Kategorie: Aktueller Hinweis

Eine Rose als Stütze

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst, liebe Besucher*innen unserer Internetseite,
nach einer längeren Pause können Sie hier wieder einen geistlichen Impuls lesen, eine Predigt zum gestrigen vierten Sonntag nach Trinitatis. Er beschäftigt sich damit, wie wir unser Miteinander in der Gemeinde, der Gemeinschaft und darüber hinaus gestalten.
Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen
Ihre
Sabine Zorn (BD)

„Waschen Sie Ihre Hände regelmäßig. – Tragen Sie einen Mundschutz bei Begegnungen mit anderen Personen. – Halten Sie mindestens 1,5 m Abstand zu anderen. – Niesen oder husten Sie in die Armbeuge oder in ein Taschentuch.“

Wenn ich meine Corona-App auf dem Smartphone öffne, springen mir diese Sätze entgegen. Ich habe sie im Radio von der Kanzlerin gehört, der Ministerpräsident hat seine Landeskinder damit ermahnt, sie sind auf den Zetteln am Eingang jeder Arztpraxis und Apotheke zu lesen. Ich denke: Ja klar, stimmt. Und ich denke auch: Langsam will ich das nicht mehr dauernd vorgehalten bekommen. Ich weiß es doch, ich tu es doch. Aber manchmal muss ich mich fragen: Tue ich es wirklich? Was sind denn 1,5 m? Und brauche ich den Mundschutz auch zuhause, wenn der Postbote an der Tür klingelt oder ein Handwerker eben mal etwas ausmisst?

Paulus schreibt an die christliche Gemeinde in Rom. Einen Brief, der es theologisch in sich hat: Über das Gesetz und den Glauben, über die Taufe und die Rechtfertigung aus Gnade, über Gottes Geist, der lebendig macht, und seine bleibende Liebe zu seinem Volk Israel. Ziemlich gegen Ende, wo es ja mal praktisch werden darf, äußert er sich auch zum Leben der Gemeinde. Paulus ist zwar noch nicht persönlich in Rom gewesen, als er diesen Brief schreibt, aber ein paar allgemeine Hinweise und Ermahnungen können ja nicht schaden. Damit kann jede, kann jeder etwas anfangen. Beim Gottesdienst wird das Schreiben des Apostels vorgelesen. Und die Menschen hören: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Vielleicht denken einige aus der Gemeinde in Rom: Ja klar, stimmt. Recht hat er, der Paulus. Und sie denken möglicherweise auch: Aber warum müssen wir uns das von diesem fremden Menschen vorhalten lassen? Wir wissen das doch selbst, wir tun das doch. Vielleicht haben einige sich auch gefragt: Tun wir das denn wirklich?

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Als Kind habe ich Josef geliebt! Wenn im Kindergottesdienst von ihm erzählt wurde, war ich mittendrin im Geschehen. Der fantasievolle Träumer im bunten Rock hatte es mir angetan, der Lieblingssohn seines Vaters, der den Neid der Brüder auf sich zieht, von ihnen nach Ägypten verkauft wird und wegen falscher Anklagen aus enttäuschter Liebe im Gefängnis landet. Der sich als Traumdeuter betätigt und durch seine kluge Vorratspolitik in den fetten und mageren Jahren aufsteigt bis zum Vertrauten des Pharao – das waren Geschichten, wie sie spannender nicht sein konnten. Und zum Schluss kamen dann die Brüder mit dem alten Vater auch nach Ägypten, um die Hungersnot zu überleben und zu bleiben. Als der Vater stirbt, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Ob Josef sich jetzt – spät noch – an ihnen rächen wird? „Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Aus der Marler Zeitung im Sommer 2018: Im großen Sitzungssaal des Rathauses blieb am Mittwochabend kaum ein Platz frei. Die Stadtverwaltung hatte zum Informationsabend über den Neubau der Yunus Emre Moschee eingeladen. Viele kamen, um zu zeigen, dass das Bauvorhaben für sie kein Problem darstellt. Einige, um ihre Bedenken zu äußern, wenige, um Protest zu formulieren. „Nach den zwei Veranstaltungen auf dem Rathausplatz mit erheblichem Polizeieinsatz vor einigen Wochen wollte ich dafür Sorge tragen, dass jeder Marler in Frieden und Sicherheit an dieser Veranstaltung teilnehmen kann“, so Bürgermeister Werner Arndt. … Wie berichtet will die Yunus Emre Moschee Gemeinde … eine neue Moschee bauen. Seit mindestens 20 Jahren beschäftigt die Gemeinde und die Verwaltung der Stadt Marl dieses Projekt.“ So weit der Zeitungsartikel. Auch wenn es in den meisten muslimischen Ländern dieser Welt Christen nicht gestattet wird, Kirchen zu bauen, gilt in Deutschland nach Artikel vier des Grundgesetzes Religionsfreiheit: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“, heißt es da. „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Punkt!

„Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“

Vor Jahren hat mir eine Kollegin mal sehr ins Leben getreten, ich fühlte mich echt verletzt. Hatte in einem Gottesdienst mein Bestes gegeben und sie war drübergefahren wie mit der Dampfwalze. Das hat mich länger begleitet, genau genommen bis neulich. Da kam Besuch von einer lieben Bekannten, die dann noch weiter wollte und mich angesichts meiner schönen Rosen im Garten bat, eine mitnehmen zu dürfen zu ihrer nächsten Gastgeberin. Dreimal dürfen Sie raten …! Angeboten hätte ich meiner Bekannten das sicher nicht, abschlagen konnte ich es aber auch nicht. Also: Eine Rose und einen Zweig vom Rosmarin in ein Marmeladengläschen gepackt, Wasser dazu. Und dann plötzlich das Gefühl: Es tut mir gut, zu diesem Sträußchen wider Willen genötigt worden zu sein. Wahrscheinlich erinnert sich die Kollegin überhaupt nicht mehr an die von mir als so unschön erlebte Szene, aber ich habe jetzt eine ‚Rose als Stütze‘ (Hilde Domin) gegen das Nachtragen.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden.“

Drei Szenen, in denen es anders zugeht als zu erwarten gewesen wäre: Josef bleibt seinen Brüdern gegenüber freundlich und zugewandt, die Marler Bürgerschaft zeigt sich – im Gegensatz zu den Erfahrungen in anderen Städten – überwiegend tolerant gegenüber dem Bauvorhaben der Moscheegemeinde und ich konnte – für mich selbst völlig überraschend – mein jahrelanges ungutes Gefühl der Kollegin gegenüber loslassen. In diesen Szenen geht es um das, was Paulus in seinen Worten an die Gemeinde in Rom in den Mittelpunkt stellt: um ein friedliches Zusammenleben sowohl innerhalb der eigenen Gruppe wie mit den Menschen außerhalb, seien sie ihnen gegenüber freundlich oder – wie damals ganz bestimmt – feindlich eingestellt. „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Dabei kann es aber auch nicht darum gehen, immer Ja und Amen zu sagen, klein beizugeben und die Feinde groß werden zu lassen. „Es geht [darum, nicht in die Eskalationsspirale einzusteigen, sondern diese zu unterbrechen… [Man würde sich ja sonst sein] Handeln von der Gegenseite diktieren lassen, statt mutig nach den eigenen Maßstäben zu leben.“ (Steffen Groß)

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“

Das eigene Handeln in Übereinstimmung mit den – in unserem Fall christlichen – Grundwerten und Maßstäben zu gestalten, eine der entsprechenden Situation und den beteiligten Menschen angemessene Entscheidung zu treffen, überraschend anderes zu wagen oder sich drauf einzulassen – das ist nicht immer einfach. „Wie du mir, so ich dir“, meint eine sogenannte Volksweisheit, und schon geht es weiter mit dem Heimzahlen, ja Übertrumpfen durch Steigerung. Wohin das führt, kann man beispielsweise im altorientalischen Recht sehen. Dort wurde jemand, der einem anderen bei einer Prügelei einen Zahn ausgeschlagen hatte, mit dem Verlust mehrerer Zähne bestraft. Und wenn jemand durch das Verschulden eines anderen ein Auge verlor, verlor der Verursacher dann als Strafe gleich beide. Diese Unverhältnismäßigkeit wurde im israelitischen Recht drastisch gemildert, wenn es hieß: „Nur noch ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn.“ Das war Deeskalation, da stand eine damals ungeahnte Mäßigung dahinter. Deshalb spricht Paulus auch davon, Gott die Rache zu überlassen. Gemeint ist damit, auf „eigene Rachewünsche und eigene Rachepraxis zu verzichten, ohne damit gleichzeitig auf eine Änderung der Verhältnisse verzichten zu wollen, es geht um die Herstellung und Wiederherstellung von Recht durch Gott.“ (Jürgen Ebach) Denn da, wo Menschen blindwütig zuschlagen würden, geht Gott anders vor. Überraschend anders, kreativ – also schöpferisch – anders. Prominentestes Beispiel dafür ist die Geschichte Jesu. Die Henker tot umfallen zu lassen, die gaffende Menge mit Blitz und Donner zu erschlagen, den Pilatus tot zu Boden sinken zu lassen – alles Möglichkeiten, die Gott gehabt hätte. Aber dann wäre nicht passiert, was passiert ist: Er selbst, Gott, wäre nicht in seinem Sohn in den Tod gegangen, um uns Menschen von dort – aus dem Ort der größten Gottferne – herauszuholen. Die bis dahin undenkbare, die völlig neue, kreative, schöpferische Variante, die Gott als Alternative zur Eskalation der Gewalt wählt, ist Auferstehung. Und die – das ist das Größte an dieser Deeskalationsgeschichte – die gilt nicht nur Jesus. Auf den Auferstehungsikonen der Ostkirche zieht Christus durch die sich öffnenden Flügel der Höllenpforten Adam und Eva mit sich! Oder, um es mit Paul Gerhardt auch auf uns zu beziehen: „Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit!“

„Wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit!“ Auferstehung ist ein Geburtsgeschehen – zuerst der Kopf, dann der Leib. Erst Christus, dann die, die ihm nachfolgen. Geburt zu einem neuen Leben, nicht erst im Himmel, sondern schon hier, ansatzweise, wo das geschieht, was Paulus an die Menschen in Rom schreibt und auch an uns: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden… Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern sei kreativ und überwinde das Böse mit Gutem.“ Wir werden Überraschungen erleben – manchmal sogar mit Rosen!

 

Foto: Sabine Zorn

Zwischenzeit

Liebe Geschwister im Berneuchener Dienst, liebe Gäste auf unserer Internetseite,
mit der Predigt meiner Freundin und Kollegin Katrin Hirschberg-Sonnemann (Hagen) grüße ich Sie herzlich am Sonntag Exaudi und wünsche Ihnen ein gutes Zugehen auf Pfingsten hin.
Ihre
Sabine Zorn (BD)

„Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“ schrieb mir gestern eine Freundin und Kollegin, als ich sagte: „Ich fühle mich so leer, da ist Vakuum für die Predigt.“

Vakuum – leerer Raum, nicht gefüllt.

So ein Raum ist der Sonntag Exaudi. Nun ist die Osterzeit richtig vorbei.
Jesus hat unsere Welt verlassen; ist „aufgefahren in den Himmel“. Himmelfahrt beendet die Osterzeit, es folgt das Fest, an dem wir Gottes Geist feiern – Pfingsten. Aber jetzt ist der Geist noch nicht da.

Exaudi ist Zwischenzeit – Vakuum, nicht gefüllt. Jesus ist nicht mehr Teil unserer Welt, der Heilige Geist als Tröster, als Nähe Gottes angekündigt, aber noch nicht anwesend nicht spürbar – nicht mal ein Hauch.

Zwischenzeit –

Ein Sonntag, um ein wenig Rückblick zu halten auf diese Osterzeit, zu überlegen, was wichtig geworden ist in den lezten Wochen der Corona Pandemie.

Ostern – ohne Kirche, Kantate ohne Singen –
Leiser, vorsichtiger, ungewohnter Osterjubel.

Die Infektionszahlen sind zurückgegangen, viele rufen jetzt nach „Normalität“. Manchmal scheint es als wäre das unbekannte Virus, vom dem wir vieles immer noch nicht wissen, weit weg, dann aber plötzlich gestern die Nachricht: Viele Ansteckungen bei einem Gottesdienst in Frankfurt und bei Restaurantbesuchen in Niedersachsen. Normalität?

Ich lese, dass das Virus die Länder erreicht, in denen kein Gesundheits- und Sozialsystem und hoher medizinscher Standard und wirtschaftliche Stärke schützen.

Zeit zum ungebrochenen Loben ist keine.

Die Bibel hat viele Lobgesänge. Im Rückblick auf zurückliegende Tage und heute denke ich an einen besonderen Lobgesang.

