Kategorie: Aktueller Hinweis

Rogate – Betet!

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst und im Freundeskreis, liebe Leserinnen und Leser unserer Internetseite!

„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ Der letzte Vers des 66. Psalms, unser neuer Wochenspruch, kommt sehr zuversichtlich daher: Wer so spricht, hat gute Erfahrungen mit Gott gemacht, weiß sich von ihm gehört, vielleicht sogar erhört, getragen und gesegnet. Aber Gott zu loben ist nicht die einzige Art, wie Menschen ihm begegnen. Es gibt Situationen, in denen es näher liegt zu klagen als zu danken. Wo man Gott eher anschreien möchte als Hosianna zu singen, weil es mehr Elend gibt, als Menschen aushalten können. Die Nachrichten und Zeitungen sind voll davon, Tag für Tag.
In den Psalmen sprechen Menschen solche Erfahrungen aus. Sie beschreiben, was sie erleben und was sie dabei fühlen. Wie sie in schönen ebenso wie in schwierigen Lebenslagen Gott wahrnehmen, wie sie mit ihm reden, welche Worte und Bilder sie wählen, wie ihnen zumute ist. Wir können uns ihre Worte „leihen“ und bei ihnen sozusagen „in die Schule gehen“.
Im Gottesdienst ist Beten eine Selbstverständlichkeit, im privaten Bereich weiß man nicht genau. Obwohl Umfragen zeigen: Viele tun es, aber kaum jemand redet darüber. Es ist ja auch eine sehr private Sache, über sein Verhältnis und den Umgang mit Gott zu sprechen. Wie rede ich ihn an? Spreche ich mit ihr wie mit einer guten Freundin, einem Menschen, den ich liebe? Worüber reden wir? Schön-Wetter-Kommunikation oder quer durch den Gemüsegarten? Und wie gestalte ich diese gedankliche Einbahnstraße? Schließlich antwortet Gott nicht über Schallwellen hörbar oder in Phon messbar. Trotzdem ist da etwas, was uns Menschen lockt, von dem wir mehr ahnen als wissen, dass es wichtig ist und das uns halten kann: Beten. Rogate.
Es gibt viele Arten zu beten, Dank und Lob, Klage und Bitte. Und es gibt eine Art zu beten, die – anders als Lob und Bitte, Klage und Dank – ganz ohne Worte auskommt. „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde – was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist – ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.“ Der dies schrieb war einer der großen Theologen und Denker seiner Zeit, Sören Kirkegaard, ein religiöser Mensch, aber auch jemand, dem Zweifel und Skepsis nicht fremd waren. Was er mit diesen Worten beschreibt ist eine Erfahrung, die uns auf den ersten Blick fremd ist, eine Art zu beten, die ohne Worte auskommt und in ein einfaches Sein vor Gott, in ein Du-zu-Du mit ihm führt. Vielleicht wäre das einen Versuch wert, einmal nicht nach Worten zu suchen, sondern darauf zu vertrauen, dass Gott weiß, wer wir sind und was uns bewegt. Mit diesem Vertrauen vor ihm still zu werden, darauf zu achten, wie ich atme, mich dadurch Gott hinzuhalten und nichts zu tun, als da zu sein – das kann vom schweigenden in ein hörendes Gebet führen. Und auch, wenn das erst einmal fremd klingt, gilt doch auch hier die Verheißung: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“
Ich wünsche Ihnen gute Gebetserfahrungen an diesem Sonntag Rogate und in der neuen Woche.
Ihre Sabine Zorn (BD)

 

Foto: Rudolf Happel

Quatember

Quatember ist die Vierteljahresschrift zur Erneuerung und Einheit der Kirche, die von den drei Berneuchener Gemeinschaften, Evangelische Michaelsbruderschaft, Berneuchener Dienst und Gemeinschaft St. Michael herausgegeben wird.

Essays, Betrachtungen, Predigten, Buchbesprechungen, Bilder und Gedichte sollen sowohl die Berneuchener Trias martyria, leiturgia und diakonia als auch ein für die Gegenwart taugliches Modell gelebten christlichen Glaubens darstellen und vertiefen. Die Autorinnen und Autoren stammen aus der Berneuchener Bewegung und ihrem Umfeld oder stehen ihr auch kritisch gegenüber; Selbstspiegelung ist nicht Sache von Quatember. Die Zeitschrift möchte ein Forum für Gespräch, theologische Debatten und vor allem für vertiefte geistliche Erfahrung sein.

