine Sonnenblume, kletterte darauf und schaute ganz genau in den Blütenkelch. Dabei entdeckte sie, dass die Sonnenblume aus vielen kleinen Blüten besteht. „Das ist’s, ich habe das Rätsel gelöst”, dachte sie und rannte schnell zu ihrer Mutter. „Mama, ich hab das Geheimnis der Sonnenblume entdeckt!” Aber wieder schüttelte die Mutter den Kopf.

Am nächsten Tag nach der Schule konnte Lea es gar nicht erwarten nach Hause zu kommen. „Ich muss es heute rauskriegen, das Geheimnis”, sagte sie sich. Dass es regnete und sie ganz nass wurde, merkte sie gar nicht. Dann stand sie vor der Sonnenblume. Die anderen Blumen rings umher hatten alle ihre Blüten geschlossen, um sich vor dem Regen zu schützen. Lea schaute lange in die Blüte einer Sonnenblume und erkannte das Geheimnis: Ihre Blüte war weit geöffnet und streckte sich der Sonne entgegen, die hinter den Wolken verborgen war.

Die Sonnenblume strahlte Lea an als wollte sie sagen: Lass dich vom Regen nicht verdrießen. Auch bei Regen scheint die Sonne, nur siehst du sie nicht. Und auf einmal wurde Lea ganz fröhlich. „Ich hab’s”, rief sie voller Freude und stürmte zu ihrer Mutter. „Mama, die Sonnenblume bleibt immer offen, auch bei Regen. Sie strahlt jeden an, der sie anschaut, den Fröhlichen und den Traurigen. Das ist so, als wollte sie sagen: Vergiss nicht, es scheint dennoch die Sonne.” „Ja”, sagte ihre Mutter, „jetzt weißt du das Geheimnis der Sonnenblume und unser Geheimnis.”

„Wieso unser Geheimnis?”, fragte Lea erstaunt. „Was du eben mit der Sonnenblume erlebt hast, erleben wir Menschen jeden Tag mit Gott. Gott schaut uns an und hat uns lieb und ist immer für uns da. Am meisten dann, wenn wir traurig und verzagt sind. Die Sonnenblume erinnert uns daran, dass Gott uns Freude geben und es warm und hell in unserem Leben machen will.“

Dieses Wissen um Gottes Liebe möge unser Leben mit Licht und Freude erfüllen, immer dann, wenn wir sie am nötigsten haben.

Es grüßt Sie herzlich Ihre                                              

Margret Häßler

 

(nach einer Geschichte von Trutz Hardo)

Foto: Margret Häßler

Steh auf und iss!

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst, liebe Leserinnen und Leser unserer Internetseite,

auf einem Bein kann man nicht stehen“, sagt der Volksmund und fordert damit jemanden auf, von irgend etwas, sei es Kuchen, sei es Wein, noch einmal zu nehmen. Auf einem Bein kann man nicht stehen. Das wäre auch eine schöne Überschrift für eine Geschichte aus dem ersten Königebuch im 19. Kapitel, Verse 1-8. Kurz zusammengefasst geht es um Folgendes:

Elia hat sich nach seinem großen Triumph auf dem Berg Karmel lebensmüde in die Wüste zurückgezogen und bittet Gott „Nimm, Herr, meine Seele“. Aus dem ‚himmelhochjauchzend’ ist ein ‚zu Tode betrübt’ geworden. Aber anstatt Elia sterben zu lassen, schickt Gott ihm einen Engel, der ihn sanft berührt, mit Wasser und Brot versorgt und ihn auffordert „Steh auf und iss“. Der Engel ermutigt ihn, aber er drängelt nicht. Darum legt sich der erschöpfte Elia gleich wieder hin und schläft weiter. Auf einem Bein kann man nicht stehen: Der namenlose Gesandte Gottes kommt nicht nur einmal. Nein, er kommt auch noch ein zweites Mal. Elia erwacht noch einmal von der Berührung des Engels und hört die gleichen Worte „Steh auf und iss!“ Und dann noch: „Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Mehr sagt der Engel nicht. Aber was da mitschwingt an zurückhaltender Fürsorge, das sagt genug.