Der Lobgesang des Tobias. Ein Text fürs Vakuum, fürs Dazwischen – denn das Buch Tobias ist nicht in den biblischen Büchern. Es ist ein apokrypher Text, ein Buch, in derselben Zeit entstanden wie viele Bibelbücher, ihnen ähnlich, und trotzdem gehört es zum Inhaltsverzeichnis nicht dazu. Apokryphe Bücher sind im luftleeren Raum geblieben – dazwischen, nicht einsortiert.

Das Buch Tobias, oder auch Tobit genannt, ist etwas jünger als das Buch Hiob. Es erzählt, wie Tobias in Ninive sehr reich wird, Ärger mit dem Herrscher bekommt und fliehen muss. Er darf später wieder nach Ninive zurückkehren, erblindet aber und wird ausgeschlossen. Tobias hält alles aus – das Vakuum in Spott und Einsamkeit und Blindheit und bleibt Gott treu. Er wird geheilt – alles wird wieder gut. Wie im Märchen.

Am Ende seines Lebens singt er Gott ein Loblied (Buch Tobias, 13,1-5+8f):

Der alte Tobias aber tat seinen Mund auf, lobte Gott und sprach:

Groß bist du, Herr, in Ewigkeit und dein Reich währt immerdar; denn du züchtigst und heilst wieder; du führst hinab zu den Toten und wieder herauf, und deiner Hand kann niemand entfliehen.
Ihr Israeliten, lobt den Herrn, und vor den Heiden preist ihn! Denn darum hat er euch zerstreut unter die Völker, die ihn nicht kennen, damit ihr seine Wunder verkündigt und die Heiden erkennen lasst, dass kein allmächtiger Gott ist als er allein.
Er hat uns gezüchtigt um unsrer Sünden willen, und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen.
Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn, der ewig herrscht, mit euren Werken!
Ich aber will mich von Herzen freuen in Gott.
Lobt den Herrn, all ihr seine Auserwählten, haltet Freudentage und preist ihn.

Vieles in diesem Lobgesang ist fremd, weit weg von unserer Welt. Tobias hat noch eine ganz klare Logik in seiner Weltordnung: „Gott hat uns gezüchtigt um unserer Sünden willen und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen. Wir erleben die Welt anders – es sind zu oft nicht diejenigen, die Gewalt und Unheil begründen, die es erleiden müssen. Es gibt zu oft keinen logischen Zusammenhang von Tat und Folge, auch jetzt nicht – die Weltordnung von Tobias ist schon lange zerbrochen. „Alles wird gut“ – das gibt es fast nur im Märchen.

Unser Leben wechselt sich ab in den unterschiedlichen Zeiten. Und dem Tobias gleich sagen wir – in keiner der Zeiten, auch nicht dazwischen, nicht mal im Vakuum – wenn alles Lebensnotwenige entzogen wäre, ist Gott fern. Gott ist da – und ich würde gern glauben, dass er kein strafender Gott ist.

Ein Vers in diesem Lobgesang ist mir besonders wichtig geworden in der zurückliegenden Osterzeit und den folgenden Wochen – als österliche Freude und fröhliches Singen schwer war. Es ist der Vers 5: „Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn.“

Der Lobgesang des Tobias ist kein fröhliches, ungetrübtes naives Rühmen und Loben, sondern eines mit „Furcht und Zittern.“

„Alles wird gut“ passte gut unter oder über den Regenbogen, aber „Alles wird gut“ hat nicht die ganze Geschichte des Bogens erzählt; nicht den Beginn der Sintflut. Tobias lobt unsicher, fragend – denn er hat erleben müssen, wie ihm alles Lebensnotwendige entzogen wurde: Gesundheit, Nähe, Anerkennung. Er bleibt auch im Vakuum bei Gott – wie die Namensgeber anderer biblischer Bücher: Hiob, Jeremia, Jesaja – auch wie Jesus.

