Zwischenzeit

Liebe Geschwister im Berneuchener Dienst, liebe Gäste auf unserer Internetseite,
mit der Predigt meiner Freundin und Kollegin Katrin Hirschberg-Sonnemann (Hagen) grüße ich Sie herzlich am Sonntag Exaudi und wünsche Ihnen ein gutes Zugehen auf Pfingsten hin.
Ihre
Sabine Zorn (BD)

„Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“ schrieb mir gestern eine Freundin und Kollegin, als ich sagte: „Ich fühle mich so leer, da ist Vakuum für die Predigt.“

Vakuum – leerer Raum, nicht gefüllt.

So ein Raum ist der Sonntag Exaudi. Nun ist die Osterzeit richtig vorbei.
Jesus hat unsere Welt verlassen; ist „aufgefahren in den Himmel“. Himmelfahrt beendet die Osterzeit, es folgt das Fest, an dem wir Gottes Geist feiern – Pfingsten. Aber jetzt ist der Geist noch nicht da.

Exaudi ist Zwischenzeit – Vakuum, nicht gefüllt. Jesus ist nicht mehr Teil unserer Welt, der Heilige Geist als Tröster, als Nähe Gottes angekündigt, aber noch nicht anwesend nicht spürbar – nicht mal ein Hauch.

Zwischenzeit –

Ein Sonntag, um ein wenig Rückblick zu halten auf diese Osterzeit, zu überlegen, was wichtig geworden ist in den lezten Wochen der Corona Pandemie.

Ostern – ohne Kirche, Kantate ohne Singen –
Leiser, vorsichtiger, ungewohnter Osterjubel.

Die Infektionszahlen sind zurückgegangen, viele rufen jetzt nach „Normalität“. Manchmal scheint es als wäre das unbekannte Virus, vom dem wir vieles immer noch nicht wissen, weit weg, dann aber plötzlich gestern die Nachricht: Viele Ansteckungen bei einem Gottesdienst in Frankfurt und bei Restaurantbesuchen in Niedersachsen. Normalität?

Ich lese, dass das Virus die Länder erreicht, in denen kein Gesundheits- und Sozialsystem und hoher medizinscher Standard und wirtschaftliche Stärke schützen.

Zeit zum ungebrochenen Loben ist keine.

Die Bibel hat viele Lobgesänge. Im Rückblick auf zurückliegende Tage und heute denke ich an einen besonderen Lobgesang.

Der Lobgesang des Tobias. Ein Text fürs Vakuum, fürs Dazwischen – denn das Buch Tobias ist nicht in den biblischen Büchern. Es ist ein apokrypher Text, ein Buch, in derselben Zeit entstanden wie viele Bibelbücher, ihnen ähnlich, und trotzdem gehört es zum Inhaltsverzeichnis nicht dazu. Apokryphe Bücher sind im luftleeren Raum geblieben – dazwischen, nicht einsortiert.

Das Buch Tobias, oder auch Tobit genannt, ist etwas jünger als das Buch Hiob. Es erzählt, wie Tobias in Ninive sehr reich wird, Ärger mit dem Herrscher bekommt und fliehen muss. Er darf später wieder nach Ninive zurückkehren, erblindet aber und wird ausgeschlossen. Tobias hält alles aus – das Vakuum in Spott und Einsamkeit und Blindheit und bleibt Gott treu. Er wird geheilt – alles wird wieder gut. Wie im Märchen.

Am Ende seines Lebens singt er Gott ein Loblied (Buch Tobias, 13,1-5+8f):

Der alte Tobias aber tat seinen Mund auf, lobte Gott und sprach:

Groß bist du, Herr, in Ewigkeit und dein Reich währt immerdar; denn du züchtigst und heilst wieder; du führst hinab zu den Toten und wieder herauf, und deiner Hand kann niemand entfliehen.
Ihr Israeliten, lobt den Herrn, und vor den Heiden preist ihn! Denn darum hat er euch zerstreut unter die Völker, die ihn nicht kennen, damit ihr seine Wunder verkündigt und die Heiden erkennen lasst, dass kein allmächtiger Gott ist als er allein.
Er hat uns gezüchtigt um unsrer Sünden willen, und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen.
Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn, der ewig herrscht, mit euren Werken!
Ich aber will mich von Herzen freuen in Gott.
Lobt den Herrn, all ihr seine Auserwählten, haltet Freudentage und preist ihn.