Bei uns ist Fürsorge oft so etwas wie Alles-für-den-anderen-regeln-wollen. Kann in Bevormundung ausarten: „Du machst das jetzt so oder so.“ Oder: „Ich will ja nur dein Bestes.“ Gott macht das anders. Sein Bote stillt bei Elia schlicht die Grundbedürfnisse. Durch das Elementarste: Elia erfährt „nur“ die Berührung durch einen Menschen (wie schwer das ist, wenn wir heute auf so etwas verzichten müssen!), „nur“ die notwendigsten Worte, „nur“ etwas zu Essen, das einfachste zu Trinken. Aber auch Geduld und Zeit

Ich kenne das von mir, dass manches Problem sich nicht mit einem Mal regeln lässt. Mit „mal eben“ ist da nichts getan. Manche Themen kommen wieder und wieder. Wie gut, wenn andere dann Geduld für mich aufbringen und nicht drängeln. So wie der Engel, der ein zweites Mal kommt. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Auf einem Bein kann man eben nicht stehen.

Ich finde, dieser Engel ist ein guter Begleiter. Er ist da, als er gebraucht wird, stellt keine eigenen Ansprüche, sondern das Notwendige zur Verfügung, und er entlässt Elia auch wieder auf seinen eigenen Weg mit der Aussicht, der unausgesprochenen Verheißung: „Wo du hingehst, wird dir Gott begegnen.“

Mit herzlichen Grüßen Ihre Sabine Zorn (BD)

Foto: Julia Hirschberg

Zuversicht

Vorab: Mitteilungen 95 – Zum Gruß

Als kleinen Vorgeschmack auf die Mitteilungen 95, die Ende August erscheinen werden, drucken wir hier schon einmal den Gruß des Redaktionsteams an Sie ab:

Liebe Leserinnen und Leser unserer Mitteilungen,
demnächst kommt ein Mitteilungsheft zu Ihnen, welches aus dem Leben unserer Gemeinschaft in den letzten neun Monaten berichtet. In dieser Zeitspanne hat sich unsere Lebenswirklichkeit ‚dramatisch‘ verändert. Die Umbrüche, die in diesem Zeitraum stattgefunden haben, sind auch der Grund dafür, dass dieses Heft mit deutlicher Verzögerung zu Ihnen kommt.

Die weltweite Ausbreitung des Corona-Virus führt uns eindrücklich vor Augen, wie die Menschen in den Staaten dieser Welt miteinander verwoben sind und wie sie deshalb auch voneinander abhängen. So hat das Virus auch das geregelte Erscheinen dieses Heftes deutlich erschwert und damit verzögert. …  Dies spiegelt sich ganz praktisch auch im Aufbau dieses Heftes wider.

Das Titelbild will uns allen in dieser Zeit der Veränderungen Mut machen. Der aufmunternde Begriff „Zuversicht“ steht sinnbildlich für die Kraft, auf die wir alle durch unseren Glauben aufbauen können. Aber- das zeigen die zehn Karten, aus denen das Wort gebildet wurde – diese Kraft der Zuversicht kann auch leicht durcheinander geraten durch die Kräfte der Veränderung, die wir in diesem Jahr in besonderer Weise erfahren. Dennoch: Unsere Zuversicht ruht auf einem stabilen und stärkenden Untergrund wie die Bank dieses Bildes, die sich insgesamt ganz um einen Baum schmiegt. Dieser stärkende Grund findet sich auch in den Predigten, die wir als wichtigen Inhalt in dieses Heft aufgenommen haben. Sie stehen anstelle eines wie sonst üblichen gesonderten Mittelblattes.

