Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias

Predigttext zum 2. So nach Epiphanias 2022, 1. Kor 2, 1-10
1Liebe Brüder und Schwestern! Als ich zu euch kam und euch das Geheimnis Gotte zu verkünden, habe ich das nicht mit geschliffener Rede und menschlicher Weisheit getan. 2Ich wollte bewusst von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus, dem Gekreuzigten. 3Dabei war ich schwach und elend und zitterte vor Angst. 4Was ich euch sagte und predigte, geschah nicht mit ausgeklügelter Überredungskunst; durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft. 5Denn euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft.
6Dennoch erkennt jeder im Glauben gereifte Christ, wie wahr und voller Weisheit unsere Botschaft ist. Es ist zwar nicht die Weisheit dieser Welt und auch nicht die ihrer Machthaber. Aber die Welt mit all ihrer Macht vergeht ohnehin. 7Die Weisheit jedoch, die wir verkünden, ist Gottes Weisheit. Sie bleibt ein Geheimnis und vor den Augen der Welt verborgen. Und doch hat Gott, noch ehe er die Welt schuf, beschlossen, uns an seiner Weisheit und Herrlichkeit teilhaben zu lassen. 8Von den Herrschern dieser Welt hat das keiner erkannt. Sonst hätten sie Christus, den Herrn der Herrlichkeit, nicht ans Kreuz geschlagen. 9Es ist vielmehr das eingetreten, was schon in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist: »Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen konnte, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.«
10Uns hat Gott durch seinen Geist sein Geheimnis enthüllt. Denn der Geist Gottes weiß alles, er kennt auch Gottes tiefste Gedanken.

Liebe Gemeinde,
in der Schriftlesung haben Sie den heutigen Predigttext aus 1. Kor 2, 1-10 gehört.
Können Sie sich erinnern? Was ist Ihnen hängen geblieben? Nichtwahr, diesen Abschnitt des Briefes von Paulus an die Korinther ist nicht so leicht nachzuerzählen. Selbst das geschriebene Wort musste ich mehrmals lesen.
Paulus predigte damals mit verständlichen Worten den gekreuzigten Christus, damit die Menschen ihm folgen können, wie auf einem guten, einfachen und geraden Weg. Er benutzte keine geschliffene Rede, keine ausgeklügelte Überredungskunst, sondern einfache Worte mit „Angst und Zittern“.
Sein Brief hingegen führt uns in tiefe Schluchten und hohe Gipfel. Es führt uns zum Geheimnis, verborgen und im Dunkeln, und zur Weisheit, klar und licht.

Fünf Mal wird die Weisheit erwähnt.
Was ist Weisheit? Wen kennen Sie, der für Sie eine weise Person ist? Und warum?
Üblicherweise stellen wir uns sie wie eine betagte Person von. Aus Lebenserfahrung weise geworden.  Weisheit ist mehr als Wissen. Auch ein Kind kann weise sein: Kindermund tut Wahrheit kund.
Ich meine, Weisheit ist eine ganzheitliche Erkenntnis mit Herz, Hirn und etwas Humor. Mit Liebe für mich und meinen Mitmenschen. Mit Erfahrung aus dem Leben und unseren Erkenntnissen. Und mit einem Wissen, bzw. Humor, dass wir Menschen eben nicht alles wissen und festzurren können und oft mit unserem Wissen über die Welt und den Menschen haarscharf daneben liegen können. Also Herz, Hirn und Humor.

Das Geheimnis kommt in unserem Text drei Mal vor.
Geheimnis: Was kein Aug jemals sah, was kein Ohr jemals hörte und was sich kein Mensch vorstellen konnte.
Ein Geheimnis ist schon irgendwie besonders.
Geheimnis ist etwas, was wir für uns behalten möchten oder wir teilen es mit vertrauten Menschen und schließen damit andere aus.
Ein Geheimnis rührt an unser Empfinden nach Aufdeckung, ganz besonders dann, wenn wir vom Geheimnis ausgeschlossen sind.
Wir Menschen wollen alles wissen und die heutigen Medien geben uns Zugang zu allem möglichen Wissen, auch zu dem, was wir nicht wissen wollten.

Beim ersten Lesen des Paulusbriefes empfand ich es beinahe als anstößig, dass er von den Geheimnissen Gottes sprach. Denn in der Theologie lernen wir: Gott hat sich den Menschen in Jesus Christus offenbart, und wer sich so offenbart hat, der hat keine Geheimnisse mehr vor den Menschen. Und trotzdem behält Gott sein Geheimnis.
Wie geht das?