Vieles in diesem Lobgesang ist fremd, weit weg von unserer Welt. Tobias hat noch eine ganz klare Logik in seiner Weltordnung: „Gott hat uns gezüchtigt um unserer Sünden willen und um seines Erbarmens willen wird er uns wieder helfen. Wir erleben die Welt anders – es sind zu oft nicht diejenigen, die Gewalt und Unheil begründen, die es erleiden müssen. Es gibt zu oft keinen logischen Zusammenhang von Tat und Folge, auch jetzt nicht – die Weltordnung von Tobias ist schon lange zerbrochen. „Alles wird gut“ – das gibt es fast nur im Märchen.

Unser Leben wechselt sich ab in den unterschiedlichen Zeiten. Und dem Tobias gleich sagen wir – in keiner der Zeiten, auch nicht dazwischen, nicht mal im Vakuum – wenn alles Lebensnotwenige entzogen wäre, ist Gott fern. Gott ist da – und ich würde gern glauben, dass er kein strafender Gott ist.

Ein Vers in diesem Lobgesang ist mir besonders wichtig geworden in der zurückliegenden Osterzeit und den folgenden Wochen – als österliche Freude und fröhliches Singen schwer war. Es ist der Vers 5: „Darum bedenkt, was er an uns getan hat; mit Furcht und Zittern preist und rühmt ihn.“

Der Lobgesang des Tobias ist kein fröhliches, ungetrübtes naives Rühmen und Loben, sondern eines mit „Furcht und Zittern.“

„Alles wird gut“ passte gut unter oder über den Regenbogen, aber „Alles wird gut“ hat nicht die ganze Geschichte des Bogens erzählt; nicht den Beginn der Sintflut. Tobias lobt unsicher, fragend – denn er hat erleben müssen, wie ihm alles Lebensnotwendige entzogen wurde: Gesundheit, Nähe, Anerkennung. Er bleibt auch im Vakuum bei Gott – wie die Namensgeber anderer biblischer Bücher: Hiob, Jeremia, Jesaja – auch wie Jesus.

Glauben für Fortgeschrittene – denke ich. Widersprüche, Paradoxe aushalten im Gespräch mit Gott: „Warum hast DU…?“

Loben mit Furcht und Zittern. Und es ist trotzdem ein Lobgesang. Denn wir wissen, dass Gott hört, wenn wir rufen – Exaudi:„Höre, Gott, meine Stimme – wende mir zu dein Angesicht!“ Deshalb beten wir heute mit dem Psalm: „Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?“

Ein Lobgesang mit Furcht und Zittern – Vertrauen, Glauben steht gleich neben der Angst, dass wir verlassen, gott-verlassen sind. Das ist die Angst der Jünger an Himmelfahrt, die ein Leben mit Jesus hier kannten: verlassen zu sein. Sie brauchen den Geist als Tröster. „Exaudi ist eine Hängepartie. Für die Jünger, für die Gemeinde und für Predigende.“

Jung noch war Sören Kierkegaard. als er versuchte seinen Glauben und seine Philosophie in einem kleinen Buch aufzuschreiben. Er denkt, fühlt und benennt die Widersprüche: Gnädig und allmächtig ist Gott, verborgen und zugewandt. Kierkegaard lässt das unterschiedliche Erleben Gottes stehen und gelten. „Glaube beginnt gerade da, wo das Denken aufhört.“ schreibt er und nennt sein Buch: „Furcht und Zittern.“

Sonntag Exaudi – Höre Gott! Die Bitte bleibt stehen, denn erst Pfingsten ist Ende des Vakuums und wird das Versprechen von Himmelfahrt eingelöst: Es wird der Tröster kommen, das ist der Geist!

 

Foto: Sabine Zorn

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