Kategorie: Aktueller Hinweis

Unsere Sehnsucht und die Wirklichkeit Gottes

Predigt am 1.1.23 Neujahr, Lk.4,16-21
Unsere Sehnsucht und die Wirklichkeit Gottes

Liebe Gemeinde,
wie haben Sie den gestrigen Tag verbracht?
Sie, liebe Diakonissen, haben nach dem Abendmahlsgottesdienst und dem festlichen Abendessen die liturgische Nacht gefeiert. Es gab Texte zum Nachdenken über das vergangene Jahr auf weltlicher und persönlicher Ebene, ebenso wie Wünsche und Hoffnungen für das neue Jahr. Sie in Krankenzimmern oder Pflegebereichen werden vielleicht auch darüber nachgedacht haben, was alles war und was wohl kommt. Sorgen und Ängste – Hoffnungen und Wünsche.

Sorgen und Ängste, Wünsche und Hoffnungen gab es immer zu allen Zeiten, auch, als Jesus anfing zu wirken. Aber hören Sie seine Antwort darauf. Ich lese aus LK 4:
16Jesus kam auch nach Nazareth, wo er aufgewachsen war.Am Sabbat ging er wie gewohnt in die Synagoge. Er stand auf, um aus der Heiligen Schrift vorzulesen.
17Man reichte ihm die Schriftrolle mit dem Propheten Jesaja.
Jesus rollte sie auf und fand die Stelle, wo geschrieben steht:
18»Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu verkünden.
Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind, und den Blinden, dass sie sehen werden
Den Unterdrückten soll ich die Freiheit bringen.
19Ich soll verkünden: Jetzt beginnt das Jahr, in dem der Herr Gnade schenkt.«
20Jesus rollte die Schriftrolle wieder zusammen, gab sie dem Synagogendiener zurück und setzte sich.
Alle Augen in der Synagoge waren gespannt auf ihn gerichtet.
21Da sagte er zu den Anwesenden: »Heute ist diese Stelle in der Heiligen Schrift in eurer Gegenwart in Erfüllung gegangen.«

„Heute!“ Heute ist erfüllt, was der Prophet vorausgesagt hat.
Das ist echt ein starkes Stück. Wir denken „Was redest du da? Wo ist es denn, das Reich Gottes? Schau dich doch um: Nichts ist gut. Gar nichts! Und es wird auch nicht besser, nur weil du es behauptest!“
Wir glauben nicht daran, dass heute alles besser ist, nur weil gestern das alte Jahr mit allem Schrecklichen zu Ende gegangen ist.

Das alte Jahr ist vergangen. Der neue Morgen im neuen Jahr fühlt sich wie alle Tage an. Es geht genauso weiter. Wir sehnen uns danach, dass der Krieg aufhöre, dass die Gewaltigen vom Thron gestürzt werden und die Niedrigen erhoben werden, dass die Hungrigen mit Gütern erfüllt werden, so wie es Maria sang.
So viele Menschen sehnen sich nach liebevollen Berührungen, nach einem Augenblick, der ihre Hoffnung nährt.

»Heute ist diese Stelle in der Heiligen Schrift in eurer Gegenwart in Erfüllung gegangen.«

Vor ein paar Tagen haben wir an Weihnachten das Kind in der Krippe gefeiert. Klein fängt Gott an. Im Kleinen ist alles enthalten. Im kleinen Jesuskind ist die ganze Gottheit leibhaftig.
Im kleinen Samenkorn ist alles enthalten, damit es zum großen Baum wird.
Auf einem Plakat für eine Kunstfilmausstellung von Trinh T. Minh-ha. habe ich gelesen: „the ocean in a drop“ – der Ozean in einem Tropfen. Der Satz hat mich berührt und zum Nachdenken angeregt.

Was macht Jesus?
Er legt uns mit seinen Worten dieses Samenkorn ins Herz. Er lässt diesen Tropfen in unsere Seele fallen. Das fühlt sich gut an, sich vorzustellen, wie ich, nach vielen Jahren, unter dem Schatten des Baumes sitzen kann, den ich einst gepflanzt habe. Es fühlt sich gut an, in diesem Tropfen die Fülle zu erahnen, die Wüsten zum Leben erwecken kann.
Jesus weckt in mir Visionen. Er weckt meine Sehnsucht. Er weckt mein Suchen.
Visionen und Sehnsucht sind schon immer die Kraft, die Menschen in Bewegung gesetzt hat.
Ist nicht die Christusbewegung eine Bewegung, die bis heute anhält?
So gab es auch manche Menschen, die durch einen Gedanken Großes bewegt haben: Mahatma Gandhi, Martin Luther, Albert Schweizer, Martin Luther King, Mutter Theresia. Und auch Sie, liebe Diakonissen, haben mit Ihrer Kraft und Glauben das Diakonissen-Krankenhaus gebaut und haben Ihren Dienst an vielen Orten getan und Menschen geholfen.
Antoine St. Exupery sagt: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Übertragen auf die alten Worte des Propheten Jesaja bedeutet das: Die Sehnsucht nach einem guten Leben in Freiheit hilft den Unterdrückten aus der Unterdrückung heraus.

Frauen in Afghanistan und Iran sehnen sich nach Gleichberechtigung und Bildung und protestieren – und wagen dabei ihr Leben.
DDR–Bürger sehnten sich nach einem freien demokratischen Leben und beteten und demonstrierten dafür.
Was ist Ihre Sehnsucht? Was bewegt Sie?
Frieden in der Welt – und Sie engagieren sich persönlich um Flüchtlinge oder spenden dafür?
Vielleicht eine Freundin wiederzusehen, mit der Sie lange keinen Kontakt hatten?
Einen Streit zu beenden und den ersten Schritt zu machen?
Vielleicht inneren Frieden zu finden trotz Gebrechlichkeit und Krankheit?
Vielleicht pflanzen Sie in diesem Jahr einen Baum zur Erhaltung der Schöpfung?
Vielleicht sehnen Sie sich nach Gott/ und öffnen ihre Seele für diesen Tropfen, der einen Ozean enthält?

Aber es ist nicht nur eine Idee oder eine Utopie, die in unser Herz gelegt wird. Nein – es ist das Wirken Gottes, das damals und heute Wirklichkeit ist: Also hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, dass durch ihn die Welt gerettet wird.
Heute beginnt das Gnadenjahr Gottes. Heute wird alle Schuld vergeben. Heute ist Gott barmherzig.

Es ist kein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern ein Tropfen, der aus Wüsten Gärten macht. Gott hat schon damit angefangen. Gottes Wirken geschieht schon, bevor die Erde erschaffen war. Gottes Wirken war immer mit seinem Volk Israel. Gottes Wirken ist auch heute wahrhaftig.
Und in unseren Herzen und mit unseren Händen geht es weiter.

»Heute ist diese Stelle in der Heiligen Schrift in eurer Gegenwart in Erfüllung gegangen.« „Jetzt beginnt das Jahr, in dem Gott Gnade schenkt.“
Die Gnade Gottes geht heute und jetzt in Erfüllung. Lassen wir uns von diesem Tropfen vollkommen davon erfüllen. Das ist der Ozean des Friedens und der Ozean der Liebe Gottes in uns, der uns bewegt.
Und Gott ist ein Gott, der uns sieht- der uns liebevoll ansieht- und begleitet, was immer auch in diesem Jahr geschehen mag. Gott sei Dank. Amen.

Predigerin: Barbara Neudeck, Diakonin, BD
Foto: aus unplasch

Geborgen in Gottes Liebe!

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Schwestern und Brüder,

der Silvesterabend, der letzte Abend eines Jahres, ist eine ganz besondere Zeit.
Das Feuerwerk, die fröhliche und lautstarke Begrüßung des neuen Jahres um Mitternacht – das ist das eine. Das andere – und dazu soll auch jetzt in diesem Gottesdienst Zeit sein – ist das stille Innehalten.