Glauben für Fortgeschrittene – denke ich. Widersprüche, Paradoxe aushalten im Gespräch mit Gott: „Warum hast DU…?“

Loben mit Furcht und Zittern. Und es ist trotzdem ein Lobgesang. Denn wir wissen, dass Gott hört, wenn wir rufen – Exaudi:„Höre, Gott, meine Stimme – wende mir zu dein Angesicht!“ Deshalb beten wir heute mit dem Psalm: „Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?“

Ein Lobgesang mit Furcht und Zittern – Vertrauen, Glauben steht gleich neben der Angst, dass wir verlassen, gott-verlassen sind. Das ist die Angst der Jünger an Himmelfahrt, die ein Leben mit Jesus hier kannten: verlassen zu sein. Sie brauchen den Geist als Tröster. „Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“

Jung noch war Sören Kierkegaard. als er versuchte seinen Glauben und seine Philosophie in einem kleinen Buch aufzuschreiben. Er denkt, fühlt und benennt die Widersprüche: Gnädig und allmächtig ist Gott, verborgen und zugewandt. Kierkegaard lässt das unterschiedliche Erleben Gottes stehen und gelten. „Glaube beginnt gerade da, wo das Denken aufhört.“ schreibt er und nennt sein Buch: „Furcht und Zittern.“

Sonntag Exaudi – Höre Gott! Die Bitte bleibt stehen, denn erst Pfingsten ist Ende des Vakuums und wird das Versprechen von Himmelfahrt eingelöst: Es wird der Tröster kommen, das ist der Geist!

 

Foto: Sabine Zorn

Versuch es

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste auf unserer Homepage,

mit einem Gedicht von Wolfgang Borchert grüße ich Sie alle sehr herzlich und wünsche Ihnen viel Freude daran!
Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

 

Versuch es

Stell Dich mitten in den Regen,
glaube an den Tropfensegen,
spinn Dich in dies Rauschen ein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in den Wind,
glaub an ihn und sei ein Kind –
laß den Sturm in Dich hinein
und versuche, gut zu sein!

Stell Dich mitten in das Feuer –
liebe dieses Ungeheuer
in des Herzens rotem Wein
und versuche, gut zu sein!

 

 

Foto: Tom Kattwinkel

Osterzeit

Weg nach Emmaus (Klaus-Peter Hertzsch)

Wir wussten’s nicht, es war der Ostertag
Wir waren unterwegs bei schrägem Sonnenlicht,
da uns der Tempelberg schon längst im Rücken lag
und noch von Emmaus kein Dach in Sicht…

Sahn das Land an uns vorübergleiten,
während wir hindurchgewandert sind:
Menschen, Orte, viele Jahreszeiten,
Vogelflug in unerreichten Weiten,
hin und wieder schon der Abendwind.

Neben unsern Schritten seine Schritte,
da er sich plötzlich zu uns gesellt.
Im finstern Tal ging er in unsrer Mitte.
In unserm Zwiegespräch war er der Dritte.
Und er erklärte durch sein Wort die Welt.

Er zog mit uns in wechselnden Gestalten,
uns sehr vertraut, uns völlig unbekannt.
Zuweilen konnten wir sein Bild behalten.
Im Neugewordnen sahen wir den Alten,
und seltsam hat in uns das Herz gebrannt.

Nun, da der Tag sich neigt und wir die Tür aufklinken,
brennt schon die Lampe, ist der Tisch gedeckt,
und Brot zu essen, Wein zu trinken.
Es ist wie Anfang mitten im Versinken,
und nun am Abend werden wir geweckt.

Der dort am Tische sitzt und uns das Brot gebrochen‘
und der mit uns im Wechselwort gesprochen,
der Herr, mit dem wir redeten und handelten,
der dort am Tische sitzt und uns den Kelch gesegnet
und der so vielgestaltig uns begegnet,
er blieb sich immer gleich, doch wir sind die Verwandelten.

Noch am Abend brechen wir auf.

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste auf unserer Homepage,
seit dem Ostermontag begleitet uns die Geschichte der Emmaus-Jünger (Lk 24,13-35). In diesem Jahr hören wir sie vielleicht noch einmal anders als bisher, weil das Weg-Thema und die Frage danach, wer an unserer Seite ist, sich in neuer und auch bedrängender Weise in den Vordergrund schieben.