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern ein behütetes Leben in dieser Sommerzeit und wissen unser Leben bewahrt unter dem Geleit der Engel. Es grüßt Sie herzlich

Ihr Redaktionsteam

 Für das Titelbild „Zuversicht“ bedanken wir uns sehr herzlich bei Reinhard Illian, Unna. Es entstand im Rahmen eines digitalen Projektes „Gute Worte“ der Berufspraxisstufe an der Matthias-Claudius-Gesamtschule Bochum. Unter dem Leitbild „echt – anders – inklusiv“ werden in der Matthias-Claudius-Schule Schülerinnen und Schüler mit und ohne Förderbedarf in den Klassen 5-13 unterrichtet. Sie ist eine Schule für alle.

Eine Rose als Stütze

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst, liebe Besucher*innen unserer Internetseite,
nach einer längeren Pause können Sie hier wieder einen geistlichen Impuls lesen, eine Predigt zum gestrigen vierten Sonntag nach Trinitatis. Er beschäftigt sich damit, wie wir unser Miteinander in der Gemeinde, der Gemeinschaft und darüber hinaus gestalten.
Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen
Ihre
Sabine Zorn (BD)

„Waschen Sie Ihre Hände regelmäßig. – Tragen Sie einen Mundschutz bei Begegnungen mit anderen Personen. – Halten Sie mindestens 1,5 m Abstand zu anderen. – Niesen oder husten Sie in die Armbeuge oder in ein Taschentuch.“

Wenn ich meine Corona-App auf dem Smartphone öffne, springen mir diese Sätze entgegen. Ich habe sie im Radio von der Kanzlerin gehört, der Ministerpräsident hat seine Landeskinder damit ermahnt, sie sind auf den Zetteln am Eingang jeder Arztpraxis und Apotheke zu lesen. Ich denke: Ja klar, stimmt. Und ich denke auch: Langsam will ich das nicht mehr dauernd vorgehalten bekommen. Ich weiß es doch, ich tu es doch. Aber manchmal muss ich mich fragen: Tue ich es wirklich? Was sind denn 1,5 m? Und brauche ich den Mundschutz auch zuhause, wenn der Postbote an der Tür klingelt oder ein Handwerker eben mal etwas ausmisst?

Paulus schreibt an die christliche Gemeinde in Rom. Einen Brief, der es theologisch in sich hat: Über das Gesetz und den Glauben, über die Taufe und die Rechtfertigung aus Gnade, über Gottes Geist, der lebendig macht, und seine bleibende Liebe zu seinem Volk Israel. Ziemlich gegen Ende, wo es ja mal praktisch werden darf, äußert er sich auch zum Leben der Gemeinde. Paulus ist zwar noch nicht persönlich in Rom gewesen, als er diesen Brief schreibt, aber ein paar allgemeine Hinweise und Ermahnungen können ja nicht schaden. Damit kann jede, kann jeder etwas anfangen. Beim Gottesdienst wird das Schreiben des Apostels vorgelesen. Und die Menschen hören: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Vielleicht denken einige aus der Gemeinde in Rom: Ja klar, stimmt. Recht hat er, der Paulus. Und sie denken möglicherweise auch: Aber warum müssen wir uns das von diesem fremden Menschen vorhalten lassen? Wir wissen das doch selbst, wir tun das doch. Vielleicht haben einige sich auch gefragt: Tun wir das denn wirklich?