Bevor das neue Jahr das alte ablöst, schauen wir zurück auf das, was war: Wir erinnern uns an die Tage und Wochen, die hinter uns liegen, die jetzt Vergangenheit sind und damit Teil unseres Lebens, Teil unserer Geschichte.
Wir erinnern uns an die Erlebnisse, die wir hatten, an die Erfahrungen, die wir gemacht haben, die uns geprägt und vielleicht auch verändert haben.
Manches in diesem Rückblick ist gemeinsame Erinnerung und ganz nahe bei uns: So beschäftigt uns der Krieg Russland – Syrien, auch Corona und seine Auswirkungen sind noch ganz im Gedächtnis verblieben.
Aber auch Schönes haben wir gespeichert. Die Jahreszeiten mit den vielen bunten Bildern, z.B. die aufgehende Sonne am frühen Morgen, der Tau auf den Feldern, die gefärbten herbstlichen Blätter oder auch die ersten fallenden Schneeflocken, all das erfreut unser Herz.
Manch schöne Begegnung mit guten Gesprächen oder dem gemeinsamen inhaltsreichen Schweigen gibt uns Nahrung für das Kommende. Ja, die persönlichen Erlebnisse schieben sich immer wieder in den Vordergrund.

Für die einen war es ein gutes Jahr 2022.
Sie haben es genossen, sich gefreut, gute Erfahrungen gemacht; andere haben manches erlitten, hinnehmen und einstecken müssen, vielleicht auch überstanden.
Ein gutes, ein rundum glückliches Jahr war es für die einen – Zeit, die viel zu schnell vergangen ist.
Für andere war es ein schweres Jahr, ein hartes; sie mussten durchmachen, was sie so nie erwartet hätten: Krankheit und die fehlende Gewissheit, wie es weiter geht; eine Trennung oder einen endgültigen Abschied von einem lieben Menschen; Sorgen mit den Kindern; Angst um den Arbeitsplatz.
Und für wieder andere war dieses Jahr weder gut noch schlecht, ohne große Veränderungen, ein Jahr mit »viel Alltag« eben.
Vieles ist geschehen. Auf manches blicken wir dankbar zurück. Es gab Ereignisse und Begegnungen, die uns gestärkt und bereichert haben, an denen wir gewachsen sind; und das können ja durchaus auch die schweren Erlebnisse, und das wenig Erfreuliche sein.

Vielleicht würden wir im Rückblick, wenn es ginge, manches gerne ändern, vielleicht sogar ungeschehen machen. Manches sind wir schuldig geblieben – uns selbst oder anderen. Heute, an diesem Altjahrabend soll all das noch einmal seinen Platz haben.

Und der Predigttext aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs, die Verse 31b bis 39 vergewissert uns, dass alles was war, was ist und sein wird uns nicht trennen kann von Gottes Liebe, wir hören:
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.
Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes!
Egal, was war, egal, was kommt – nichts kann uns dieser »Geborgenheit der Liebe Gottes« entreißen.

Ich bin gewiss, sagt Paulus: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.
Und Bonhoeffer dichtet: Gott ist immer bei uns, und das ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Solche Geborgenheit, dieses Aufblitzen der Liebe Gottes in unserem Leben – vielleicht ist es das, was wir in Situationen spüren, in denen wir die ganze Welt umarmen könnten:
wenn jemand die große Liebe seines Lebens gefunden hat;
wenn jemand ein neugeborenes Kind im Arm hält;
wenn jemand vom Arzt eine Diagnose bekommt, die die Angst nimmt.

Weder Paulus noch Dietrich Bonhoeffer schreiben aus einer solchen Lebenssituation heraus. Bonhoeffer sitzt im Gefängnis, er weiß, mit welchen Gegnern er es zu tun hat, und dennoch schreibt er: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.«
Paulus hat erlebt, wovon er schreibt: Angst, Verfolgung, Hunger und Gefahr. Und doch sagt er: »Ich bin gewiss, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes«.
Wie kommt es zu dieser Gewissheit, zu dieser Überzeugung, dass nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes?
Nicht das Leid, die Trauer und der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen;
nicht die Sorgen, die ich mir um die Zukunft mache;
nicht die Ratlosigkeit und nicht die Fragen, auf die ich keine Antworten finde;
nicht die Grenzen, an die ich stoße;
und auch nicht die Fehler, die ich gemacht habe.

Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes – ich merke, mir fällt es schwer, diesem Jubelruf des Paulus Vertrauen zu schenken. Zu vieles scheint dem immer wieder entgegen zu stehen. Es gibt doch auch die Erfahrungen die einem das Gefühl geben, abgeschnitten zu sein von der göttlichen Liebe, heraus gefallen aus der göttlichen Zuwendung. Das sind dann Erfahrungen, bei denen wir uns fragen: Wie kann Gott das zulassen? Oder: Warum, Gott? Warum ich?

Doch die Worte von Paulus lassen mich nicht los. Diese Gewissheit, mit der er spricht, fordert mich heraus. Und ich wünsche mir, mir etwas davon »abschneiden« zu können, es mitnehmen zu können über den Jahreswechsel hinaus, hinein ins neue Jahr.
Deshalb noch einmal die Frage wo nimmt Paulus solche Gewissheit her? Und wie kann sie zu meiner, zu unserer Gewissheit werden?

Ganz am Anfang des Römerbriefes schreibt Paulus, was seine Aufgabe als Apostel ist, nämlich »Zu predigen das Evangelium Gottes«.
Die Liebe Gottes, deren Paulus sich so gewiss ist, sie wird konkret und bleibt kein leerer Begriff, sondern sie ist angefüllt mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu. Gott ist nicht weit weggeblieben, hat sich nicht herausgehalten. Gott ist Mensch geworden – und die Geburtsgeschichte aus dem Lukasevangelium malt aus, welche Bewegung »nach unten« das war.

Entscheidend aber für Paulus ist, dass Jesus Christus den menschlichen Weg gegangen ist bis zum Tod; dem Leid, dem Spott, dem Schmerz ist er nicht ausgewichen. Von den Menschen wurde er verhöhnt und ausgelacht, von Gott aber aus dem Tod herausgerufen und ins Recht gesetzt.
Christus ist der »Bürge« für die Gewissheit des Paulus. Weil Christus uns vertritt, weil er für uns einsteht, weil er an unserer Seite steht – deshalb kann nichts uns scheiden von der Liebe Gottes!

Es werden wieder Stunden und Tage kommen, in denen es uns schwer fallen wird zu sagen: »Ich bin gewiss«. Aber was hindert uns, jetzt in diesem Vertrauen auf das zu Ende gehende Jahr dankbar zurück zu schauen und den Schritt ins Neue Jahr zu wagen? Was hindert uns daran, jetzt zu sagen: Nichts von dem, was war – und nichts von dem, was kommt! – kann uns von der Liebe Gottes trennen – von der Liebe des Gottes, der es gut mit uns meint! Amen.

Predigerin: Margret Häßler, Prädikantin, BD
Bild: Pixabay

Predigt zum 4. Advent – Philipper 4, 4-7

Liebe Schwestern und Brüder,

ein bekannter Theologe der Gegenwart erzählt von seiner Prüfung in Bibelkunde, was nicht seine Stärke war. Er wurde also gefragt: „Sagen Sie mal, was steht denn im Philipperbrief?“ Antwort: „Freuet euch!“ – „Ja, und steht vielleicht noch etwas darin?“ – „Ja, da steht noch: Und abermals sage ich, freuet euch!“
Mir scheint, dass der angehende Pfarrer mit seiner Antwort den Inhalt des Philipperbriefes ganz gut zusammengefasst und den Nerv des Briefes getroffen hat.
Paulus selber ist aufgefallen, dass er sich in seinem Brief zum Thema Freude wiederholt.

Hören wir den Predigttext aus Phil. 4, 4-7
4Freuet euch in dem Herrn allezeit, und abermals sage ich: Freuet euch! 5Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.

„Freut euch!“
Nitsche hat ja schon gesagt, dass die Christen erlöster aussehen müssten, wenn man ihrer Botschaft glauben soll.