Informationen und Inhalte auf Quatember.org »

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie Luise Kaschnitz)

 

Liebe Leserinnen und Leser unserer Internetseite,

es sind Gedichte wie das von Marie Luise Kaschnitz, die mir ein neues Verständnis von Auferstehung als „Auferstehung mitten im Leben“ erschlossen haben.

Die Gedichtzeilen drücken eine existentielle Erfahrung aus, die viele Menschen kennen: Die Erfahrung, aus Dunkelheit, Verzweiflung, Trauer, Angst oder Hoffnungslosigkeit unerwartet wieder „aufzustehen“, mitten im Alltag. Dabei im gewohnten Alltag erfahren dürfen, für Momente aufgehoben zu sein in einer größeren Ordnung, sich geborgen fühlen, wie in einem Haus aus Licht.

Nur: Was hat diese alltägliche Erfahrung von Auferstehung, die mitten in unserem Leben geschieht, mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu zu tun?

„Auferstehung“ ist für viele Menschen ein Bild der Hoffnung, dass die Erfahrung eines gerechten und lebenspendenden Gottes stärker ist als die Erfahrung des Scheiterns, des Unrechts und des Todes. „Auferstehung“ ist Ausdruck des Glaubens, dass die Geschichte Jesu und seiner Bewegung sich fortsetzt in unseren eigenen Auferstehungsgeschichten.

Christus ist auferstanden – Halleluja.

Ihre
Margret Häßler (BD)

 

Foto: Rudolf Happel

Wochenspruch Estomihi, 14. Februar 2021

Liebe Schwestern und Brüder, Freundinnen und Freunde,

unten finden Sie den Link zu einer Audio-Andacht von mir zum Wochenspruch für den kommenden Sonntag und die darauf folgende Woche, die ich mit zwei Musikerinnen in der Evangelischen Kirche Hemmerde aufgenommen habe.

Mit herzlichen Grüßen
Sabine Zorn (BD)

https://hemmerde-luenern.ekvw.de/angedacht/

 

Foto: Hans-Jürgen Häßler

Hochzeit zu Kana

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst und im Freundeskreis,

das Jahr 2021 ist schon fast einen Monat alt, aber liturgisch leben wir immer noch – eine weitere Woche lang – im Weihnachtsfestkreis. Gestern durfte ich in der alt-katholischen Kirche St. Martin in Dortmund über die Hochzeit zu Kana und den Beginn des Wirkens Jesu predigen. Dieser Gottesdienst wurde für YouTube aufgenommen und ins Netz gestellt. Ich lade Sie herzlich ein, diesen Gottesdienst anzuschauen, die Evangeliumslesung und die Predigt finden Sie ab Minute 9.40, der Link steht unten.

Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Sabine Zorn (BD)

https://youtu.be/WGIlRluALww

 

 

Leise Weihnachten

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst und im Freundeskreis,
liebe Besucherinnen und Besucher unserer Internetseite!

In diesem Jahr kommt das Weihnachtsfest mit all‘ den der Pandemie geschuldeten Beschränkungen sehr nachdenklich daher, ohne jubelnde Töne und glitzernde Farben. Es ist um vieles stiller geworden auf den Straßen und in den Städten, der Alltag vieler Menschen um einen oder gleich mehrere Gänge zurückgeschaltet. Andere dagegen kommen an und sogar weit über ihre Grenzen: Wer im Krankenhaus, beim Gesundheitsamt oder in anderen medizinischen Einrichtungen arbeitet, steht vor unglaublichen Herausforderungen. Und dann die vielen Erkrankten, die Toten und deren Angehörige – was werden das für Feiertage werden?