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Als Kind habe ich Josef geliebt! Wenn im Kindergottesdienst von ihm erzählt wurde, war ich mittendrin im Geschehen. Der fantasievolle Träumer im bunten Rock hatte es mir angetan, der Lieblingssohn seines Vaters, der den Neid der Brüder auf sich zieht, von ihnen nach Ägypten verkauft wird und wegen falscher Anklagen aus enttäuschter Liebe im Gefängnis landet. Der sich als Traumdeuter betätigt und durch seine kluge Vorratspolitik in den fetten und mageren Jahren aufsteigt bis zum Vertrauten des Pharao – das waren Geschichten, wie sie spannender nicht sein konnten. Und zum Schluss kamen dann die Brüder mit dem alten Vater auch nach Ägypten, um die Hungersnot zu überleben und zu bleiben. Als der Vater stirbt, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Ob Josef sich jetzt – spät noch – an ihnen rächen wird? „Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Aus der Marler Zeitung im Sommer 2018: Im großen Sitzungssaal des Rathauses blieb am Mittwochabend kaum ein Platz frei. Die Stadtverwaltung hatte zum Informationsabend über den Neubau der Yunus Emre Moschee eingeladen. Viele kamen, um zu zeigen, dass das Bauvorhaben für sie kein Problem darstellt. Einige, um ihre Bedenken zu äußern, wenige, um Protest zu formulieren. „Nach den zwei Veranstaltungen auf dem Rathausplatz mit erheblichem Polizeieinsatz vor einigen Wochen wollte ich dafür Sorge tragen, dass jeder Marler in Frieden und Sicherheit an dieser Veranstaltung teilnehmen kann“, so Bürgermeister Werner Arndt. … Wie berichtet will die Yunus Emre Moschee Gemeinde … eine neue Moschee bauen. Seit mindestens 20 Jahren beschäftigt die Gemeinde und die Verwaltung der Stadt Marl dieses Projekt.“ So weit der Zeitungsartikel. Auch wenn es in den meisten muslimischen Ländern dieser Welt Christen nicht gestattet wird, Kirchen zu bauen, gilt in Deutschland nach Artikel vier des Grundgesetzes Religionsfreiheit: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“, heißt es da. „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Punkt!

„Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Vor Jahren hat mir eine Kollegin mal sehr ins Leben getreten, ich fühlte mich echt verletzt. Hatte in einem Gottesdienst mein Bestes gegeben und sie war drübergefahren wie mit der Dampfwalze. Das hat mich länger begleitet, genau genommen bis neulich. Da kam Besuch von einer lieben Bekannten, die dann noch weiter wollte und mich angesichts meiner schönen Rosen im Garten bat, eine mitnehmen zu dürfen zu ihrer nächsten Gastgeberin. Dreimal dürfen Sie raten …! Angeboten hätte ich meiner Bekannten das sicher nicht, abschlagen konnte ich es aber auch nicht. Also: Eine Rose und einen Zweig vom Rosmarin in ein Marmeladengläschen gepackt, Wasser dazu. Und dann plötzlich das Gefühl: Es tut mir gut, zu diesem Sträußchen wider Willen genötigt worden zu sein. Wahrscheinlich erinnert sich die Kollegin überhaupt nicht mehr an die von mir als so unschön erlebte Szene, aber ich habe jetzt eine ‚Rose als Stütze‘ (Hilde Domin) gegen das Nachtragen.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden.“

Drei Szenen, in denen es anders zugeht als zu erwarten gewesen wäre: Josef bleibt seinen Brüdern gegenüber freundlich und zugewandt, die Marler Bürgerschaft zeigt sich – im Gegensatz zu den Erfahrungen in anderen Städten – überwiegend tolerant gegenüber dem Bauvorhaben der Moscheegemeinde und ich konnte – für mich selbst völlig überraschend – mein jahrelanges ungutes Gefühl der Kollegin gegenüber loslassen. In diesen Szenen geht es um das, was Paulus in seinen Worten an die Gemeinde in Rom in den Mittelpunkt stellt: um ein friedliches Zusammenleben sowohl innerhalb der eigenen Gruppe wie mit den Menschen außerhalb, seien sie ihnen gegenüber freundlich oder – wie damals ganz bestimmt – feindlich eingestellt. „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Dabei kann es aber auch nicht darum gehen, immer Ja und Amen zu sagen, klein beizugeben und die Feinde groß werden zu lassen. „Es geht [darum, nicht in die Eskalationsspirale einzusteigen, sondern diese zu unterbrechen… [Man würde sich ja sonst sein] Handeln von der Gegenseite diktieren lassen, statt mutig nach den eigenen Maßstäben zu leben.“ (Steffen Groß)