Also dann wollen wir uns mal freuen!
Auf drei: „Eins, zwei, drei!“…
Geht nicht! So auf Kommando geht das Freuen eben nicht!
Freude kann man nicht verordnen. Es geschieht im Moment oder in der Vorfreude.
Wie freuen sich die Kinder auf Weihnachten und die Geschenke! Und wir freuen uns an den Kerzen und den Traditionen. Wir könnten so viel aufzählen, auf was wir uns freuen.
Freude hat immer einen Grund.

Was meint Paulus dann mit dem Satz „Freuet euch!“?
Er will sicher damit ausdrücken: „Ich wünsche mir, dass ihr euch freuen könnt, denn ihr habt allen Grund dazu.“
Es gibt die kleinen vorübergehenden Freuden. Zum Beispiel: Ein leckeres Essen mit Freunden. Oder etwas, was einem gut gelungen ist. Oder über eine blühende Rose. Und diese Freuden bereichern unser Leben und wir denken gerne daran zurück.

Aber Paulus geht eine Schicht tiefer. Er meint eine grundlegende Freude. Paulus sagt dazu: „freut euch allezeit!“ Also: Immer und überall. Das heißt nicht, dass wir wie eine Grinsekatze immerzu lachen und freudig mit dem Arm wedeln sollen.
Es ist eine Freude, die lebensbestimmend und tragend ist, die unser Leben, wie ein Basso Continuo begleitet.
Eine Freude, die so dauerhaft ist, dass sie bleibt, trotz allem, was uns an Schwierigkeiten, Krankheiten und Bösem wiederfährt.
Paulus scheibt ja diese Worte im Gefängnis und wartet dort auf sein Urteil: Freiheit oder Tod. Er erlebt, trotz allem, diese Freude in sich.

Was ist also der Grund unseres Lebens und Freuens?

Als erstes sagt Paulus: „Freuet euch in dem Herrn“ – nicht „über“ oder „wegen“, sondern in dem Herrn.
So wie Jesus sagt: „Bleibt eins in mir und ich in euch“, so wie er und Gott eins sind. „In“ bedeutet: zusammen sein, eins sein, in der Liebe verbunden.
Das heißt, dass der große Gott uns Menschen nahe kommt, dass er in uns wohnen will und wir in ihm. Es bedeutet, dass alles Trennende aufgehoben ist. Und das dauerhaft, tragend.
Und das wirkt lebensverändernd.
Dieses Nahekommen Jesu hat das Leben von Paulus verändert.
Und es hat das Leben der Christen in Philippi verändert und verändert auch uns heute.
Paulus sagt: veränderte Menschen – Christen sind so:
1. Sie sorgen sich um nichts
2. Sie beten und bitten mit Danksagung Gott
3. Sie sind Gütig und zugewandt zu allen Menschen.

Beginnen wir mit dem „nicht Sorgen“. „Sorgt euch um nichts“. Bitte ab jetzt: keine Sorgen mehr! Das klappt leider auch nicht auf Kommando, ebenso wenig wie das sich freuen.
Sorgen gehören zu unserem Menschsein dazu, so wie die Freude. Auch hier geht es eine Schicht tiefer, ins Grundlegende und „Beten und Bitten“ hilft uns dabei.
Wir müssen unsere Sorgen, Mühen und Krankheiten nicht alleine bewältigen. Gott ist da, der mitträgt. Deshalb sollen wir zu Gott beten und bitten – mit Danksagung, weil Gott der Geber und Vollender aller Dinge und Wesen ist.

Wir haben Sorgen, aber wir tragen sie leichter, wenn wir sie vor Gott aussprechen. Wir können mit Widerwärtigkeiten besser umgehen, weil Gott solidarisch, durch Jesu Leiden genau weiß, wie es uns geht. Wir vertrauen Gott, dass er einen Weg für uns sieht, auch wenn wir ihn noch nicht sehen.
So können wir, trotz allem, diese grundlegende Freude und Zuversicht erfahren.

Eine betagte Frau, die im Alter von 40 Jahren an MS erkrankte, konnte sich nicht mehr selbst bewegen und nur noch mit Mühe Schlucken. Aber sie strahlte mich an und sagte: „Ich danke Gott für mein gutes Leben. In den letzten Jahren hatte ich Hilfe von Pflegenden. Und immer war Gott bei mir, auch inmitten meiner Schmerzen. So wird er mit mir meinen letzten Weg gehen.“  Und jeder, der bei ihr war, ging getröstet, gestärkt wieder hinaus.

Christliche Freude äußert sich im Dank.
Und: Dankbarkeit verändert uns noch viel mehr.
Dankbarkeit lässt uns gütiger und freundlicher werden, zugewandter und achtsamer unserem Mitmenschen. Das was wir empfangen haben, wollen wir weitergeben.

Als zweiten Grund der Freude benennt Paulus in die Wiederkunft Jesu.
Für uns, die wir nicht so sehr in der Naherwartung Jesu leben wie Paulus, ist das etwas befremdlich.
Viele denken bei der Wiederkunft Jesu nicht so sehr an Freude, sondern eher an das Jüngste Gericht.
Über Jahrhunderte hinweg wurde in den Gottesdiensten das Gewicht auf das Gericht gelegt. Mit der Angst sollten die Menschen zum Glauben bekehrt werden.

Aber Paulus freut sich! Für ihn ist die Wiederkunft das definitive und gute Ende aller Dinge. Das Sehnen und Leiden der Menschen und der ganzen Schöpfung erfährt dadurch Befreiung und Erfüllung in der vollkommenen Gottesnähe. Das ist die Vollendung der Schöpfung und Ziel Gottes von Beginn an.
Die Wahrheit über alles, was war, kommt ans Licht. In Gottes Licht.
Alles was war, wird nun vollendet – auch wir Menschen, mit unserer Schuld. Wir werden zu dem, was Gott schon immer in uns gesehen hat. Wir werden verwandelt, wie Christus verwandelt worden ist. Diese Vollendung des Menschen und der Schöpfung ist die Seligkeit.

So lenkt Paulus den Blick auf der Wiederkunft Jesu. Nicht auf die Schuld, sondern auf das Handeln Gottes, der seine Schöpfung liebt, der Anfang und Ende ist, und auch heute, jetzt, der Handelnde ist.
Dieses Handeln Gottes, ist für uns nicht immer verständlich und begreifbar. Höher als alle unsere Vernunft.
Das Handeln Gottes und seine Nähe beseitigen nicht alle Anfechtungen, Mühen und Plagen im Einzelnen, aber macht sie aushaltbar.
So hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, um uns die Liebe Gottes zu verkünden. Und Jesus zeigt uns, dass Gott jetzt bei uns ist, dass Gott handelt und uns Frieden schenken will. Das ist unsere Freude, unser Grund zu leben und zu glauben. Das ist der Grund, der uns trägt. Deshalb feiern wir Weihnachten.
Gott bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Bild: pixabay

Einführung Sabine Bayreuther

Gottesdienst zur Einführung als Geistliche Leiterin und Vorsitzende des Berneuchener Dienstes, Kloster Kirchberg
Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 25.09.2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wofür braucht es eigentlich den Berneuchener Dienst? Wofür braucht es die Evangelische Michaelsbruderschaft? Wofür braucht es überhaupt geistliche Gemeinschaften?
Spätestens seit dem 3. Jahrhundert haben sich im Christentum Sonderformen des kirchlichen Lebens entwickelt. Menschen gingen in die Wüste, um dort intensiver als in der Ortsgemeinde ihren Glauben zu leben. Irgendwann erfolgte der erste formelle und geregelte Zusammenschluss von solchen Sonderlingen – das Mönchtum war entstanden.
Seitdem gibt es immer wieder Aufbrüche, in denen neue Gemeinschaften entstehen. Manche Gemeinschaften hören auch irgendwann auf zu existieren. Dafür entsteht anderes.
Aber wofür?
Das Leben in verbindlichen geistlichen Gemeinschaften ist ganz sicher nicht gottgefälliger. Man erwirbt ganz sicher keine Verdienste oder einen schöneren Platz im Himmel.
Wenn solche Sonderformen des kirchlichen Lebens entstanden sind, dann oft, weil man den Eindruck hatte, dass es in der Kirche nicht mehr so richtig gut läuft.
Bei der Entstehung der Berneuchener Bewegung war das erklärtermaßen der Fall: man wollte eine Erneuerung. Deswegen trafen sich viele Männer und eine Frau, Anna Paulsen, auf dem Gut Berneuchen, später dann in Pätzig, um gemeinsam nachzudenken und auszuprobieren, um zunächst probeweise zu leben, wie eine andere, eine lebendigere, eine auf ihre Wurzeln besonnene, eine Leiblichkeit und Zeichen schätzende Kirche gelebt werden könnte.