Was es für ein Weihnachten wird, das wissen wir jetzt, ein paar Tage vorher, (noch) nicht. Aber was Weihnachten damals war, daran können wir uns erinnern lassen:
              „Fürchtet euch nicht – euch ist heute der Heiland geboren.“
Die Engel verkünden den Hirten die Botschaft von der Geburt Christi und das Kommen Gottes in die Welt mitten in der tiefsten Nacht, als es so dunkel ist, dass man nicht mehr an das Aufgehen des Lichtes zu glauben vermag. Aber gerade „in der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags“: Gott kommt, leise und unscheinbar, er kommt seit damals immer wieder „heute“, er geht mit durch die Zeit, durch das Leben, Er lässt uns nicht allein. Dass Sie das erfahren mögen zu Weihnachten und auf Ihren Wegen im neuen Jahr, das wünsche ich allen von Herzen: Gesegnete Weihnachten!
Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

 

Foto: Sabine Zorn

Barbarazweige

Liebe Schwestern und Brüder,
Freundinnen und Freunde,
mitten im kalten Winter holen wir Zweige ins Haus – geschnitten am 4. Dezember, dem Barbaratag, blühen sie zu Weihnachten.

Barbara, wahrscheinlich keine historische Gestalt, wurde der Legende nach von ihrem Vater in einem Turm eingesperrt, um sie von der Außenwelt, will sagen: ihren zahlreichen Verehrern, abzuschließen. In diesem Turm erfährt Barbara durch den Priester Valentinus vom christlichen Glauben und lässt sich taufen. Ein drittes Fenster, das sie in die Fassade brechen lässt, zeugt von ihrem Glauben an den dreieinigen Gott. Ihr Vater versucht, sie von diesem Glauben abzubringen – vergeblich. Er übergibt sie dem Statthalter – auf dem Weg in diese Gefangenschaft bleibt sie mit ihrem Gewand an einem Zweig hängen, den sie in ein Gefäß mit Wasser stellt. Er wird an ihrem Todestag Blüten tragen. Der Statthalter versucht, sie durch Folter zum Abschwören zu bringen – vergeblich, Engel heilen sie immer wieder. Endlich enthauptet sie der eigene Vater …

Nichts hat Barbara von ihrem Glauben an Gott abbringen können, der mitten im Tod neues Leben schenkt. Symbol für dieses Geschenk sind die Barbarazweige: Mitten im kalten Winter holen wir sie ins Haus – geschnitten am Barbaratag, blühen sie zu Weihnachten.

Es grüßt sie herzlich Ihre
Sabine Zorn (BD)

Die Nacht ist vorgerückt …

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Leser*innen unserer Internet-Seite!
Mit Gedanken zum Advent grüße ich Sie alle sehr herzlich am Beginn des neuen Kirchenjahres und wünsche Ihnen und Ihren Lieben Gottes Segen auf dem Weg durch diese Zeit, dem Christfest entgegen. Ihre
Sabine Zorn (BD)

Der Advent lehrt uns das Zählen: 24 Türchen im Kalender – für jeden Tag eines, vier Kerzen am Kranz aus Tannengrün – für jeden Sonntag eine, bis Weihnachten. Mit dem Zählen steigt auch die Erwartung, die Hoffnung darauf, dass etwas ganz Besonderes auf uns zukommt. Zu Recht.

In den letzten Wochen des Kirchenjahres und im nun beginnenden Advent leben wir in einer Jahreszeit, die deutlich vom Schwinden des Lichtes geprägt ist. Die Tage werden immer kürzer, die Dunkelheit nimmt zu, erst nach der Wintersonnenwende wird es langsam wieder heller werden. In der Natur erleben wir äußerlich, was uns die Liturgie als innere Bewegung erleben lässt. Denn in diesen Wochen begegnen uns in den Gottesdiensten die großen Themen des Lebens: Wir gedenken unserer geliebten Toten, blicken prüfend auf unser eigenes Leben und schauen erwartungsvoll auf das Kommen des Gottesreiches. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ (Rö 13,12)

Bei diesen Worten stellen sich aber auch Fragen ein, in diesem Jahr ganz besonders. Die Existenz der Nacht, der dunklen Erfahrungen im Leben, ist nicht zu übersehen. Jeder Blick in die Zeitung oder die Tagesschau zeigt überdeutlich: Es gibt viel Finsternis in unserer Welt. Zählen hat in diesen Tagen noch eine andere, oft beängstigende Dimension: Inzidenzwert, Infektionsrate, die Zahl der an Covid 19 Verstorbenen wecken bange Fragen: Wie wird das weitergehen, wann wird es wieder besser? So ist für viele Menschen diese dunkle Zeit des Jahres auch geprägt von belastenden Gedanken an die eigene Zukunft. Sie rauben uns in den Nächten den Schlaf und drohen, übermächtig zu werden. Da scheint der Tag sehr weit weg zu sein, die Dunkelheit nicht enden zu wollen. Kann man das überhaupt glauben: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“?