Wohin gehen wir? Zwischen Jerusalem und Emmaus, zwischen Aufbruch und Einkehr findet ein ganzes Leben statt. Die Wanderung, von der hier erzählt wird, dauert länger als die beiden Stunden, die man für den Weg von Jerusalem nach Emmaus braucht. Sie dauert ein Leben lang, geht durch Tiefen und führt über Höhen. Manche Begegnung findet statt, Weggenossenschaft. Aber auch einsame Pfade müssen gegangen werden. Und manche Ahnung scheint auf, wird wahrgenommen und wieder verdrängt, kehrt später zurück in der Erinnerung: War da nicht der Klang von Schritten neben uns? „Er zog mit uns in wechselnden Gestalten.“ Kleopas und sein Gefährte haben einen Schriftgelehrten gesehen, bevor sie IHN erkannten. Maria meinte, den Gärtner zu treffen am Ostermorgen. Bevor ER sie ansprach. Die Jünger am See sehen einen hungrigen Rufer am Strand, aber dann bereitet ER ihnen das Mahl. „Brannte nicht unser Herz?“

Wo haben wir IHN gesehen? Oder einfacher: Wann brannte unser Herz? „Es ist wie Anfang mitten im Versinken.“ Solche Ahnungen sind Zeichen. Sie sprechen wie in einer noch unbekannten Sprache von einer anderen, neuen Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, die sich durch die Ahnung zu einem Bild verdichtet, einem Bild, das sich einbrennt und uns nicht mehr loslässt und uns aufbrechen lässt, dem Leben entgegen. Auch dann, wenn unser „Tag sich neigt und wir die Tür aufklinken: Noch am Abend brechen wir auf.“

Mit österlichen Grüßen und Segenswünschen
Ihre
Sabine Zorn

 

Foto: Tom Kattwinkel

Osteraugen

 

Mit dem Osterwunsch
des früheren Aachener Bischofs Klaus Hemmerle (1929-1994)
in einer Kalligrafie von Margrit Dürring (+)
grüßen wir Sie herzlich und wünschen Ihnen gesegnete Feiertage.
Möge die österliche Kraft Christi Sie dazu stärken,
auch in dieser Zeit das Halleluja neu zu entdecken,
denn es gilt trotz allem:
Der HERR ist auferstanden!
ER ist wahrhaftig auferstanden! HALLELUJA!

 

Foto: Rudolf Happel

 

Palmsonntag und Heilige Woche

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst, liebe Gäste unserer Internet-Seite,

mit dem Palmsonntag gehen wir hinein in die Woche, die uns mitnimmt auf den Weg Jesu: erst bejubelt, dann verraten, gefangen, geschlagen, gekreuzigt. Es ist Sein Weg der Liebe – und der ist nicht leicht zu verstehen, wie so vieles in diesen Tagen. Über diesen Weg lesen wir im Hebräerbrief:

„… lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“ (Hebr 12,1-2)

Diese Worte sind an Menschen gerichtet, die es schwer hatten mit sich selbst, die mutlos geworden waren in den Beschwernissen und Anfechtungen ihres Lebens, im Leid. Ihnen legt der Verfasser dieser Zeilen nahe, sich an Jesus Christus zu orientieren, dem „Anfänger und Vollender des Glaubens“. Er ist der Mensch, der sich in allem ganz auf Gott verlassen hat, sogar als Er sich selbst von Gott verlassen fühlte.

Von Gott verlassen, so mögen wir uns manchmal vorkommen in dieser anstrengenden Zeit, in der uns die Sorge um die Zukunft in fast ungeahnter Weise bedrängt. Wir können diese Gedanken nicht einfach wegschieben, aber wir können versuchen, ein anderes Bild darüber zu legen und auf Jesus blicken, Ihm unsere Last unter Sein Kreuz legen.

Am Anfang der Karwoche, der Heiligen Woche steht der Einzug Jesu in Jerusalem. Die Menschen sehen zu dem auf, den sie als den Messias Gottes feiern. Sie huldigen Ihm mit Palmzweigen und Hosianna-Rufen. Aber nur wenige Tage später werden sie auf Ihn herabsehen, obwohl, ja weil Er hoch über ihnen am Kreuz hängt und um der Liebe willen einen schmachvollen Tod stirbt. Dabei wäre es doch richtig, gerade in diesem Augenblick zu Ihm aufzusehen, weil hier etwas geschieht, das ihrem, unserem Leben eine neue Richtung geben kann. Im Wochenspruch heißt es: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3, 14b.15) Gemeint ist hier zuerst die „Erhöhung“ Jesu am Kreuz, erst danach die Erhöhung zur Rechten Gottes. Der Blick auf das Kreuz kann helfen, heil zu werden trotz der eigenen Anfechtungen und Sorgen, trotz allem, was uns Angst macht und entmutigt.

