Einführung Sabine Bayreuther

Gottesdienst zur Einführung als Geistliche Leiterin und Vorsitzende des Berneuchener Dienstes, Kloster Kirchberg
Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis, 25.09.2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wofür braucht es eigentlich den Berneuchener Dienst? Wofür braucht es die Evangelische Michaelsbruderschaft? Wofür braucht es überhaupt geistliche Gemeinschaften?
Spätestens seit dem 3. Jahrhundert haben sich im Christentum Sonderformen des kirchlichen Lebens entwickelt. Menschen gingen in die Wüste, um dort intensiver als in der Ortsgemeinde ihren Glauben zu leben. Irgendwann erfolgte der erste formelle und geregelte Zusammenschluss von solchen Sonderlingen – das Mönchtum war entstanden.
Seitdem gibt es immer wieder Aufbrüche, in denen neue Gemeinschaften entstehen. Manche Gemeinschaften hören auch irgendwann auf zu existieren. Dafür entsteht anderes.
Aber wofür?
Das Leben in verbindlichen geistlichen Gemeinschaften ist ganz sicher nicht gottgefälliger. Man erwirbt ganz sicher keine Verdienste oder einen schöneren Platz im Himmel.
Wenn solche Sonderformen des kirchlichen Lebens entstanden sind, dann oft, weil man den Eindruck hatte, dass es in der Kirche nicht mehr so richtig gut läuft.
Bei der Entstehung der Berneuchener Bewegung war das erklärtermaßen der Fall: man wollte eine Erneuerung. Deswegen trafen sich viele Männer und eine Frau, Anna Paulsen, auf dem Gut Berneuchen, später dann in Pätzig, um gemeinsam nachzudenken und auszuprobieren, um zunächst probeweise zu leben, wie eine andere, eine lebendigere, eine auf ihre Wurzeln besonnene, eine Leiblichkeit und Zeichen schätzende Kirche gelebt werden könnte.

Man sah die Kirche in Not.
Das war damals nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal, dass man die Kirche in Not sah.
Immer wieder haben Christenmenschen den Eindruck: die Stimme der Kirche wird heiser und brüchig. Die Worte werden leer. Rituale und Symbole werden nicht mehr als sinnhaft erkannt. Menschen wenden sich ab.
Eine Reaktion darauf ist oft – und das ist auch heute wieder zu beobachten – Aktionismus: Projekte mit Meilensteinen werden aufgelegt, Events werden veranstaltet, Pläne werden diskutiert, verworfen, erneut diskutiert und final abgestimmt. Man fährt Superlative auf: Best-practice-Beispiele sind gefragt. Gute Praxis reicht wohl nicht mehr aus.

Es gab und gibt aber auch andere Reaktionen – gerne auch parallel dazu:
Ich meine, es ist Wilhelm Stählin, der die Berneuchener Bewegung an einer Stelle als eine Erweckung beschreibt. Solche Erweckungen gab und gibt es immer wieder. Sie geschehen jenseits der Institution – aber nicht unbedingt gegen sie. Sie haben kein Projektziel vor Augen. Sie wollen eigentlich nichts erreichen. Sie sind ergriffen und sie besinnen sich auf die Wurzel: auf Christus.

„Sorgt euch nicht um euer Leben. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen.“ – So haben wir es im Evangelium (Mt 6, 25-34) gehört.
In der zweiten Schöpfungserzählung (Gen 2, 4b-9.15) haben wir gehört, dass Gott uns den Atem des Lebens, die näfasch chajah, das Leben schlechthin gegeben hat. Diese Geschichte erinnert uns (noch stärker als die erste Schöpfungserzählung) daran, dass nicht wir die Macher sind, sondern dass Gott es ist, der uns gemacht hat und dass unser Leben nicht wäre ohne ihn.
Und in der Epistel (Gal 5,25 – 6,10) schließlich, die zugleich für den heutigen Sonntag der Predigttext ist, gibt Paulus eine Antwort auf die Grundsatzfrage: Wie geht geistliches Leben eigentlich? „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ Aus dieser etwas altertümlichen Übersetzung Luthers würde ich machen: Wenn wir im Geist leben, so lasst uns unser Leben auch entsprechend im Geist gestalten.
Paulus reagiert in seinem Brief an die Galater übrigens auf eine Krise, eine Not der frühen, gerade in der Entstehung befindlichen Kirche. Man stritt sich damals recht vehement darum, wie eine adäquate christliche Lebensführung aussieht. Paulus war mittendrin in diesem Streit.