Man sah die Kirche in Not.
Das war damals nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal, dass man die Kirche in Not sah.
Immer wieder haben Christenmenschen den Eindruck: die Stimme der Kirche wird heiser und brüchig. Die Worte werden leer. Rituale und Symbole werden nicht mehr als sinnhaft erkannt. Menschen wenden sich ab.
Eine Reaktion darauf ist oft – und das ist auch heute wieder zu beobachten – Aktionismus: Projekte mit Meilensteinen werden aufgelegt, Events werden veranstaltet, Pläne werden diskutiert, verworfen, erneut diskutiert und final abgestimmt. Man fährt Superlative auf: Best-practice-Beispiele sind gefragt. Gute Praxis reicht wohl nicht mehr aus.

Es gab und gibt aber auch andere Reaktionen – gerne auch parallel dazu:
Ich meine, es ist Wilhelm Stählin, der die Berneuchener Bewegung an einer Stelle als eine Erweckung beschreibt. Solche Erweckungen gab und gibt es immer wieder. Sie geschehen jenseits der Institution – aber nicht unbedingt gegen sie. Sie haben kein Projektziel vor Augen. Sie wollen eigentlich nichts erreichen. Sie sind ergriffen und sie besinnen sich auf die Wurzel: auf Christus.

„Sorgt euch nicht um euer Leben. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen.“ – So haben wir es im Evangelium (Mt 6, 25-34) gehört.
In der zweiten Schöpfungserzählung (Gen 2, 4b-9.15) haben wir gehört, dass Gott uns den Atem des Lebens, die näfasch chajah, das Leben schlechthin gegeben hat. Diese Geschichte erinnert uns (noch stärker als die erste Schöpfungserzählung) daran, dass nicht wir die Macher sind, sondern dass Gott es ist, der uns gemacht hat und dass unser Leben nicht wäre ohne ihn.
Und in der Epistel (Gal 5,25 – 6,10) schließlich, die zugleich für den heutigen Sonntag der Predigttext ist, gibt Paulus eine Antwort auf die Grundsatzfrage: Wie geht geistliches Leben eigentlich? „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ Aus dieser etwas altertümlichen Übersetzung Luthers würde ich machen: Wenn wir im Geist leben, so lasst uns unser Leben auch entsprechend im Geist gestalten.
Paulus reagiert in seinem Brief an die Galater übrigens auf eine Krise, eine Not der frühen, gerade in der Entstehung befindlichen Kirche. Man stritt sich damals recht vehement darum, wie eine adäquate christliche Lebensführung aussieht. Paulus war mittendrin in diesem Streit.

Unsere heutige Epistel ist das inhaltliche Ende des Galaterbriefs und liefert insofern eine Art Quintessenz. Die Zusammenfassung dieser Quintessenz des geistlichen Lebens, frei übertragen aber doch am Text des Paulus angelehnt, klingt in meiner Sprache so:
Ihr seid vom Geist erfüllt worden, also setzt das bitte auch in eurer Lebensführung um.
Das wichtigste ist dabei immer Christus.
Seid in eurer Gemeinschaft nicht neidisch aufeinander,
überhebt euch nicht über andere.
Seid sanftmütig – vor allem dann, wenn ihr andere auf Fehler hinweist.
Unterstützt euch gegenseitig.
Teilt eure Güter.
Werdet nicht müde, Gutes zu tun. Noch ist die Zeit dafür.
Und nehmt euch selbst nicht so wichtig.
Was Paulus da geschrieben hat, ist wohl wirklich die Quintessenz eines geistlichen Lebens. Schaut man nämlich in die Tradition geistlicher Gemeinschaften, dann findet man verschiedene Variationen dieses Themas.
Etwa bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern konnte ich zum Beispiel folgende kleine Geschichte finden:
Altvater Poimen bat den Altvater Joseph: „Sage mir, wie ich Mönch werde.“ Er antwortete: „Wenn du Ruhe finden willst, hier und dort, dann sprich bei jeder Handlung: ‚Ich – wer bin ich?‘ Und urteile über niemand!“ (Apophthegmata Patrum 385)
Um ein geistlicher Mensch zu werden, muss man also den Blick von sich selbst und seinen eigenen Befindlichkeiten lösen können. Dann wird auch eine sanftmütige und liebevolle Zuwendung zum Mitmenschen möglich. Dann sehe ich nicht mehr nur meine Last, die ich trage, sondern auch die Last der anderen.

Der Text, der das geistliche Leben in Europa über die Jahrhunderte geprägt hat wie kein anderer, ist die Mönchsregel des Benedikt von Nursia. Entstanden am Beginn des 6. Jahrhunderts und ab dem 11. Jahrhundert für längere Zeit die vorherrschende Regel für das westliche Mönchtum.
Benedikt hat ein großes Kapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst verfasst. Das beginnt so:
„Vor allem: Gott, den Herrn, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Ebenso: Den Nächsten lieben wie sich selbst.“ (RB 4,1-2)
Weitere Werkzeuge: „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen. Den Zorn nicht zur Tat werden lassen. Der Rachsucht nicht einen Augenblick nachgeben. Keine Arglist im Herzen tragen. Nicht unaufrichtig Frieden schließen. Von der Liebe nicht lassen.“ (RB 4,21-26)
Und wie in einer weiteren Variation desselben Themas: „Die Älteren ehren, die Jüngeren lieben. In der Liebe Christi für die Feinde beten. Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren. Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.“ (RB 4,70-74)

Es ist diese radikale Hingabe an Christus, die ein geistliches Leben ausmacht. Diese Hingabe befreit. Lebenssinn und Lebensziel müssen geistliche Menschen nicht mehr aus eigener Kraft erreichen. Und die Erreichung des Lebensziels kann auch nicht an von außen gesetzten Maßstäben gemessen werden. Denn Christus ist der Maßstab – der leidende Christus genauso wie der auferstandene Christus.
Darum ist die Sorglosigkeit eine Grundhaltung des geistlichen Lebens. Da sie zugleich verbunden ist mit dem liebenden Blick auf die Mitmenschen, ist es eine verantwortungsvolle Sorglosigkeit.
Der Atem des Lebens verbindet uns und er ist im Überfluss da. Er ist uns geschenkt. Wir atmen ihn ein aus natürlichem Reflex. Wann immer wir ihn brauchen, er ist da.
So wie uns der Atem des Lebens reichlich und im Überfluss geschenkt wurde, so auch die Liebe Christi.
Sie ist uns geschenkt. Sie ist nicht begrenzt. Und wir können sie uns nicht verdienen.