In seinem Brief an die Christen in Rom, in dem diese Worte stehen, schlägt Paulus einen österlichen Ton an. Paulus erinnert sie damit an ihre Taufe, an den entscheidenden Schritt in ihrem Leben, der sie zu Christus geführt hat, dem Licht der Welt. Im Taufgottesdienst hatten sie gehört: „Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf … Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.“ Mit der Taufe hatten sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und die Erfahrung gemacht, Kinder des Lichtes, Kinder Gottes zu sein. Diese Erkenntnis hatte ihr Leben grundlegend verändert, hatte Folgen gehabt für die Art und Weise, wie sie miteinander und mit sich selbst umgingen. Von jetzt an stand die Liebe im Mittelpunkt, die Liebe Gottes, aus der sie leben und die sie an andere weitergeben konnten.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, aber wir dürfen uns auch gemeint wissen. Er erinnert uns daran, dass die Taufe ein adventliches Geschehen ist: Gott kommt in unser Leben und macht die Nacht zum Tag, nicht nur zu Weihnachten. Dieses Kommen hat Folgen, denn wir werden nicht mehr bleiben, wie wir sind. Eine Folge, nicht eine Voraussetzung, dieses adventlich-österlichen Geschehens ist die Liebe, die unser Handeln prägen wird. Paulus ist überzeugt: Wer sich von Gott geliebt weiß, kann gar nicht mehr anders, als seine Nächsten zu lieben. Der weiß, was die Stunde geschlagen hat, und tut, was nötig ist, was der Liebe entspricht. Gelegenheit dazu bietet sich mehr als genug, Tag für Tag.

Der Advent lehrt uns das Zählen. Nicht nur Türchen am Kalender und Kerzen am Tannenkranz auf Weihnachten hin, sondern – gerade auch angesichts der bedrohlichen Zahlen – das Zählen darauf, dass die Finsternis nicht ewig dauert und Gottes heller Tag kommt, nein: dass er schon angebrochen ist. Der Tag, an dem die Liebe sich durchsetzt und es hell wird in den Häusern und Herzen.

Gebet
Herr Jesus Christus, Du bist das Licht der Welt. Das wollen wir so gerne glauben, aber es fällt uns auch schwer. In dieser dunklen Zeit sehnen wir uns nach Geborgenheit und Wärme. Komm zu uns mit Deiner Liebe, dann wird es hell in unseren Herzen. Mach uns bereit, Dein Licht weiterzugeben. Wir warten auf Deinen Tag und glauben: Er ist schon da.

 

 

Foto: Sabine Zorn

Elisabeth von Thüringen

Am 19. November gedenken wir der Heiligen Elisabeth. Hier ein Impuls zu Leben und Wirken dieser ungewöhnlichen Frau. Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen mit herzlichen Grüßen
Ihre Sabine Zorn (BD)

„Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder, seine Schwester darben und verschließt sein Herz vor ihnen, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“ (1 Joh 3,17)