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“

Das eigene Handeln in Übereinstimmung mit den – in unserem Fall christlichen – Grundwerten und Maßstäben zu gestalten, eine der entsprechenden Situation und den beteiligten Menschen angemessene Entscheidung zu treffen, überraschend anderes zu wagen oder sich drauf einzulassen – das ist nicht immer einfach. „Wie du mir, so ich dir“, meint eine sogenannte Volksweisheit, und schon geht es weiter mit dem Heimzahlen, ja Übertrumpfen durch Steigerung. Wohin das führt, kann man beispielsweise im altorientalischen Recht sehen. Dort wurde jemand, der einem anderen bei einer Prügelei einen Zahn ausgeschlagen hatte, mit dem Verlust mehrerer Zähne bestraft. Und wenn jemand durch das Verschulden eines anderen ein Auge verlor, verlor der Verursacher dann als Strafe gleich beide. Diese Unverhältnismäßigkeit wurde im israelitischen Recht drastisch gemildert, wenn es hieß: „Nur noch ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn.“ Das war Deeskalation, da stand eine damals ungeahnte Mäßigung dahinter. Deshalb spricht Paulus auch davon, Gott die Rache zu überlassen. Gemeint ist damit, auf „eigene Rachewünsche und eigene Rachepraxis zu verzichten, ohne damit gleichzeitig auf eine Änderung der Verhältnisse verzichten zu wollen, es geht um die Herstellung und Wiederherstellung von Recht durch Gott.“ (Jürgen Ebach) Denn da, wo Menschen blindwütig zuschlagen würden, geht Gott anders vor. Überraschend anders, kreativ – also schöpferisch – anders. Prominentestes Beispiel dafür ist die Geschichte Jesu. Die Henker tot umfallen zu lassen, die gaffende Menge mit Blitz und Donner zu erschlagen, den Pilatus tot zu Boden sinken zu lassen – alles Möglichkeiten, die Gott gehabt hätte. Aber dann wäre nicht passiert, was passiert ist: Er selbst, Gott, wäre nicht in seinem Sohn in den Tod gegangen, um uns Menschen von dort – aus dem Ort der größten Gottferne – herauszuholen. Die bis dahin undenkbare, die völlig neue, kreative, schöpferische Variante, die Gott als Alternative zur Eskalation der Gewalt wählt, ist Auferstehung. Und die – das ist das Größte an dieser Deeskalationsgeschichte – die gilt nicht nur Jesus. Auf den Auferstehungsikonen der Ostkirche zieht Christus durch die sich öffnenden Flügel der Höllenpforten Adam und Eva mit sich! Oder, um es mit Paul Gerhardt auch auf uns zu beziehen: „Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit!“

„Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit!“ Auferstehung ist ein Geburtsgeschehen – zuerst der Kopf, dann der Leib. Erst Christus, dann die, die ihm nachfolgen. Geburt zu einem neuen Leben, nicht erst im Himmel, sondern schon hier, ansatzweise, wo das geschieht, was Paulus an die Menschen in Rom schreibt und auch an uns: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden… Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern sei kreativ und überwinde das Böse mit Gutem.“ Wir werden Überraschungen erleben – manchmal sogar mit Rosen!

 

Foto: Sabine Zorn

Zwischenzeit

Liebe Geschwister im Berneuchener Dienst, liebe Gäste auf unserer Internetseite,
mit der Predigt meiner Freundin und Kollegin Katrin Hirschberg-Sonnemann (Hagen) grüße ich Sie herzlich am Sonntag Exaudi und wünsche Ihnen ein gutes Zugehen auf Pfingsten hin.
Ihre
Sabine Zorn (BD)

„Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“ schrieb mir gestern eine Freundin und Kollegin, als ich sagte: „Ich fühle mich so leer, da ist Vakuum für die Predigt.“

Vakuum – leerer Raum, nicht gefüllt.