Wofür braucht es dann also geistliche Gemeinschaften wie Orden und Klöster, Kommunitäten und Bruderschaften oder den Berneuchener Dienst?
Sie sind kein Ausdruck eines besseren Christentums und sie erbringen keinerlei verdienstvolle Taten für das Seelenheil. Das haben die Reformatoren klar erkannt. Und das ist gut so. (Vgl. CA 27)

Gott braucht keine geistlichen Gemeinschaften. Wir brauchen sie, um uns gegenseitig an die Liebe Christi zu erinnern. Wir brauchen sie, damit wir uns gegenseitig an unsere Freiheit erinnern. „Frei für Gott und die Menschen“, so hieß einmal ein Buch. Diese Freiheit muss man lernen. Denn wir haben die Neigung, uns selbst so unfassbar wichtig zu nehmen, dass wir unsere Mitmenschen aus dem Blick verlieren oder über sie urteilen. Gemeinschaften sind ein guter Übungs- und vor allem auch ein Unterstützungsraum.
Aber auch unsere Kirche braucht die geistlichen Gemeinschaften. Sie sind Keimzellen, in denen Menschen verbindlich beten, die Heilige Schrift lesen und Seelsorge empfangen und auch geben. Hingabe an Christus befreit – auch zum Dienst an und in der Kirche.
Darum lasst uns, die wir den Geist empfangen haben und die wir gleich Christus in Brot und Wein empfangen werden, unser Leben geistlich führen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Predigt: Dr. Sabine Bayreuther
Foto: Archiv Berneuchener Dienst

Himmel Erde Luft und Meer

Himmel, Erde, Luft und Meer
zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele, singe du,
bring auch jetzt dein Lob herzu.
Seht das große Sonnenlicht,
wie es durch die Wolken bricht;
auch der Mond, der Sterne Pracht
jauchzen Gott bei stiller Nacht.
Seht, wie Gott der Erde Ball
hat gezieret überall.
Wälder, Felder, jedes Tier
zeigen Gottes Finger hier.
Seht, wie fliegt der Vögel Schar
in den Lüften Paar bei Paar.
Blitz und Donner, Hagel, Wind
seines Willens Diener sind.
Seht der Wasserwellen Lauf,
wie sie steigen ab und auf;
von der Quelle bis zum Meer
rauschen sie des Schöpfers Ehr.
Ach mein Gott, wie wunderbar
stellst du dich der Seele dar!
Drücke stets in meinen Sinn,
was du bist und was ich bin.
Dieses Lied von Joachim Neander lädt uns ein,
die Natur neu zu erfahren,
der inneren Sehnsucht Raum zu geben
und Gott in ALLEM zu entdecken.
EG 504
Text: Joachim Neander 1680
Bild: Margret Häßler

Abrahams Berufung

Predigttext zum 5. Sonntag nach Trinitatis – Genesis 12,1-4a
Abrams Berufung und Zug nach Kanaan
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Liebe Schwestern und liebe Brüder,
Abraham – jede und jeder von uns verbindet mit diesem Namen und dieser Gestalt einiges, oft geht dies zurück bis in den Kindergottesdienst.
Im Dialog mit dem Judentum und dem Islam ist die Gestalt von Abraham von grundlegender Bedeutung: Im Judentum gilt er als „Vater des jüdischen Volkes“, im Christentum als „Vater des Glaubens“ und im Islam als „Vertrauter Gottes“.
Die Bibel erzählt uns von Abraham, eigentlich hieß er damals noch Abram. In der hebräischen Sprache heißt der Name so viel wie „hoher, erhabener Vater“. Dabei war Abram gar kein Vater, er und seine Frau Sara hatten keine Kinder. Das war vielleicht die größte Sorge von den Beiden, dies bedeutete auch keine Erben, niemand der den Namen und Hab und Gut weiterführt. Vielleicht haben sie darum den Neffen Lot angenommen, aber das weiß man nicht so genau. Sie verfügten über viel Besitz, zu ihrem Haushalt gehörten zahlreiche Mägde und Knechte.

Es wird erzählt, dass Abram mit seinem Vater, seiner Frau Sara und Lot in die Stadt Haran gekommen war. Dort lebten sie und Abram war inzwischen 75 Jahre alt. Heute würden wir vielleicht sagen, dann blickst du auf ein langes Leben zurück und fängst nichts Neues mehr an.
Es passiert aber das Erstaunliche: Abram wird angesprochen von Gott. Wir wissen nicht. Ob im Traum oder in seinem Alltag, aber wir ahnen, vielleicht wissen wir auch, dass dies nur möglich wird, wenn ein Mensch dafür offen ist, achtsam und hörsam.

Sieger Köder, der katholische Künstler – Pfarrer hat uns einen solchen Abram gemalt.Wir teilen Ihnen nun eine Karte aus (Anm.: siehe Beitragsbild) und ich lade Sie ein in aller Stille erst einmal diesen Abram zu betrachten…

Da steht er sozusagen vor uns, ganz geöffnet Gesicht, Hände und sicher auch sein Herz. Abram lebt direkt und einfach in der Gegenwart Gottes. Gott kennt seine und unsere Sorgen, Gedanken, Hoffnungen, Ängste und Träume. Abram schaut zu Gott auf, ist umhüllt mit seinem Gebetsschal. Er vertraut, dass Gottes Wort gilt, dass für Gott nichts unmöglich ist.
Und Gott spricht zu ihm: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“

Eine andere Übertragung ist möglich, sie ist von Rabbi Zushya: „Geh zu dir selbst, lass alles hinter dir, was dich zu einem Opfer der sogenannten Umstände macht und mach dich auf den Weg zu dir selbst, denn nur da wird Freiheit geboren, praktiziert und durchgehalten. Mach dich auf den Weg zu der, die zu sein sollst; zu dem, der du sein sollst.“

Und Abram verlangt keinen Beweis, er geht tatsächlich mit seiner Frau und Lot, mit seinen Mägden und Knechten, mit seinem Vieh und allem, was ihm gehört, sie gehen wirklich, getragen von der Verheißung Gottes.
Denn Gott gab Abram ein Versprechen: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
Gott will Abram segnen. Das Wort „segnen“ kommt in unserem kurzen Textabschnitt fünfmal vor. Segen wird in der hebräischen Bibel einerseits konkret, materiell verstanden.Er ist eine Ausstattung mit Kraft und Fruchtbarkeit, zum Gedeihen, mit Glück, Gesundheit, Fülle und Wohlstand. Andererseits bedeutet der Segen, ein Mit-sein-Gottes, eine Verheißung, von Gott nie verlassen zu werden, Gott beschützt Abram vor denen, die ihn verfluchen werden.
Gesegnet werden mit Abram, drei Gruppen:
1. Er selbst mit Sara und Lot,
2. die, die mit Abram in Kontakt stehen und
3. durch Abram alle Völker.

Diese Segenszusage an Abram wird besonders auf das Volk Israel übertragen. Für Gott ist kein Menschenweg zu weit. So könnte man beschreiben, wie Gott im Leben Abrams seinen Segen wirksam werden lässt. So können wir folgern: Menschenwege sind verwoben mit Gotteswegen. Kein Umweg Abrams ist Gott zu weit, den Gott nicht bereit wäre mitzugehen. Das macht die Geschichte Gottes mit Abraham so menschlich. Abram ist kein heroisches Vorbild, dem wir uns sozusagen im Glauben respektvoll unterzuordnen hätten. Er hat zutiefst menschliche Züge. Wenn wir weiterlesen wird z.B. deutlich er ist auch ungeduldig, er will den Segen Gottes wirken sehen.

Mit der Geschichte von Abraham und Sara beginnt eine ganz neue Phase in der Beziehung zwischen Gott zu seinen Menschen.
Es ist sozusagen eine neue Welt, die mit Abraham und Sara in die Welt gerufen wird die Welt des Segens. Gott segnet den Menschen und schenkt den Menschen die Fähigkeit seinen Segen weiter zu geben Und dieser Segen wirkt durch die Jahrhunderte, er ist gebunden an die Beziehung zwischen Gott und Menschen, also an Gehorsam und Treue.

Jesus steht in dieser Tradition und dieser Segen kommt auch zu uns und durch uns zu anderen Menschen. Wort, Geste und Handlung gehören untrennbar zusammen, aber nicht aus uns, Gottes Gabe ist es.

Verstehe ich das richtig in der Nachfolge der Segensverheißung an Abraham sind Juden, Moslem und Christen eigentlich gemeinsam unterwegs, durch sie soll in der Welt erkennbar werden, was es heißt, wenn Gott zu Abraham spricht: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein?“ Amen.

