Predigt zu Pfingstsonntag 2022

Liebe Schwestern und liebe Brüder,
wir feiern Pfingsten. Ich lade Sie und Euch zunächst ein zu einem Blick zu den Wurzeln dieses Festes.
Das Pfingstfest hat seinen Termin aus dem Kalender der jüdischen Gemeinde. 50 Tage nach dem Passa feiert Israel Schawuot, das Wochenfest, ein Erntedankfest. Es fällt zusammen mit unserem Pfingsten.
Schawuot ist das jüdische Wort für sieben und nimmt Bezug auf die sieben Wochen, genau genommen 50 Tage. An diesem Fest wird auch gefeiert, dass Gott sich offenbart hat und seiner Gemeinde das Wort gegeben hat, die Thora, die Worte und Weisungen, die zum Leben helfen. In manchen jüdischen Gemeinden ist das ein richtig fröhlicher Festtag. Der Rabbi nimmt die Thora-Rolle aus dem heiligen Schrein. Und mit der Rolle im Arm tanzt er durch die Synagoge mit dem Gebet: „Du Ewiger, Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost.“
Sicher erinnern sich manche von Euch und von Ihnen an Bilder von Marc Chagall mit einem tanzenden Rabbi.
An diesem Fest der Thora, der Weisung, des Wort Gottes geschieht dann auch das 1.Pfingstfest in Jerusalem. Wir erinnern uns:

Der Auferstandene war durch verschlossene Türen zu den Seinen gekommen und sprach: „Fürchtet euch nicht, Friede sei mit euch. Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“
Die Jüngerinnen und Jünger empfingen zum Wort Gottes den Geist Gottes in ihr Herz. Den Tröster, wie Jesus versprochen hatte. Der Geist Jesu, aus dem er selbst gelebt hat, der macht die Seinen frei, fröhlich und mutig. Es ist der Geist, der das Herz weit machen kann und der die Menschen auf neue Weise, mit Gott und miteinander verbindet.

Über diesen Geist schreibt Paulus im Römerbrief, Kapitel 8, (1 – 2 und10 – 11), ich lese den Text aus der Basisbibel: Überschrieben ist dieser Abschnitt mit: Der Geist Gottes überwindet die Sünde.
Es gibt also kein Strafgericht mehr für die, die zu Christus Jesus gehören. Das bewirkt das Gesetz, das vom Geist Gottes bestimmt ist. Es ist das Gesetz, das Leben schenkt durch die Zugehörigkeit zu Christus Jesus. Er hat dich befreit von dem alten Gesetz, das von der Sünde bestimmt ist und den Tod bringt.
Wenn Christus jedoch in euch gegenwärtig ist, dann ist der Leib zwar tot aufgrund der Sünde.
Aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Gott euch als gerecht angenommen hat. Es ist der derselbe Geist Gottes, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus vom Tod auferweckt hat, wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken – durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Hier heißt es nicht: „Strengt euch an! Gebt euch Mühe! Da wird nicht der gute Wille strapaziert und da wird nicht die Ethik beschworen. Die uns einfach dann doch überfordert. Denn das gehört ja zu unserer Welt. Der gute Willen richtet aber oft nichts aus. Wir stoßen an Grenzen von außen und von innen. Deshalb ist es so unerhört, wenn Paulus sagt: So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Paulus sagt damit: Ich bin frei, frei von Angst.
Frei vom Zwang, es recht machen zu müssen.
Frei von Angst zu versagen.
Ich sehe einen Weg vor mir.
Ich habe einen Grund unter meinen Füssen.
Ich bin gewiss, von Gottes Liebe kann uns nichts trennen.