So ein Raum ist der Sonntag Exaudi. Nun ist die Osterzeit richtig vorbei.
Jesus hat unsere Welt verlassen; ist „aufgefahren in den Himmel“. Himmelfahrt beendet die Osterzeit, es folgt das Fest, an dem wir Gottes Geist feiern – Pfingsten. Aber jetzt ist der Geist noch nicht da.

Exaudi ist Zwischenzeit – Vakuum, nicht gefüllt. Jesus ist nicht mehr Teil unserer Welt, der Heilige Geist als Tröster, als Nähe Gottes angekündigt, aber noch nicht anwesend nicht spürbar – nicht mal ein Hauch.

Zwischenzeit –

Ein Sonntag, um ein wenig Rückblick zu halten auf diese Osterzeit, zu überlegen, was wichtig geworden ist in den lezten Wochen der Corona Pandemie.

Ostern – ohne Kirche, Kantate ohne Singen –
Leiser, vorsichtiger, ungewohnter Osterjubel.

Die Infektionszahlen sind zurückgegangen, viele rufen jetzt nach „Normalität“. Manchmal scheint es als wäre das unbekannte Virus, vom dem wir vieles immer noch nicht wissen, weit weg, dann aber plötzlich gestern die Nachricht: Viele Ansteckungen bei einem Gottesdienst in Frankfurt und bei Restaurantbesuchen in Niedersachsen. Normalität?

Ich lese, dass das Virus die Länder erreicht, in denen kein Gesundheits- und Sozialsystem und hoher medizinscher Standard und wirtschaftliche Stärke schützen.

Zeit zum ungebrochenen Loben ist keine.

Die Bibel hat viele Lobgesänge. Im Rückblick auf zurückliegende Tage und heute denke ich an einen besonderen Lobgesang.

Der Lobgesang des Tobias. Ein Text fürs Vakuum, fürs Dazwischen – denn das Buch Tobias ist nicht in den biblischen Büchern. Es ist ein apokrypher Text, ein Buch, in derselben Zeit entstanden wie viele Bibelbücher, ihnen ähnlich, und trotzdem gehört es zum Inhaltsverzeichnis nicht dazu. Apokryphe Bücher sind im luftleeren Raum geblieben – dazwischen, nicht einsortiert.

Das Buch Tobias, oder auch Tobit genannt, ist etwas jünger als das Buch Hiob. Es erzählt, wie Tobias in Ninive sehr reich wird, Ärger mit dem Herrscher bekommt und fliehen muss. Er darf später wieder nach Ninive zurückkehren, erblindet aber und wird ausgeschlossen. Tobias hält alles aus – das Vakuum in Spott und Einsamkeit und Blindheit und bleibt Gott treu. Er wird geheilt – alles wird wieder gut. Wie im Märchen.

Am Ende seines Lebens singt er Gott ein Loblied (Buch Tobias, 13,1-5+8f):

Der alte Tobias aber tat seinen Mund auf, lobte Gott und sprach:

Groß bist du, Herr, in Ewigkeit und dein Reich währt immerdar; denn du züchtigst und heilst wieder; du führst hinab zu den Toten und wieder herauf, und deiner Hand kann niemand entfliehen.
Ihr Israeliten, lobt den Herrn, und vor den Heiden preist ihn! Denn darum hat er euch zerstreut unter die Völker, die ihn nicht kennen, damit ihr seine Wunder verkündigt und die Heiden erkennen lasst, dass kein allmächtiger Gott ist als er allein.
Er hat uns gezüchtigt um unsrer Sünden willen, und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen.
Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn, der ewig herrscht, mit euren Werken!
Ich aber will mich von Herzen freuen in Gott.
Lobt den Herrn, all ihr seine Auserwählten, haltet Freudentage und preist ihn.