„Der Mensch“, schreibt Klima, ein tschechischer Schriftsteller, „hat sich die Welt immer dadurch angeeignet, dass er Fragen stellte. Für ein Kind ist die Welt noch ein einziges Geheimnis. Für einen weisen Menschen bleibt sie es bis an sein Lebensende. Das Geheimnis, das am meisten herausfordert, sollten andere menschliche Wesen sein“.
Und das ist ja das spannende an meiner Arbeit als Seelsorgerin. Ich begegne so vielen Menschen. Und jeder ist anders. Jeder hat seine Erfahrungen im Leben gemacht, die ihn prägten. Er ist Mensch wie ich und doch ganz anders. Ihn in seiner Situation verstehen und seinen Weg mitzugehen – und nicht zu denken, ich hätte die Weisheit mit Löffeln gegessen und könnte ihn sagen, was er zu tun oder zu lassen hat. Nur in diesem Hinhören, Fragen und Begleiten kann ich Beziehung aufbauen.
Ich denke, dass der Mensch eines der größten und wunderbasten Geheimnisse der Welt ist. Von Gott zum Ebenbild erschaffen. Wenn der Mensch schon ein Geheimnis ist, wie viel mehr Gott?
Wir werden Gott nie erfassen können, nie verstehen können, nie begreifen können. Aber in Jesus schon.
Da hat Gott sich offenbart. In Jesus hat er sich offenbart, in dem er zu uns eine Beziehung eingeht.

Und hier verbindet sich das Geheimnis mit der Weisheit.
Erinnern Sie sich noch, wie ich sagte Weisheit ist Hirn, Herz und Humor?

1. Gott hat vor der Erschaffung der Welt beschlossen uns an seinem Geheimnis und seiner Weisheit teil haben zu lassen.
Gottes weiß um unsere Menschlichkeit. Er weiß, dass wir ihn nicht von uns aus begreifen und fassen können. Das bringt ihn zu dem Entschluss uns als Mensch entgegen zu kommen. Das ist Gottes „Hirn“. Er begegnet uns Menschen im Menschen Jesu.
Der herabgekommene Gott wird als kleines Kind in der Krippe im armseligen Stall geboren. Unerkannt, ein Geheimnis.  Jesus lebt unser Leben. Er stirbt wie wir.

2. Jesus zeigt mit seinem ganzen Leben, in all seinem Tun und seinen Reden die Liebe, die Gott zu den Menschen hat. Dass Gott sich nichts mehr sehnt als mit uns in Beziehung zu sein und uns nahe zu sein.  Er sagt, selbst wenn eine Mutter sich von Ihrem Kind abwenden könnte, Gott könnte es nicht. Das ist Gottes „Herz“.

3. Gott widersteht der Weisheit der Welt, die sagt: der Stärkere hat das Recht, der Machthaber regiert, der Schlaue gewinnt.
Er macht aus dem Gedemütigten am Kreuz, aus dem ohnmächtig Sterbenden und aus dem Getöteten einen Auferstandenen, eine ewig Lebendigen und Liebenden.
Im dunklen Tod das Licht und das Leben. Damit wir leben und Hoffnung haben, damit wir mit Gott verbunden sein können, nicht nur in unseren Tod, nein, auch jetzt schon im Leben.
Ein Geschenk Gottes, das sein Geist uns bringt und uns glauben lässt.
Der weltlichen Weisheit zum Trotz. Für die Welt ist es Humbug, Torheit, ein Witz.
Und vielleicht ist es Gottes Humor, dass er dem Trennenden, dem Endgültigen, dem Tod ein Schnippchen schlägt und es wandelt in Leben und Verbindung.

Die Weisheit dieser guten Botschaft bleibt ein Geheimnis. Für uns ein Geheimnis des Glaubens, das wir stückweise erkennen. Wie Paulus sagt, jetzt sehen wir wie durch einen dunklen Spiegel, dann einmal bei Gott erkennen wir alles.

Warum Gott den Menschen in Jesus Christus in so einer unfassbaren Liebe entgegenkommt, das ist sein Geheimnis, das wir nicht fassen können. So unverdient und so erfüllend.
Das ist einfach die Fülle der Gnade Gottes, die er uns im Wochenspruch verheißt.
Das ist eine Weisheit, die vom Heiligen Geist kommt.
Letztendlich ist die Weisheit, von der Paulus spricht, keine Weisheit, die man sich durch Erfahrung, Lernen oder Wissen erwerben kann. Die Weisheit, von der Paulus spricht, versteht man nur, wenn man es als ein Geschenk Gottes begreift.

Und dieses Geschenk ist, dass wir auf unserem Weg immer von Gott begleitet sind, was auch geschieht im Leben und im Tod und darüber hinaus.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alles, was wir uns denken und vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Verfasserin: Barbara Neudeck, Diakonin und Mitglied im Berneuchener Dienst