Elisabeth, deren Gedenktag am 19. November, dem Tag ihrer Beisetzung, begangen wird, wurde 1207 als Tochter aus königlichem Haus in Ungarn geboren. Aus dynastischen und machtpolitischen Erwägungen brachte man sie bereits mit vier Jahren auf die Wartburg, um dort erzogen und dann im Alter von 14 Jahren mit dem jungen Landgrafen Ludwig von Thüringen verheiratet zu werden. Die nur kurze Ehe – Ludwig starb auf einem Kreuzzug – muss ungewöhnlich glücklich und sehr liebevoll gewesen sein. Elisabeths tätige Hilfe für Bedürftige und Kranke fand die Unterstützung ihres Mannes, nach dem Zeugnis der Dienerinnen hat er sie dazu ermutigt. Gemeinsam gründete das Ehepaar ein Hospital in Gotha und stattete es reichlich mit Besitz aus, aus dessen Einnahmen es sich langfristig finanzieren sollte. Weniger als ihr soziales und caritatives Engagement ist bekannt, dass Elisabeth – darin ähnlich den anderen großen Frauen des 13. Jahrhunderts, wie z. B. Gertrud die Große in Kloster Helfta -, dass Elisabeth auch visionäre Erfahrungen gemacht hat und aus der auch ekstatischen Liebe zu Christus, die für die Frauenmystik der Zeit prägend war, Kraft und Motivation gezogen hat. Sie hatte früh Kontakt zu Brüdern des heiligen Franz von Assisi und ließ sich von dessen Armutsideal und seiner Christusliebe anstecken. Das brachte sie in Konflikt mit den höfischen Lebensgewohnheiten, weil sie sich z.B. weigerte, Speisen zu sich zu nehmen, die armen Bauern abgenommen worden waren. Elisabeth war gerade einmal 20, als sie Witwe wurde und kurz darauf ihr drittes Kind zur Welt brachte. Nach dem Tod ihres Mannes verließ sie die Wartburg und widmete sich in Marburg den Armen, Kranken und Verlassenen. Dabei verausgabte sie sich so weit, dass sie mit nur 24 Jahren starb – die harten Lebensbedingungen unter den Armen und teilweise extreme asketische Übungen mögen dazu beigetragen haben.

Elisabeth lebte in einer Zeit, die durch große Standesunterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und Gleichgültigkeit der Wohlhabenden gegenüber Leid und Not gesellschaftlicher Randgruppen geprägt war. Sie war nicht einfach Wohltäterin, die Geld und Lebensmittel verschenkte; sie brachte sich mit ganzer Person und Lebenskraft ein und verstand, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten zusammen gehören. „Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder, seine Schwester darben und verschließt sein Herz vor ihnen, wie bleibt dann die Liebe Gottes in ihm?“

Im zentralen lutherischen Bekenntnis der Reformationszeit, dem Augsburger Bekenntnis von 1530, heißt es im Artikel 21 „Vom Dienst der Heiligen“: Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf. Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. „Denn es ist nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus“ (1. Tim 2,5).

Dass wir uns an Elisabeth oder anderen, besonderen Menschen, ein Beispiel nehmen sollen, haben wir zumindest als Kinder wahrscheinlich oft genug zu hören bekommen. Und je nach Seelenverfassung und Lebenslage haben wir es als Überforderung oder Ansporn erlebt. Nicht jede*r ist zur Heiligen, zum Heiligen in diesem engeren Sinn berufen – ich kann nur für mich sprechen: Gott sei Dank! Aber dass „wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist“, das ist ein in eine andere Richtung weisender Gedanke. Elisabeth hatte eine kurze, sehr glückliche Ehe, musste dann aber in schneller Folge den Tod ihres Mannes, den Verlust ihres Zuhauses und die Trennung von ihren Kindern erleiden. Der Glaube hat sie befähigt, ihr Leben im Sinn des Evangeliums zu gestalten und die Liebe zu Christus in der Liebe zu den Armen zu leben. Er war für sie das Wichtigste, das Fundament, auf dem alles andere gegründet war. Dass Gottes Gnade und das Leben aus seiner Fülle in aller äußeren Armut Glück bedeuten, war ihre Lebensmitte. Deshalb konnte sie auch gefasst auf ihren Tod zugehen und noch kurz vorher zu denen, die um sie waren, sagen: „Nun wollen wir von Gott und dem Jesuskind sprechen, es geht ja auf Mitternacht, die Stunde, in der Jesus geboren wurde, in der Krippe lag und in seiner Allmacht den neuen Stern erschuf, den niemand vorhergesehen hat.“

Ich möchte mit diesem Wort der sterbenden Elisabeth darüber nachdenken, ob ich heute meine Mitternacht, meine dunklen Zeiten als Stunde der Finsternis verstehe und fürchten muss, oder ob ich sie auch als die Stunde erfahren kann, in der der Herr zur Welt kommt und ein neuer Stern aufgeht, denn „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags“ …

 

 

 

Gast sein einmal …

Viele von uns werden am Buß- und Bettag nicht zur Kirche gehen können. Deshalb finden Sie hier einen Impuls zu Off 3,14-22 von Pfrn i.R. Sabine Zorn (BD) und Pfrn Katrin Sonnemann, Hagen.