Predigerin: Suse Rieber (BD)
Bild: Sieger Köder

 

Predigt zu Pfingstsonntag 2022

Liebe Schwestern und liebe Brüder,
wir feiern Pfingsten. Ich lade Sie und Euch zunächst ein zu einem Blick zu den Wurzeln dieses Festes.
Das Pfingstfest hat seinen Termin aus dem Kalender der jüdischen Gemeinde. 50 Tage nach dem Passa feiert Israel Schawuot, das Wochenfest, ein Erntedankfest. Es fällt zusammen mit unserem Pfingsten.
Schawuot ist das jüdische Wort für sieben und nimmt Bezug auf die sieben Wochen, genau genommen 50 Tage. An diesem Fest wird auch gefeiert, dass Gott sich offenbart hat und seiner Gemeinde das Wort gegeben hat, die Thora, die Worte und Weisungen, die zum Leben helfen. In manchen jüdischen Gemeinden ist das ein richtig fröhlicher Festtag. Der Rabbi nimmt die Thora-Rolle aus dem heiligen Schrein. Und mit der Rolle im Arm tanzt er durch die Synagoge mit dem Gebet: „Du Ewiger, Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“
Sicher erinnern sich manche von Euch und von Ihnen an Bilder von Marc Chagall mit einem tanzenden Rabbi.
An diesem Fest der Thora, der Weisung, des Wort Gottes geschieht dann auch das 1.Pfingstfest in Jerusalem. Wir erinnern uns:

Der Auferstandene war durch verschlossene Türen zu den Seinen gekommen und sprach: „Fürchtet euch nicht, Friede sei mit euch. Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“
Die Jüngerinnen und Jünger empfingen zum Wort Gottes den Geist Gottes in ihr Herz. Den Tröster, wie Jesus versprochen hatte. Der Geist Jesu, aus dem er selbst gelebt hat, der macht die Seinen frei, fröhlich und mutig. Es ist der Geist, der das Herz weit machen kann und der die Menschen auf neue Weise, mit Gott und miteinander verbindet.

Über diesen Geist schreibt Paulus im Römerbrief, Kapitel 8, (1 – 2 und10 – 11), ich lese den Text aus der Basisbibel: Überschrieben ist dieser Abschnitt mit: Der Geist Gottes überwindet die Sünde.
Es gibt also kein Strafgericht mehr für die, die zu Christus Jesus gehören. Das bewirkt das Gesetz, das vom Geist Gottes bestimmt ist. Es ist das Gesetz, das Leben schenkt durch die Zugehörigkeit zu Christus Jesus. Er hat dich befreit von dem alten Gesetz, das von der Sünde bestimmt ist und den Tod bringt.
Wenn Christus jedoch in euch gegenwärtig ist, dann ist der Leib zwar tot aufgrund der Sünde.
Aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist der derselbe Geist Gottes, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus vom Tod auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken – durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Hier heißt es nicht: „Strengt euch an! Gebt euch Mühe! Da wird nicht der gute Wille strapaziert und da wird nicht die Ethik beschworen. Die uns einfach dann doch überfordert. Denn das gehört ja zu unserer Welt. Der gute Willen richtet aber oft nichts aus. Wir stoßen an Grenzen von außen und von innen. Deshalb ist es so unerhört, wenn Paulus sagt: So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Paulus sagt damit: Ich bin frei, frei von Angst.
Frei vom Zwang, es recht machen zu müssen.
Frei von Angst zu versagen.
Ich sehe einen Weg vor mir.
Ich habe einen Grund unter meinen Füssen.
Ich bin gewiss, von Gottes Liebe kann uns nichts trennen.

Hat denn Paulus gar keine Angst? Macht er sich keine Sorgen? Man möchte ihn fragen:
Du, Paulus, siehst du denn nicht, wie die Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen? Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
„Siehst du denn nicht, wie das Leben auf Kosten von anderen die Menschheit kaputt macht?“ Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
Noch eine Frage: Siehst du denn nicht, wie auch unsere Gerechtigkeit auf Kosten von Menschen geht?“ Und Paulus würde antworten: „Freilich sehe ich das. Aber ich sehe noch viel mehr, was zwischen Himmel und Erde ist und wo Menschen nichts ausrichten können.“
Wie kannst du dann sagen: ‚Ich bin gewiss.‘ Wie kannst du dann sagen: „Uns kann nichts schaden?“ Und er antwortet: „Weil es so ist, weil es wahr ist. Wer zu Christus gehört, dem kann niemand und nichts schaden.“
Damit bin ich immer noch nicht zufrieden. Aber ich höre den Apostel, wie er mahnt: „Glaube bitte nicht, dass ich irgendetwas verharmlosen will. Im Gegenteil.
Aber wer nur die Todeswelt beklagt, der weiß noch nichts vom Leben. Ich ließ mich von den Mächten und Geistern meiner Zeit nicht festlegen und fesseln. Ich sagte: Ich will auf Christus sehen. Ihm bringe ich meine Furcht. Ihm lege ich meine Angst vor die Füße.“

Ich möchte weiter fragen: „Du Paulus, das Schlimme sind ja nicht nur die Anderen. Ich entdecke wie Angst und Bosheit auch mein Herz bestimmen. Ich bin durch mich selbst bedroht.“
Und da sagt Paulus: „Auch das kenne ich. Aber da starre ich nicht in mich hinein, sondern ich wende mich an Christus und sag:
‚Du hast mich berufen. Halte du mich fest. Du hast mich von den Mächten dieser Welt befreit, bewahre mich jetzt auch.‘
Gott verurteilt uns nicht. Darum sind wir frei. Gott gibt uns seinen guten Geist. Darum können wir leben. Wir feiern Pfingsten. Wir erinnern uns gegenseitig an die Freiheit, die Gott auch uns schenkt, wo wir sie nicht machen können.

Ich will es noch einmal anders, mit Worten von Jörg Zink sagen:
‚Wo der Geist am Werk ist, wird der Mensch fähig, ungewohnte Gedanken zu fassen. Er wird fähig, etwas zu tun, zu dem er sonst nicht die Kraft hat. Er gewinnt eine Zuversicht, die er sonst nirgends herbekommt.
Treibt uns wirklich der Geist Gottes, dann treten wir nicht nur für die Freiheit der Christen ein, sondern für die Freiheit aller Menschen. Dann kämpfen wir nicht nur um die Versöhnung der Konfessionen, sondern um die Versöhnung zwischen den Völkern und den Machtblöcken und dann lässt uns auch der Krieg in der Ukraine und der Nahe Osten nicht einfach in Ruhe.
Treibt uns der Geist Christi, dann haben wir Freundlichkeit nicht nur für die Freunde, dann beziehen wir vielmehr den Feind mit ein. Dann machen wir nicht nur den Menschen Mut, mit denen wir verbunden sind, sondern geben allen Menschen die Hoffnung, die sie brauchen.
Treibt uns der Geist, dann richten wir unsere Hoffnung nicht nur auf ein Reich, das später ist und das am Ende kommt, sondern wir rufen das Reich Gottes herein in das Gefüge der Reiche dieser Erde. Dann erwarten wir Gottes Wirken jetzt und heute.‘ (Zitatende)

Liebe Schwestern und liebe Brüder, noch ein Gedanke zum Schluss:
Wir haben es gewagt und haben uns im Berneuchener Dienst Josua Boeschs zweite Station im Auferstehungsweg zu unserem Zeichen gemacht.
Immer neu erinnert uns die Taube an Gottes guten heiligen, heilenden Geist. So kann uns unser Zeichen immer neu ermutigen zum Gebet in seinem Geist für uns selbst, für die Anderen, für unsere Kirchen und für die Not in unserer Welt.
Gottes Geist helfe uns, dass etwas spürbar wird von der Freiheit und dem wahren Leben, das Gott uns schenkt.
Amen.