Unsere heutige Epistel ist das inhaltliche Ende des Galaterbriefs und liefert insofern eine Art Quintessenz. Die Zusammenfassung dieser Quintessenz des geistlichen Lebens, frei übertragen aber doch am Text des Paulus angelehnt, klingt in meiner Sprache so:
Ihr seid vom Geist erfüllt worden, also setzt das bitte auch in eurer Lebensführung um.
Das wichtigste ist dabei immer Christus.
Seid in eurer Gemeinschaft nicht neidisch aufeinander,
überhebt euch nicht über andere.
Seid sanftmütig – vor allem dann, wenn ihr andere auf Fehler hinweist.
Unterstützt euch gegenseitig.
Teilt eure Güter.
Werdet nicht müde, Gutes zu tun. Noch ist die Zeit dafür.
Und nehmt euch selbst nicht so wichtig.
Was Paulus da geschrieben hat, ist wohl wirklich die Quintessenz eines geistlichen Lebens. Schaut man nämlich in die Tradition geistlicher Gemeinschaften, dann findet man verschiedene Variationen dieses Themas.
Etwa bei den Wüstenvätern und Wüstenmüttern konnte ich zum Beispiel folgende kleine Geschichte finden:
Altvater Poimen bat den Altvater Joseph: „Sage mir, wie ich Mönch werde.“ Er antwortete: „Wenn du Ruhe finden willst, hier und dort, dann sprich bei jeder Handlung: ‚Ich – wer bin ich?‘ Und urteile über niemand!“ (Apophthegmata Patrum 385)
Um ein geistlicher Mensch zu werden, muss man also den Blick von sich selbst und seinen eigenen Befindlichkeiten lösen können. Dann wird auch eine sanftmütige und liebevolle Zuwendung zum Mitmenschen möglich. Dann sehe ich nicht mehr nur meine Last, die ich trage, sondern auch die Last der anderen.

Der Text, der das geistliche Leben in Europa über die Jahrhunderte geprägt hat wie kein anderer, ist die Mönchsregel des Benedikt von Nursia. Entstanden am Beginn des 6. Jahrhunderts und ab dem 11. Jahrhundert für längere Zeit die vorherrschende Regel für das westliche Mönchtum.
Benedikt hat ein großes Kapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst verfasst. Das beginnt so:
„Vor allem: Gott, den Herrn, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Ebenso: Den Nächsten lieben wie sich selbst.“ (RB 4,1-2)
Weitere Werkzeuge: „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen. Den Zorn nicht zur Tat werden lassen. Der Rachsucht nicht einen Augenblick nachgeben. Keine Arglist im Herzen tragen. Nicht unaufrichtig Frieden schließen. Von der Liebe nicht lassen.“ (RB 4,21-26)
Und wie in einer weiteren Variation desselben Themas: „Die Älteren ehren, die Jüngeren lieben. In der Liebe Christi für die Feinde beten. Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren. Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.“ (RB 4,70-74)

Es ist diese radikale Hingabe an Christus, die ein geistliches Leben ausmacht. Diese Hingabe befreit. Lebenssinn und Lebensziel müssen geistliche Menschen nicht mehr aus eigener Kraft erreichen. Und die Erreichung des Lebensziels kann auch nicht an von außen gesetzten Maßstäben gemessen werden. Denn Christus ist der Maßstab – der leidende Christus genauso wie der auferstandene Christus.
Darum ist die Sorglosigkeit eine Grundhaltung des geistlichen Lebens. Da sie zugleich verbunden ist mit dem liebenden Blick auf die Mitmenschen, ist es eine verantwortungsvolle Sorglosigkeit.
Der Atem des Lebens verbindet uns und er ist im Überfluss da. Er ist uns geschenkt. Wir atmen ihn ein aus natürlichem Reflex. Wann immer wir ihn brauchen, er ist da.
So wie uns der Atem des Lebens reichlich und im Überfluss geschenkt wurde, so auch die Liebe Christi.
Sie ist uns geschenkt. Sie ist nicht begrenzt. Und wir können sie uns nicht verdienen.

Wofür braucht es dann also geistliche Gemeinschaften wie Orden und Klöster, Kommunitäten und Bruderschaften oder den Berneuchener Dienst?
Sie sind kein Ausdruck eines besseren Christentums und sie erbringen keinerlei verdienstvolle Taten für das Seelenheil. Das haben die Reformatoren klar erkannt. Und das ist gut so. (Vgl. CA 27)

Gott braucht keine geistlichen Gemeinschaften. Wir brauchen sie, um uns gegenseitig an die Liebe Christi zu erinnern. Wir brauchen sie, damit wir uns gegenseitig an unsere Freiheit erinnern. „Frei für Gott und die Menschen“, so hieß einmal ein Buch. Diese Freiheit muss man lernen. Denn wir haben die Neigung, uns selbst so unfassbar wichtig zu nehmen, dass wir unsere Mitmenschen aus dem Blick verlieren oder über sie urteilen. Gemeinschaften sind ein guter Übungs- und vor allem auch ein Unterstützungsraum.
Aber auch unsere Kirche braucht die geistlichen Gemeinschaften. Sie sind Keimzellen, in denen Menschen verbindlich beten, die Heilige Schrift lesen und Seelsorge empfangen und auch geben. Hingabe an Christus befreit – auch zum Dienst an und in der Kirche.
Darum lasst uns, die wir den Geist empfangen haben und die wir gleich Christus in Brot und Wein empfangen werden, unser Leben geistlich führen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Predigt: Dr. Sabine Bayreuther
Foto: Archiv Berneuchener Dienst