Laodizea. Christinnen und Christen sind auf den Weg zum abendlichen Gottesdienst durch das Zentrum der Stadt, wo das Leben pulsiert. An den breiten Straßen reiht sich Gebäude an Gebäude: schicke Häuser, neu gebaut, Bäder, Markthallen, Versammlungsplätze, Tempel, mit Skulpturen geschmückt und breiten Treppen. Vor kurzer Zeit erst hat ein Erdbeben vieles zerstört, aber Laodizea ist ohne die angebotene Hilfe aus Rom wieder aufgebaut worden. Man war zu stolz, um etwas von anderen anzunehmen: „Wir haben genug!“ – die Antwort in die Hauptstadt des Kaiserreiches. Der Tuchhandel, ein florierendes Bankwesen und die Produktion teurer Heilmittel ist die Grundlage des Reichtums, der Vielen das Leben angenehm macht. Die Wirtschaft hat sich schnell wieder erholt, auf der Skala des „Glücksatlas“ wird die 10 oft angekreuzt. Mittendrin in der Stadt die christliche Gemeinde beim abendlichen Gottesdienst. Dort hören die Menschen, was ihnen der Seher Johannes aus seinem Exil auf der Insel Patmos schreibt. Es ist das, was ihm der Geist Gottes diktiert hat:

[Und] dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Nach dem Verlesen dieses Briefes herrscht betretenes Schweigen und ich halte auch den Atem an. Da sind Menschen, die sich darum bemühen, den Willen Gottes zu erfüllen. Sicher nicht einfach in einer Umgebung, die von den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen und Weltanschauungen geprägt ist. In der die Wirtschaft den Takt vorgibt, in der Handel und Geschäftsverbindungen wichtig sind, in der das Geld regiert, jeder auf sein eigenes Fortkommen bedacht ist und jeder auf seine Familie, seine Freunde, auf die kleine Gemeinde konzentriert ist, um mitreden und mitmachen zu können. Kompromisse sind im Leben unvermeidlich. Den eigenen Glauben als Privatsache betrachten, nicht laut werden gegen Ungerechtigkeit und sich arrangieren mit dem Gegebenen, so schlimm kann das doch nicht sein. Rastlosigkeit bestimmt manche mit Blick auf die große Politik, die kleine Gemeinde ist ein angenehmer Rückzugsort. Aber jetzt muss sie sich anhören: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist… Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

Das trifft. Es ist eine verstörende Mahnung, die aus dem Sendschreiben des Sehers Johannes nicht nur nach Laodizea, sondern bis zu uns heute kommt. Wie ein Spiegel hält dieser Brief ihnen und uns die Frage vor: Wie sieht es aus mit Euch aus, dem angepassten Glauben, der eingerichteten Gemeindewelt, der Überzeugung vielleicht, den Durchblick zu haben – anders als andere?

Was den Christ*innen in Laodizea zum Vorwurf gemacht wird, ist ihre Selbsteinschätzung und Selbstgewissheit, ihre fehlende Selbstkritik. „Ich bin genug und habe genug und brauche nichts!“Materiell gemeint bei den einen, geistlich vielleicht bei den anderen. Diese Haltung ist es, die kritisiert wird, ihre Selbstgenügsamkeit und Gleichgültigkeit, das „Verlorengeben der Glut des Evangeliums.“ Die Christen in Laodizea haben in ihrer umtriebigen Zeit mit vielen Herausforderungen den Blick auf die Mitte ihres Glaubens verloren. Sie wissen nicht mehr, was oder wer ihr einziger Trost im Leben und im Sterben ist. Und weil sie das nicht mehr wissen, steht genau der vor der Tür und klopft an.

Denn so heißt es im Heidelberger Katechismus, in der ersten Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Hier ist der Name genannt, der im Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea nur umschrieben wird, so wie fromme Juden den Namen Gottes nicht aussprechen, sondern umschreiben. Aber von Anfang an ist klar, von wem Johannes schreibt: von Jesus Christus, dem Amen wie er ihn nennt, also dem letzten und gültigen Wort Gottes von dem, der von Anfang an bei Gott war, selbst Gott ist. Der steht nun vor der Tür der Gemeinde in Laodizea, der steht vor unserer Tür und klopft an.