Der Maler und Dominikanermönch Fra Angelico hat seinen Brüdern im Kloster San Marco in Florenz die Kreuzigung Jesu auf einem Wandgemälde vor die Augen gestellt. Dort finden sich viele Menschen unter dem Kreuz, aber nur ein einziger auf dem ganzen Bild schaut Jesus an, schaut zu Ihm auf. Das ist der „reuige Schächer“, der an Seiner Seite gekreuzigt wird. Was man dort deutlich erkennen kann: Dieser reuige Schächer wird unter dem Blick Jesu heil. Obwohl er selbst am Kreuz hängt und daran sterben wird. Die Haltung dieses Mannes vermittelt den Eindruck, als würde er gleich einen Schritt vom Kreuz weg auf Jesus zugehen, und um seinen Kopf herum erahnt man etwas, das ein Heiligenschein werden könnte. Für mich ist diese Darstellung eine Illustration für das, was der Hebräerbrief uns ans Herz legt: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Denn: Jesus erwidert unseren Blick. Er sieht uns an. Und in Seinem Blick werden wir erkannt und können uns selbst erkennen in unseren Ängsten und Zweifeln, in unserer Suche nach dem Sinn, im Angewiesensein auf Schutz und Zuwendung, in unserer Sehnsucht, vertrauen zu können. Jesu Blick ruht auf uns. Darin liegen unser Leben und unser Heil, das Er uns schenkt durch Seinen Tod und Sein Leben.

Eine in allem und trotz allem gesegnete Heilige Woche wünscht Ihnen Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

Fotos: Ralph Frieling, Tom Kattwinkel

 

 

 

Regenbogen

Liebe Geschwister im Berneuchener Dienst, liebe Gäste unserer InternetSeite!

Manchmal ist es eine leicht zu übersehende Kleinigkeit, die uns als Geschenk im Alltag überrascht. So entdeckte meine Freundin einen Regenbogen auf dem Boden vor ihrem Küchenfenster. Durch Lichtbrechungen dort hingezaubert, wurde er zum Symbol dafür, dass es auch in schweren Zeiten Schönes gibt, das uns erfreuen und uns auf Gottes Nähe hinweisen kann. Sie schreibt dazu: „Der Regenbogen ist ein besonderes Zeichen. Gott hat mit dem Bogen in den Wolken nach Enttäuschung, Leid und Gefahr uns Menschen – so wie wir sind – versprochen, trotzdem und dennoch bei uns zu sein und unsere Welt zu erhalten. (1. Mose 8,22). Ich bleibe in meinem Alltag schon lange stehen, wenn ich den Regenbogen sehen kann, für einige Extra-Minuten Gott. Zeit für Gott, um nicht nur zu bitten, sondern auch zu danken.“
Vielleicht mögen Sie in diesen Tagen der Sorgen und Ängste doch auch auf das achten, was uns an Gottes Begleitung und Nähe erinnert und Ihm danken für das, was Er Gutes an uns getan hat und weiter tut.

Mit Segenswünschen
Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

 

Foto: Katrin Sonnemann

Herzlich willkommen!

Liebe Schwestern und Brüder im Berneuchener Dienst, liebe Gäste auf unserer Internet-Seite!

Nach einer längeren Zeit ohne Internet-Auftritt sind wir nun wieder online. Noch ist nicht alles fertig, einige Seiten, z.B. die mit den Vorstandsmitgliedern, werden erst demnächst hier erscheinen. Andere wie der Veranstaltungskalender werden noch ein bisschen auf sich warten lassen, weil wir ja im Augenblick wegen der Corona-Krise keine Konventstreffen und Gottesdienste anbieten können. Aber wir haben die Möglichkeit, hier – unter dem Button „Beiträge“ – Texte und Bilder einzustellen, die zum Nachdenken anregen wollen, Hilfe zum Beten sein können, tröstlich sind oder einfach nur schön.
Den Anfang machen wir mit dem Abendgebet Augustins:

Wache du, lieber Herr,
mit denen,
die wachen oder weinen
in dieser Nacht,
und gib deinen Engeln
die Obhut über die,
welche schlafen.
Hüte deine Kranken,
Herr Christus.
Lass deine Müden ruhen.
Segne deine Sterbenden.
Tröste deine Leidenden.
Erbarme dich deiner Betrübten.
Erlöse deine Gefangenen.
Schirme deine Fröhlichen.
Und alles um deiner Liebe willen.
Amen.

Mit geschwisterlichen Grüßen Ihre
Sabine Zorn (BD)

 

Fotos: Tom Kattwinkel