Predigerin:  Suse Rieber, frühere Geistliche Leiterin des BD
Predigttext/Predigtort:  Römer 8, 1 – 2, 10 – 11  /  Diakonissenkirche Stuttgart
Bild:  Zeichen des Berneuchener Dienstes
Quellennachweis:  Eberhardt Dieterich, …und hörte seiner Rede zu. Edition Kamel 18
Jörg Zink, Vor uns der Tag. Herder-Verlag Freiburg

Misericordias Domini – Der gute Hirte

Liebe Gemeinde,
sind Sie nachtragend? Naja, auf so eine Frage wollen wir immer gerne „nein“ sagen. Wer will schon nachtragend sein! Man will doch lieb und gut sein, vergeben und wieder ein gutes Verhältnis zueinander haben: da ist das Nachtragen eher hinderlich. Das Nachtragend-sein wird verstanden als: „Dem verzeihe ich seine Worte oder Verhalten nie!“ „Das hat mich so verletzt, der soll das auch zu spüren bekommen!“ Man wendet sich ab, bricht für eine Weile die Beziehung ab.

Aber ich versichere Ihnen: Nach diesem Gottesdienst wollen Sie nachtragend sein.

Aber hören wir den Predigttext:
Joh. 21, 15-17+19b (HfA):
15 Nachdem sie an diesem Morgen miteinander gegessen hatten, fragte Jesus Simon: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich mehr als die anderen hier?« »Ja, Herr«, antwortete ihm Petrus, »du weißt, dass ich dich lieb habe.« »Dann sorge für meine Lämmer«, sagte Jesus.
16 Jesus wiederholte seine Frage: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich?« »Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich lieb habe«, antwortete Petrus noch einmal. Da sagte Jesus zu ihm: »Dann hüte meine Schafe!«
17 Und ein drittes Mal fragte Jesus: »Simon, Sohn von Johannes, hast du mich lieb?« Jetzt wurde Petrus traurig, weil Jesus ihm nun zum dritten Mal diese Frage stellte. Deshalb antwortete er: »Herr, du weißt alles. Du weißt doch auch, wie sehr ich dich lieb habe!« Darauf sagte Jesus: »Dann sorge für meine Schafe!
19b Dann forderte Jesus ihn auf: »Folge mir nach!«

Liebe Gemeinde,
es ist eine nachgetragene Erzählung. Irgendwann später wurde diese Geschichte dem Johannesevangelium zugefügt. Eine Erzählung, die von dem nachtragenden Jesus erzählt.

Der auferstandene Jesus isst mit den Jüngern am Strand von den gefischten Fischen. Es ist das dritte Mal, dass Petrus Jesus sieht. Wie mag es Petrus gehen? Es gibt etwas, das zwischen Jesus und ihm steht. Er hatte Jesus nach dem letzten Abendmahl 3 x verleugnet, obwohl er ihm versprochen hat, ihm überall hin zu folgen. Er hat es sicher getan, um sein Leben zu retten – wer mag es ihm verdenken. Ich weiß nicht, wie ich in der Situation gehandelt hätte. Und Petrus wird sich gefragt haben, ob Jesus überhaupt noch mit ihm zu tun haben möchte. Eine Verleugnung, ein Verrat, ist ein Bruch in der Beziehung. Das Vertrauen ist gestört.

Und dreimal fragt Jesus: „Liebst du mich?“ Sogar einmal im Vergleich zu den anderen: liebst du mich mehr als die anderen.
Eine Liebeserklärung, die freiwillig gegeben wird, ist wunderbar. Wenn sie eingefordert wird, kann es bedrängend sein. Vor allem, wenn man sich nicht sicher ist. Vor allem, wenn etwas vorgefallen ist. Und es macht noch mehr Stress, wenn man noch mehr lieben soll als die anderen.

Aber ich sehe noch etwas:
Jesus fragt nicht: „Warum hast du das getan?“ Wie konntest du nur, mich so verleugnen“ Er macht ihm keine Vorwürfe. Er fordert keine Erklärung. Er will auch keine Rechtfertigung hören.
Aber Jesus macht den ersten Schritt, um die Beziehung zu klären. Er fragt: „Wie stehst du zu mir? Liebst du mich?“ Und er nennt ihm beim Namen Simon. Jesus sieht ihn als Mensch, der Fehler macht. Er behaftet ihn nicht mit seinem Namen Petrus, ein starker Fels. Auch ein Simon darf schwach sein.

Früher hätte Simon als Petrus sofort geantwortet: „Natürlich liebe ich dich! Niemand liebt dich mehr als ich, ich bin der Erste und der Beste!“
Aber seine Erfahrung der Verleugnung hat ihm gezeigt, wie menschlich er ist. Er vergleicht sich nicht mehr mit anderen, er hat ein realistisches Bild von sich: „Ja, du weißt, ich habe dich lieb.“ Und er überlässt Jesus das Urteil über die Qualität der Liebe.
Jesus wendet sich dem zu, der den Mut verloren hat, der nicht besser ist als die anderen.
Und das ist ein ganz wichtiger Teil der Osterbotschaft: die Botschaft des Wiederaufstehens. Jesus trägt die Liebe nach.  Er ist nachtragend im österlichen Sinn. Er geht auf Simon zu. Jesus geht auf mich und dich zu. Er baut Brücken und stellt die Beziehung wieder her. Deswegen fragt er nicht nach dem Versagen. Das drückt den Menschen nieder. Er fragt nach der Liebe, nach dem, was uns trägt. Das richtet uns auf. Das lässt uns aufstehen – auferstehen, neu leben.
Das ist das Leben: Es gibt schwere Situationen und Niederlagen, aber wir dürfen danach wieder aufstehen. Gott will das Leben und will, dass wir das Leben in voller Genüge haben.
Das macht es uns möglich, anders und neu mit dem Scheitern und dem Versagen umzugehen. Und nimmt uns den Druck alles zu können, alles zu leisten, keine Fehler machen zu dürfen. Womöglich alles noch besser zu machen als die anderen!

Den ganzen Konkurrenzkampf, wer Jesus am meisten liebt oder wer der beste Christ ist, können Petrus und wir uns sparen.

Jesus fragt nach der Liebe und bietet gleichzeitig seine Liebe an. Er trägt uns die Liebe nach. Er bricht den Kontakt nicht ab, sondern nimmt den Kontakt zu uns wieder auf. Das ist Gottes Barmherzigkeit: das ist misericordias domini.

Diese nachtragende Liebe hat Folgen. Denn wir können gar nicht anders. Wer geliebt wird, wer sich freut, der will es teilen. Nachtragende Liebe wird zur tragenden Liebe.
Jesus übergibt Petrus eine Aufgabe: Weide meine Lämmer.  Kümmere dich um die Jünger und Jüngerinnen, um die Gemeinschaft.
Jetzt erst ist aus Simon Petrus geworden. Er hat erlebt, wie Jesus auf ihn zuging und in einer Offenheit die Beziehung wiederherstellt hat und ihm sogar Verantwortung überträgt. Petrus wird sich immer daran erinnern und seine Mitmenschen auch so behandeln. Er wird nicht die Leistung in den Vordergrund stellen, sondern die Liebe. Er wird andere nicht am Versagen messen, sondern die Hand zum Wiederaufstehen reichen. Es braucht nicht die Superchristen, es braucht die „Liebe nachtragenden“ Christen. Wenn jemand weiß, wie menschlich er ist, desto besser kann er die anderen Menschen verstehen. Weil Petrus bei Jesus eine gute Beziehung und Führung erlebt hat, kann er anderen Menschen gute Beziehung und Führung anbieten.

Petrus Schwäche zeigt ihm die wirkliche Stärke: die nachtragende Liebe. So wird das Amt des Petrus zu einem Hirtenamt.
Und mit Petrus lernen wir das Hirtenamt füreinander: die Verantwortung füreinander in der nachtragenden Liebe.
In diesem Sinne, lade ich Sie ein, nachtragende Christen zu sein, denn Gottes Liebe trägt uns.
Gott sei ewig Dank. Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Idee des Nachtragens stammt von Pfr. Hanna Hartmann – ich habe es weiter ausgeführt
Bild: bekannt

Gemeinschaft mit Gott und untereinander

Die Predigt zu Kolossser 2, 12-15 wurde von Diakonin Barbara Neudeck zum Sonntag Quasimodogeniti bei der Eucharistiefeier des Berneuchener Dienstes Konvent Baden-Württemberg in Stuttgart gehalten.