Viele von uns kennen dies Kinder-Abendgebet: „Ich bin klein, mein Herz ist rein. Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Auch hier das Bild der Wohnung, an deren Tür der Herr klopft, um Einlass zu finden. Dabei waren wir, ohne dass es uns bewusst war, dem gleichen Missverständnis aufgesessen wie die Christen in Laodizea. „Mein Herz ist rein“ haben wir gesagt, nicht „mach rein“, wie es eigentlich und richtig heißen muss. Das klingt ähnlich wie die Haltung: „Ich bin genug und habe genug und brauche nichts!“ Aber so kann man sich täuschen! So kann man sich auch täuschen, wenn man meint, mit Anstand und gesundem Menschenverstand durchs Leben zu gehen sei nicht nur richtig, sondern auch schon genug. Wenn wir um uns selbst kreisen bleibt der Platz in der Mitte oft genug leer.

Christus steht vor der Tür und klopft. Er klopft nicht nur an die Herzenstür jedes Einzelnen, sondern auch an die Türen der Gemeinden und Kirchen. Aber er tut es nicht als derjenige, der die falschen Haltungen und Handlungen bestraft, sondern der seine Hilfe anbietet und den richtigen Weg weist. Gericht kommt von Richtung und nicht von Urteil. Es geht um die richtige Richtung, wenn wir am Buß- und Bettag auf die Klopfzeichen an unseren Kirchen- und Herzenstüren horchen. Das ist das Wichtigste, das Grundlegende, das Evangelium dieses Tages. Denn das Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea und an die Gemeinden in aller Welt gehört am Besten von hinten her gelesen. Von der Verheißung her: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Was die Christ*innen damals gehört haben, ist deutlich geworden: den Ruf des Geldes, der unsere Synoden wieder beschäftigen wird und die Sitzungen unserer Gremien, die Verlockung des Ansehens, die Versuchung der Selbstgefälligkeit. In manchem davon mögen wir uns wiedererkennen. Ihnen damals wie uns heute, so viele Jahrhunderte später, wird eine Änderung der Blickrichtung empfohlen: Nicht mehr auf uns selbst zu schauen, sondern auf Christus, der anklopft und in die Mitte tritt. Und der mit diesem Schritt nicht nur in die Mitte tritt, sondern selbst die Mitte werden will in unserem Leben.

Nur wie ?

„Ach, dass du kalt oder warm wärest!“ – schreibt Jesus durch Johannes. Kalt oder warm sein, nicht lau. Deutlich spürbar sein in unserem Christsein – das ist Gottes Wunsch. Ich kenne den Wunsch nach Ruhe und Aufatmen in den Räumen des Glaubens, nach dem sich-zurückziehen-Wollen von der Welt und ihren Ängsten und Aufgeregtheiten. Richtig, sagt Johannes, ist das nicht. Oder vielleicht nur eine Zeit lang. Bis wir wieder gut ausgestattet sind von Jesus, mit geläutertem Gold, weißen Kleidern und durch Salbe geheilten Augen: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht.“ Jesus stattet uns aus , damit wir wieder eifrig sein zu können – voller Energie: kalt und warm. „Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Hier ist nicht mehr die Rede von falscher Lauheit. Hier ist Energie. Der Gast vor der Tür wird zum Gastgeber in unserer Mitte und speist uns nicht ab mit Lauem. Wir sind seine Gäste mit dem was wir mitbringen und dann endlich loslassen können. Buß und Bettag ist der kirchliche Feiertag, wo wir Selbstgerechtigkeit und Selbstbezogenheit loslassen können in unseren eng gewordenen Welten in Laodizea oder wo immer wir leben. Wir sind nicht mehr Gastgeber, die Rollen wechseln. In unseren eigenen Lebensräumen werden wir Jesu Gast und lassen los – kein „nach allem fassen“, wie Rainer Maria Rilke es weiß:

Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen – einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.

„Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Was hindert, dass wir öffnen?

 

Foto: Tom Kattwinkel