Gemeinschaft mit Gott und untereinander

Die Predigt zu Kolossser 2, 12-15 wurde von Diakonin Barbara Neudeck zum Sonntag Quasimodogeniti bei der Eucharistiefeier des Berneuchener Dienstes Konvent Baden-Württemberg in Stuttgart gehalten.

Liebe Gemeinde,

Ein Artikel der TAZ vom vergangenen Wochenende lautete: „Die deutsche Fehlerkultur erlebt ihre Karwoche“. Die Autorin, Doris Akrap, zielt daraufhin ab, dass deutsche Politiker in dieser Woche das Entschuldigen für sich entdeckt haben. Ob allerdings allein die Entschuldigung für die Herstellung der Reputation ausreicht, entscheidet man aber keinesfalls selbst.

Weiterhin schreibt sie, „dass die Idee der Gnade überhaupt in die Welt kam, das feiern die Christen seit Ostern.“ Es sei ein historisches Ereignis, das die Zeitenwende einläutete in eine Zeitrechnung vor Christi und nach Christi. Die Wende besteht nicht weniger und nicht mehr in der Neubewertung von Sünde und Schuld, von Fehler und Verantwortung als ein neues Zeitalter der Gnade. Mit der Auferstehung Jesus wird die Schuld entschuldbar.

Für die Politiker und auch für uns. Allerdings geht das nicht ohne die innere Kehrtwende – das ist unser Anteil daran. Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen.  Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.
Und damit liegt die Journalistin in vielen Teilen mit unserem Predigttext überein.

Predigttext: Kolosser 2, 12–15
12Mit Jesus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Alles andere, die Entschuldung und die Gnade, liegt nicht in unseren Händen. Dieses ist uns aber mit der Auferstehung Jesu versprochen worden.

Die fünf Versprechen der Gnade Gottes:

1. Der Tod wird zur Hoffnung
In der Taufe wurden wir begraben.
Die Taufe entspricht dem Begraben werden. Begraben werden: symbolisch verdeutlicht durch das Untertauchen des ganzen Menschen ins Wasser, so wie es früher üblich war. In der Taufe wird die Beerdigung des Menschen gefeiert, der im Machtbereich des Satans gefangen war. Ein Machtbereich in dem kein freies Leben möglich ist. Untertauchen in den Tod: wo kein Atmen und Leben für uns Menschen möglich ist.
Wir wurden: das ist nichts, was wir getan haben – „wir wurden begraben“ – passiv! Gott hat an uns getan: begraben und auferweckt. Vom Tod und Dunkel neu geboren.
Aber gleichzeitig bedeutet Wasser Reinigung. Der Schmutz, die Schuld, wird abgewaschen und ist begraben. Oder wie Paulus sagt: der alte Adam, die alte Eva sind gestorben; siehe, eine neue Kreatur ist geworden.

2. Das Leben und der Glaube wird geschenkt
In der Taufe wurden wir mit ihm auferweckt. Ein Kind wird geboren, es gebiert sich nicht selbst. Vom Wasser zur Luft, zum Lebensatem. Wie eine Geburt. So heißt auch unser Sonntag Quasimodogeniti: wie die neu geborenen Kindlein.
Auch hier geschieht etwas mit dem Menschen, der selbst passiv bleibt. Gott schenkt das neue Leben. Gott schenkt den Glauben. Der Mensch wird in das Reich Gottes, in den Machtbereich Gottes, gestellt. Hier ist freies Leben möglich. Der Glaube ist keine Ideologie, die man sich zu eigen macht, kein Verein, zu dem man beitritt. Durch die Taufe gehören Christen zu Gott, wie die Juden durch die Beschneidung zu Gottes erwähltem Volk gehören.
In der Taufe handelt Gott selbst durch den heiligen Geist. Gott sagt unumstößlich sein Ja zu dir und mir. Dieses vollkommene Ja prägt mich. Das ist mein Glaube. Taufe und Glaube gehören für Paulus zusammen, so wie Tod und Auferstehung Jesu Christi zusammengehören. Eins kann ohne das andere nicht sein.