Liebe Gemeinde,

Ein Artikel der TAZ vom vergangenen Wochenende lautete: „Die deutsche Fehlerkultur erlebt ihre Karwoche“. Die Autorin, Doris Akrap, zielt daraufhin ab, dass deutsche Politiker in dieser Woche das Entschuldigen für sich entdeckt haben. Ob allerdings allein die Entschuldigung für die Herstellung der Reputation ausreicht, entscheidet man aber keinesfalls selbst.

Weiterhin schreibt sie, „dass die Idee der Gnade überhaupt in die Welt kam, das feiern die Christen seit Ostern.“ Es sei ein historisches Ereignis, das die Zeitenwende einläutete in eine Zeitrechnung vor Christi und nach Christi. Die Wende besteht nicht weniger und nicht mehr in der Neubewertung von Sünde und Schuld, von Fehler und Verantwortung als ein neues Zeitalter der Gnade. Mit der Auferstehung Jesus wird die Schuld entschuldbar.

Für die Politiker und auch für uns. Allerdings geht das nicht ohne die innere Kehrtwende – das ist unser Anteil daran. Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen.  Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.
Und damit liegt die Journalistin in vielen Teilen mit unserem Predigttext überein.

Predigttext: Kolosser 2, 12–15
12Mit Jesus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen. Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.

Die fünf Versprechen der Gnade Gottes:

1. Der Tod wird zur Hoffnung
In der Taufe wurden wir begraben.
Die Taufe entspricht dem Begraben werden. Begraben werden: symbolisch verdeutlicht durch das Untertauchen des ganzen Menschen ins Wasser, so wie es früher üblich war. In der Taufe wird die Beerdigung des Menschen gefeiert, der im Machtbereich des Satans gefangen war. Ein Machtbereich in dem kein freies Leben möglich ist. Untertauchen in den Tod: wo kein Atmen und Leben für uns Menschen möglich ist.
Wir wurden: das ist nichts, was wir getan haben – „wir wurden begraben“ – passiv! Gott hat an uns getan: begraben und auferweckt. Vom Tod und Dunkel neu geboren.
Aber gleichzeitig bedeutet Wasser Reinigung. Der Schmutz, die Schuld, wird abgewaschen und ist begraben. Oder wie Paulus sagt: der alte Adam, die alte Eva sind gestorben; siehe, eine neue Kreatur ist geworden.

2. Das Leben und der Glaube wird geschenkt
In der Taufe wurden wir mit ihm auferweckt. Ein Kind wird geboren, es gebiert sich nicht selbst. Vom Wasser zur Luft, zum Lebensatem. Wie eine Geburt. So heißt auch unser Sonntag Quasimodogeniti: wie die neu geborenen Kindlein.
Auch hier geschieht etwas mit dem Menschen, der selbst passiv bleibt. Gott schenkt das neue Leben. Gott schenkt den Glauben. Der Mensch wird in das Reich Gottes, in den Machtbereich Gottes, gestellt. Hier ist freies Leben möglich. Der Glaube ist keine Ideologie, die man sich zu eigen macht, kein Verein, zu dem man beitritt. Durch die Taufe gehören Christen zu Gott, wie die Juden durch die Beschneidung zu Gottes erwähltem Volk gehören.
In der Taufe handelt Gott selbst durch den heiligen Geist. Gott sagt unumstößlich sein Ja zu dir und mir. Dieses vollkommene Ja prägt mich. Das ist mein Glaube. Taufe und Glaube gehören für Paulus zusammen, so wie Tod und Auferstehung Jesu Christi zusammengehören. Eins kann ohne das andere nicht sein.

3. Die Gnade: der Schuldschein ist zerstört
Paulus beschreibt, was Tod und Auferstehung genau für uns Christen bedeutet.
Der Schuldschein, mit all seinen Forderungen wie das Gesetz es fordert, wird ans Kreuz geheftet und genagelt. Es ist gestorben, begraben, vernichtet. Dieser Teil ersteht nicht aus dem Grab. Der ist für immer zerstört.
Der Schuldschein, der unser Leben zerstört, ist zerstört. Der Schuldschein, der uns den Frieden raubt, der uns von Gott trennt, ist zerstört. Das ist Gnade. Gott selbst hat den Schuldschein zerrissen, wie er den Vorhang im Allerheiligen zerrissen hat. Da ist nichts mehr was uns von Gott trennen könnte. Gott selbst hat den Weg frei gemacht. Das ist Gottes Gnade für uns.

4. Das Leben mit Gott als die gute Wirklichkeit
Dieser Tod entlarvt das Gesicht der Macht und der Gewalten, die von sich behaupten, nur durch sie könne man in Sicherheit leben. Sie werden entkleidet und bloßgelegt.
Wie eine Mafia bedrohen sie unser Leben und garantieren uns scheinbare Sicherheiten. Und was passiert? Sie verstricken uns immer mehr in ihr Geflecht von Misstrauen und Angst. Aber Angst und Misstrauen lassen uns nicht leben.
Dank der Taufe und Gottes großem Ja, hat diese Mafia der Macht und Gewalt ausgedient.

Ich erlebe es immer wieder bei Patienten, dass angesichts der Erkrankung und der Möglichkeit des Sterbens, die kleinen Sorgen und Streitereien unwichtig werden. Die Prioritäten ändern sich. Was uns früher aufgeregt hat, ist jetzt nicht mehr relevant. Wichtig werden die lieben Menschen um einen, der Glaube und die Bewältigung des Alltags. Was trägt mich, auf was kann ich mich verlassen.

Klar, wir leben im Paradies. Wir sind noch an diese irdische schöne und grausame Welt gebunden. Und vieles macht uns Angst. Der Krieg, eine Krankheit, die Schmerzen, ein Verlust.

Aber mir geht es dabei so, dass mein Glaube mir sagt: letztendlich entscheidet Gott über mein Leben. Ein Gebet beruhigt mein Gemüt. Es hilft mir, dass ich handeln kann, etwas tun kann, was im Sinne der Nächstenliebe ist. Und wenn ich mein ganzes Vertrauen in Gott lege, fordert mich gerade dieses Vertrauen auf, zu handeln. Für den Menschen, für die Schöpfung, für den Frieden. Gerade weil ich in Christus auferstanden bin, will ich, dass andere etwas von der Auferstehungskraft mitbekommen. Aber ich bin damit nicht allein auf mich gestellt.

5. Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander
Ich bin nicht allein: die Taufe schafft Gemeinschaft, die schon vor mir da ist, die ich nicht selbst schaffen muss. Ich weiß, wohin ich gehöre. Die christliche Gemeinschaft durch den heiligen Geist – von Gott geschaffen.
Sie umgibt mich heute und hier im Gottesdienst. Schauen Sie sich um: rechts und links, vor oder hinter Ihnen: wir sind miteinander verbunden in Christus.
Eine Gemeinschaft der Getauften. Wir handeln nicht konzeptionell als Idee, sondern wir bewirken etwas durch unseren Glauben.
Auferstehungsmenschen sind freie Menschen. Wir müssen uns nicht mehr vom Versagen, von der Schuld, von der Macht oder der Gewalt bestimmen lassen. Wir tun Ungewohntes: wir tun alles, was Vertrauen bildet, Freiheit schenkt und den Glauben stärkt; durch Gott, der uns in Jesus Christus auferstehen lässt. Gott sei ewig Dank.
Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Foto: pixabay.com

Osterlichtmandala 2022

Martin Buddeberg lädt uns ein,
sein selbst gestaltetes Osterlichtmandala zu betrachten,
es in uns wirken zu lassen
und vielleicht finden wir dann Worte,
so wie Marie Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht:
(EG S.262)

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.