Hat denn Paulus gar keine Angst? Macht er sich keine Sorgen? Man möchte ihn fragen:
Du, Paulus, siehst du denn nicht, wie die Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen? Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
„Siehst du denn nicht, wie das Leben auf Kosten von anderen die Menschheit kaputt macht?“ Und Paulus würde antworten: „Doch das sehe ich.“
Noch eine Frage: Siehst du denn nicht, wie auch unsere Gerechtigkeit auf Kosten von Menschen geht?“ Und Paulus würde antworten: „Freilich sehe ich das. Aber ich sehe noch viel mehr, was zwischen Himmel und Erde ist und wo Menschen nichts ausrichten können.“
Wie kannst du dann sagen: ‚Ich bin gewiss.‘ Wie kannst du dann sagen: „Uns kann nichts schaden?“ Und er antwortet: „Weil es so ist, weil es wahr ist. Wer zu Christus gehört, dem kann niemand und nichts schaden.“
Damit bin ich immer noch nicht zufrieden. Aber ich höre den Apostel, wie er mahnt: „Glaube bitte nicht, dass ich irgendetwas verharmlosen will. Im Gegenteil.
Aber wer nur die Todeswelt beklagt, der weiß noch nichts vom Leben. Ich ließ mich von den Mächten und Geistern meiner Zeit nicht festlegen und fesseln. Ich sagte: Ich will auf Christus sehen. Ihm bringe ich meine Furcht. Ihm lege ich meine Angst vor die Füße.“

Ich möchte weiter fragen: „Du Paulus, das Schlimme sind ja nicht nur die Anderen. Ich entdecke wie Angst und Bosheit auch mein Herz bestimmen. Ich bin durch mich selbst bedroht.“
Und da sagt Paulus: „Auch das kenne ich. Aber da starre ich nicht in mich hinein, sondern ich wende mich an Christus und sag:
‚Du hast mich berufen. Halte du mich fest. Du hast mich von den Mächten dieser Welt befreit, bewahre mich jetzt auch.‘
Gott verurteilt uns nicht. Darum sind wir frei. Gott gibt uns seinen guten Geist. Darum können wir leben. Wir feiern Pfingsten. Wir erinnern uns gegenseitig an die Freiheit, die Gott auch uns schenkt, wo wir sie nicht machen können.

Ich will es noch einmal anders, mit Worten von Jörg Zink sagen:
‚Wo der Geist am Werk ist, wird der Mensch fähig, ungewohnte Gedanken zu fassen. Er wird fähig, etwas zu tun, zu dem er sonst nicht die Kraft hat. Er gewinnt eine Zuversicht, die er sonst nirgends herbekommt.
Treibt uns wirklich der Geist Gottes, dann treten wir nicht nur für die Freiheit der Christen ein, sondern für die Freiheit aller Menschen. Dann kämpfen wir nicht nur um die Versöhnung der Konfessionen, sondern um die Versöhnung zwischen den Völkern und den Machtblöcken und dann lässt uns auch der Krieg in der Ukraine und der Nahe Osten nicht einfach in Ruhe.
Treibt uns der Geist Christi, dann haben wir Freundlichkeit nicht nur für die Freunde, dann beziehen wir vielmehr den Feind mit ein. Dann machen wir nicht nur den Menschen Mut, mit denen wir verbunden sind, sondern geben allen Menschen die Hoffnung, die sie brauchen.
Treibt uns der Geist, dann richten wir unsere Hoffnung nicht nur auf ein Reich, das später ist und das am Ende kommt, sondern wir rufen das Reich Gottes herein in das Gefüge der Reiche dieser Erde. Dann erwarten wir Gottes Wirken jetzt und heute.‘ (Zitatende)

Liebe Schwestern und liebe Brüder, noch ein Gedanke zum Schluss:
Wir haben es gewagt und haben uns im Berneuchener Dienst Josua Boeschs zweite Station im Auferstehungsweg zu unserem Zeichen gemacht.
Immer neu erinnert uns die Taube an Gottes guten heiligen, heilenden Geist. So kann uns unser Zeichen immer neu ermutigen zum Gebet in seinem Geist für uns selbst, für die Anderen, für unsere Kirchen und für die Not in unserer Welt.
Gottes Geist helfe uns, dass etwas spürbar wird von der Freiheit und dem wahren Leben, das Gott uns schenkt.
Amen.

Predigerin:  Suse Rieber, frühere Geistliche Leiterin des BD
Predigttext/Predigtort:  Römer 8, 1 – 2, 10 – 11  /  Diakonissenkirche Stuttgart
Bild:  Zeichen des Berneuchener Dienstes
Quellennachweis:  Eberhardt Dieterich, …und hörte seiner Rede zu. Edition Kamel 18
Jörg Zink, Vor uns der Tag. Herder-Verlag Freiburg