Misericordias Domini – Der gute Hirte

Liebe Gemeinde,
sind Sie nachtragend? Naja, auf so eine Frage wollen wir immer gerne „nein“ sagen. Wer will schon nachtragend sein! Man will doch lieb und gut sein, vergeben und wieder ein gutes Verhältnis zueinander haben: da ist das Nachtragen eher hinderlich. Das Nachtragend-sein wird verstanden als: „Dem verzeihe ich seine Worte oder Verhalten nie!“ „Das hat mich so verletzt, der soll das auch zu spüren bekommen!“ Man wendet sich ab, bricht für eine Weile die Beziehung ab.

Aber ich versichere Ihnen: Nach diesem Gottesdienst wollen Sie nachtragend sein.

Aber hören wir den Predigttext:
Joh. 21, 15-17+19b (HfA):
15 Nachdem sie an diesem Morgen miteinander gegessen hatten, fragte Jesus Simon: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich mehr als die anderen hier?« »Ja, Herr«, antwortete ihm Petrus, »du weißt, dass ich dich lieb habe.« »Dann sorge für meine Lämmer«, sagte Jesus.
16 Jesus wiederholte seine Frage: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich?« »Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich lieb habe«, antwortete Petrus noch einmal. Da sagte Jesus zu ihm: »Dann hüte meine Schafe!«
17 Und ein drittes Mal fragte Jesus: »Simon, Sohn von Johannes, hast du mich lieb?« Jetzt wurde Petrus traurig, weil Jesus ihm nun zum dritten Mal diese Frage stellte. Deshalb antwortete er: »Herr, du weißt alles. Du weißt doch auch, wie sehr ich dich lieb habe!« Darauf sagte Jesus: »Dann sorge für meine Schafe!
19b Dann forderte Jesus ihn auf: »Folge mir nach!«

Liebe Gemeinde,
es ist eine nachgetragene Erzählung. Irgendwann später wurde diese Geschichte dem Johannesevangelium zugefügt. Eine Erzählung, die von dem nachtragenden Jesus erzählt.

Der auferstandene Jesus isst mit den Jüngern am Strand von den gefischten Fischen. Es ist das dritte Mal, dass Petrus Jesus sieht. Wie mag es Petrus gehen? Es gibt etwas, das zwischen Jesus und ihm steht. Er hatte Jesus nach dem letzten Abendmahl 3 x verleugnet, obwohl er ihm versprochen hat, ihm überall hin zu folgen. Er hat es sicher getan, um sein Leben zu retten – wer mag es ihm verdenken. Ich weiß nicht, wie ich in der Situation gehandelt hätte. Und Petrus wird sich gefragt haben, ob Jesus überhaupt noch mit ihm zu tun haben möchte. Eine Verleugnung, ein Verrat, ist ein Bruch in der Beziehung. Das Vertrauen ist gestört.

Und dreimal fragt Jesus: „Liebst du mich?“ Sogar einmal im Vergleich zu den anderen: liebst du mich mehr als die anderen.
Eine Liebeserklärung, die freiwillig gegeben wird, ist wunderbar. Wenn sie eingefordert wird, kann es bedrängend sein. Vor allem, wenn man sich nicht sicher ist. Vor allem, wenn etwas vorgefallen ist. Und es macht noch mehr Stress, wenn man noch mehr lieben soll als die anderen.

Aber ich sehe noch etwas:
Jesus fragt nicht: „Warum hast du das getan?“ Wie konntest du nur, mich so verleugnen“ Er macht ihm keine Vorwürfe. Er fordert keine Erklärung. Er will auch keine Rechtfertigung hören.
Aber Jesus macht den ersten Schritt, um die Beziehung zu klären. Er fragt: „Wie stehst du zu mir? Liebst du mich?“ Und er nennt ihm beim Namen Simon. Jesus sieht ihn als Mensch, der Fehler macht. Er behaftet ihn nicht mit seinem Namen Petrus, ein starker Fels. Auch ein Simon darf schwach sein.