3. Die Gnade: der Schuldschein ist zerstört
Paulus beschreibt, was Tod und Auferstehung genau für uns Christen bedeutet.
Der Schuldschein, mit all seinen Forderungen wie das Gesetz es fordert, wird ans Kreuz geheftet und genagelt. Es ist gestorben, begraben, vernichtet. Dieser Teil ersteht nicht aus dem Grab. Der ist für immer zerstört.
Der Schuldschein, der unser Leben zerstört, ist zerstört. Der Schuldschein, der uns den Frieden raubt, der uns von Gott trennt, ist zerstört. Das ist Gnade. Gott selbst hat den Schuldschein zerrissen, wie er den Vorhang im Allerheiligen zerrissen hat. Da ist nichts mehr was uns von Gott trennen könnte. Gott selbst hat den Weg frei gemacht. Das ist Gottes Gnade für uns.

4. Das Leben mit Gott als die gute Wirklichkeit
Dieser Tod entlarvt das Gesicht der Macht und der Gewalten, die von sich behaupten, nur durch sie könne man in Sicherheit leben. Sie werden entkleidet und bloßgelegt.
Wie eine Mafia bedrohen sie unser Leben und garantieren uns scheinbare Sicherheiten. Und was passiert? Sie verstricken uns immer mehr in ihr Geflecht von Misstrauen und Angst. Aber Angst und Misstrauen lassen uns nicht leben.
Dank der Taufe und Gottes großem Ja, hat diese Mafia der Macht und Gewalt ausgedient.

Ich erlebe es immer wieder bei Patienten, dass angesichts der Erkrankung und der Möglichkeit des Sterbens, die kleinen Sorgen und Streitereien unwichtig werden. Die Prioritäten ändern sich. Was uns früher aufgeregt hat, ist jetzt nicht mehr relevant. Wichtig werden die lieben Menschen um einen, der Glaube und die Bewältigung des Alltags. Was trägt mich, auf was kann ich mich verlassen.

Klar, wir leben im Paradies. Wir sind noch an diese irdische schöne und grausame Welt gebunden. Und vieles macht uns Angst. Der Krieg, eine Krankheit, die Schmerzen, ein Verlust.

Aber mir geht es dabei so, dass mein Glaube mir sagt: letztendlich entscheidet Gott über mein Leben. Ein Gebet beruhigt mein Gemüt. Es hilft mir, dass ich handeln kann, etwas tun kann, was im Sinne der Nächstenliebe ist. Und wenn ich mein ganzes Vertrauen in Gott lege, fordert mich gerade dieses Vertrauen auf, zu handeln. Für den Menschen, für die Schöpfung, für den Frieden. Gerade weil ich in Christus auferstanden bin, will ich, dass andere etwas von der Auferstehungskraft mitbekommen. Aber ich bin damit nicht allein auf mich gestellt.

5. Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander
Ich bin nicht allein: die Taufe schafft Gemeinschaft, die schon vor mir da ist, die ich nicht selbst schaffen muss. Ich weiß, wohin ich gehöre. Die christliche Gemeinschaft durch den heiligen Geist – von Gott geschaffen.
Sie umgibt mich heute und hier im Gottesdienst. Schauen Sie sich um: rechts und links, vor oder hinter Ihnen: wir sind miteinander verbunden in Christus.
Eine Gemeinschaft der Getauften. Wir handeln nicht konzeptionell als Idee, sondern wir bewirken etwas durch unseren Glauben.
Auferstehungsmenschen sind freie Menschen. Wir müssen uns nicht mehr vom Versagen, von der Schuld, von der Macht oder der Gewalt bestimmen lassen. Wir tun Ungewohntes: wir tun alles, was Vertrauen bildet, Freiheit schenkt und den Glauben stärkt; durch Gott, der uns in Jesus Christus auferstehen lässt. Gott sei ewig Dank.
Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Foto: pixabay.com