Vieles in diesem Lobgesang ist fremd, weit weg von unserer Welt. Tobias hat noch eine ganz klare Logik in seiner Weltordnung: „Gott hat uns gezüchtigt um unserer Sünden willen und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen. Wir erleben die Welt anders – es sind zu oft nicht diejenigen, die Gewalt und Unheil begründen, die es erleiden müssen. Es gibt zu oft keinen logischen Zusammenhang von Tat und Folge, auch jetzt nicht – die Weltordnung von Tobias ist schon lange zerbrochen. „Alles wird gut“ – das gibt es fast nur im Märchen.

Unser Leben wechselt sich ab in den unterschiedlichen Zeiten. Und dem Tobias gleich sagen wir – in keiner der Zeiten, auch nicht dazwischen, nicht mal im Vakuum – wenn alles Lebensnotwenige entzogen wäre, ist Gott fern. Gott ist da – und ich würde gern glauben, dass er kein strafender Gott ist.

Ein Vers in diesem Lobgesang ist mir besonders wichtig geworden in der zurückliegenden Osterzeit und den folgenden Wochen – als österliche Freude und fröhliches Singen schwer war. Es ist der Vers 5: „Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn.“

Der Lobgesang des Tobias ist kein fröhliches, ungetrübtes naives Rühmen und Loben, sondern eines mit „Furcht und Zittern.“

„Alles wird gut“ passte gut unter oder über den Regenbogen, aber „Alles wird gut“ hat nicht die ganze Geschichte des Bogens erzählt; nicht den Beginn der Sintflut. Tobias lobt unsicher, fragend – denn er hat erleben müssen, wie ihm alles Lebensnotwendige entzogen wurde: Gesundheit, Nähe, Anerkennung. Er bleibt auch im Vakuum bei Gott – wie die Namensgeber anderer biblischer Bücher: Hiob, Jeremia, Jesaja – auch wie Jesus.

Glauben für Fortgeschrittene – denke ich. Widersprüche, Paradoxe aushalten im Gespräch mit Gott: „Warum hast DU…?“

Loben mit Furcht und Zittern. Und es ist trotzdem ein Lobgesang. Denn wir wissen, dass Gott hört, wenn wir rufen – Exaudi:„Höre, Gott, meine Stimme – wende mir zu dein Angesicht!“ Deshalb beten wir heute mit dem Psalm: „Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?“

Ein Lobgesang mit Furcht und Zittern – Vertrauen, Glauben steht gleich neben der Angst, dass wir verlassen, gott-verlassen sind. Das ist die Angst der Jünger an Himmelfahrt, die ein Leben mit Jesus hier kannten: verlassen zu sein. Sie brauchen den Geist als Tröster. „Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“

Jung noch war Sören Kierkegaard. als er versuchte seinen Glauben und seine Philosophie in einem kleinen Buch aufzuschreiben. Er denkt, fühlt und benennt die Widersprüche: Gnädig und allmächtig ist Gott, verborgen und zugewandt. Kierkegaard lässt das unterschiedliche Erleben Gottes stehen und gelten. „Glaube beginnt gerade da, wo das Denken aufhört.“ schreibt er und nennt sein Buch: „Furcht und Zittern.“

Sonntag Exaudi – Höre Gott! Die Bitte bleibt stehen, denn erst Pfingsten ist Ende des Vakuums und wird das Versprechen von Himmelfahrt eingelöst: Es wird der Tröster kommen, das ist der Geist!

 

Foto: Sabine Zorn

Versuch es

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste auf unserer Homepage,

mit einem Gedicht von Wolfgang Borchert grüße ich Sie alle sehr herzlich und wünsche Ihnen viel Freude daran!
Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

 

Versuch es

Stell Dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen,
spinn Dich in dies Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in Dich hinein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in das Feuer –
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein
und versuche, gut zu sein!

 

 

Foto: Tom Kattwinkel