Früher hätte Simon als Petrus sofort geantwortet: „Natürlich liebe ich dich! Niemand liebt dich mehr als ich, ich bin der Erste und der Beste!“
Aber seine Erfahrung der Verleugnung hat ihm gezeigt, wie menschlich er ist. Er vergleicht sich nicht mehr mit anderen, er hat ein realistisches Bild von sich: „Ja, du weißt, ich habe dich lieb.“ Und er überlässt Jesus das Urteil über die Qualität der Liebe.
Jesus wendet sich dem zu, der den Mut verloren hat, der nicht besser ist als die anderen.
Und das ist ein ganz wichtiger Teil der Osterbotschaft: die Botschaft des Wiederaufstehens. Jesus trägt die Liebe nach.  Er ist nachtragend im österlichen Sinn. Er geht auf Simon zu. Jesus geht auf mich und dich zu. Er baut Brücken und stellt die Beziehung wieder her. Deswegen fragt er nicht nach dem Versagen. Das drückt den Menschen nieder. Er fragt nach der Liebe, nach dem, was uns trägt. Das richtet uns auf. Das lässt uns aufstehen – auferstehen, neu leben.
Das ist das Leben: Es gibt schwere Situationen und Niederlagen, aber wir dürfen danach wieder aufstehen. Gott will das Leben und will, dass wir das Leben in voller Genüge haben.
Das macht es uns möglich, anders und neu mit dem Scheitern und dem Versagen umzugehen. Und nimmt uns den Druck alles zu können, alles zu leisten, keine Fehler machen zu dürfen. Womöglich alles noch besser zu machen als die anderen!

Den ganzen Konkurrenzkampf, wer Jesus am meisten liebt oder wer der beste Christ ist, können Petrus und wir uns sparen.

Jesus fragt nach der Liebe und bietet gleichzeitig seine Liebe an. Er trägt uns die Liebe nach. Er bricht den Kontakt nicht ab, sondern nimmt den Kontakt zu uns wieder auf. Das ist Gottes Barmherzigkeit: das ist misericordias domini.

Diese nachtragende Liebe hat Folgen. Denn wir können gar nicht anders. Wer geliebt wird, wer sich freut, der will es teilen. Nachtragende Liebe wird zur tragenden Liebe.
Jesus übergibt Petrus eine Aufgabe: Weide meine Lämmer.  Kümmere dich um die Jünger und Jüngerinnen, um die Gemeinschaft.
Jetzt erst ist aus Simon Petrus geworden. Er hat erlebt, wie Jesus auf ihn zuging und in einer Offenheit die Beziehung wiederherstellt hat und ihm sogar Verantwortung überträgt. Petrus wird sich immer daran erinnern und seine Mitmenschen auch so behandeln. Er wird nicht die Leistung in den Vordergrund stellen, sondern die Liebe. Er wird andere nicht am Versagen messen, sondern die Hand zum Wiederaufstehen reichen. Es braucht nicht die Superchristen, es braucht die „Liebe nachtragenden“ Christen. Wenn jemand weiß, wie menschlich er ist, desto besser kann er die anderen Menschen verstehen. Weil Petrus bei Jesus eine gute Beziehung und Führung erlebt hat, kann er anderen Menschen gute Beziehung und Führung anbieten.

Petrus Schwäche zeigt ihm die wirkliche Stärke: die nachtragende Liebe. So wird das Amt des Petrus zu einem Hirtenamt.
Und mit Petrus lernen wir das Hirtenamt füreinander: die Verantwortung füreinander in der nachtragenden Liebe.
In diesem Sinne, lade ich Sie ein, nachtragende Christen zu sein, denn Gottes Liebe trägt uns.
Gott sei ewig Dank. Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Idee des Nachtragens stammt von Pfr. Hanna Hartmann – ich habe es weiter ausgeführt
Bild: bekannt