Abrahams Berufung

Predigttext zum 5. Sonntag nach Trinitatis – Genesis 12,1-4a
Abrams Berufung und Zug nach Kanaan
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Liebe Schwestern und liebe Brüder,
Abraham – jede und jeder von uns verbindet mit diesem Namen und dieser Gestalt einiges, oft geht dies zurück bis in den Kindergottesdienst.
Im Dialog mit dem Judentum und dem Islam ist die Gestalt von Abraham von grundlegender Bedeutung: Im Judentum gilt er als „Vater des jüdischen Volkes“, im Christentum als „Vater des Glaubens“ und im Islam als „Vertrauter Gottes“.
Die Bibel erzählt uns von Abraham, eigentlich hieß er damals noch Abram. In der hebräischen Sprache heißt der Name so viel wie „hoher, erhabener Vater“. Dabei war Abram gar kein Vater, er und seine Frau Sara hatten keine Kinder. Das war vielleicht die größte Sorge von den Beiden, dies bedeutete auch keine Erben, niemand der den Namen und Hab und Gut weiterführt. Vielleicht haben sie darum den Neffen Lot angenommen, aber das weiß man nicht so genau. Sie verfügten über viel Besitz, zu ihrem Haushalt gehörten zahlreiche Mägde und Knechte.

Es wird erzählt, dass Abram mit seinem Vater, seiner Frau Sara und Lot in die Stadt Haran gekommen war. Dort lebten sie und Abram war inzwischen 75 Jahre alt. Heute würden wir vielleicht sagen, dann blickst du auf ein langes Leben zurück und fängst nichts Neues mehr an.
Es passiert aber das Erstaunliche: Abram wird angesprochen von Gott. Wir wissen nicht. Ob im Traum oder in seinem Alltag, aber wir ahnen, vielleicht wissen wir auch, dass dies nur möglich wird, wenn ein Mensch dafür offen ist, achtsam und hörsam.

Sieger Köder, der katholische Künstler – Pfarrer hat uns einen solchen Abram gemalt.Wir teilen Ihnen nun eine Karte aus (Anm.: siehe Beitragsbild) und ich lade Sie ein in aller Stille erst einmal diesen Abram zu betrachten…

Da steht er sozusagen vor uns, ganz geöffnet Gesicht, Hände und sicher auch sein Herz. Abram lebt direkt und einfach in der Gegenwart Gottes. Gott kennt seine und unsere Sorgen, Gedanken, Hoffnungen, Ängste und Träume. Abram schaut zu Gott auf, ist umhüllt mit seinem Gebetsschal. Er vertraut, dass Gottes Wort gilt, dass für Gott nichts unmöglich ist.
Und Gott spricht zu ihm: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“

Eine andere Übertragung ist möglich, sie ist von Rabbi Zushya: „Geh zu dir selbst, lass alles hinter dir, was dich zu einem Opfer der sogenannten Umstände macht und mach dich auf den Weg zu dir selbst, denn nur da wird Freiheit geboren, praktiziert und durchgehalten. Mach dich auf den Weg zu der, die zu sein sollst; zu dem, der du sein sollst.“

Und Abram verlangt keinen Beweis, er geht tatsächlich mit seiner Frau und Lot, mit seinen Mägden und Knechten, mit seinem Vieh und allem, was ihm gehört, sie gehen wirklich, getragen von der Verheißung Gottes.
Denn Gott gab Abram ein Versprechen: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
Gott will Abram segnen. Das Wort „segnen“ kommt in unserem kurzen Textabschnitt fünfmal vor. Segen wird in der hebräischen Bibel einerseits konkret, materiell verstanden.Er ist eine Ausstattung mit Kraft und Fruchtbarkeit, zum Gedeihen, mit Glück, Gesundheit, Fülle und Wohlstand. Andererseits bedeutet der Segen, ein Mit-sein-Gottes, eine Verheißung, von Gott nie verlassen zu werden, Gott beschützt Abram vor denen, die ihn verfluchen werden.
Gesegnet werden mit Abram, drei Gruppen:
1. Er selbst mit Sara und Lot,
2. die, die mit Abram in Kontakt stehen und
3. durch Abram alle Völker.

Diese Segenszusage an Abram wird besonders auf das Volk Israel übertragen. Für Gott ist kein Menschenweg zu weit. So könnte man beschreiben, wie Gott im Leben Abrams seinen Segen wirksam werden lässt. So können wir folgern: Menschenwege sind verwoben mit Gotteswegen. Kein Umweg Abrams ist Gott zu weit, den Gott nicht bereit wäre mitzugehen. Das macht die Geschichte Gottes mit Abraham so menschlich. Abram ist kein heroisches Vorbild, dem wir uns sozusagen im Glauben respektvoll unterzuordnen hätten. Er hat zutiefst menschliche Züge. Wenn wir weiterlesen wird z.B. deutlich er ist auch ungeduldig, er will den Segen Gottes wirken sehen.

Mit der Geschichte von Abraham und Sara beginnt eine ganz neue Phase in der Beziehung zwischen Gott zu seinen Menschen.
Es ist sozusagen eine neue Welt, die mit Abraham und Sara in die Welt gerufen wird die Welt des Segens. Gott segnet den Menschen und schenkt den Menschen die Fähigkeit seinen Segen weiter zu geben Und dieser Segen wirkt durch die Jahrhunderte, er ist gebunden an die Beziehung zwischen Gott und Menschen, also an Gehorsam und Treue.

Jesus steht in dieser Tradition und dieser Segen kommt auch zu uns und durch uns zu anderen Menschen. Wort, Geste und Handlung gehören untrennbar zusammen, aber nicht aus uns, Gottes Gabe ist es.

Verstehe ich das richtig in der Nachfolge der Segensverheißung an Abraham sind Juden, Moslem und Christen eigentlich gemeinsam unterwegs, durch sie soll in der Welt erkennbar werden, was es heißt, wenn Gott zu Abraham spricht: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein?“ Amen.

Predigerin: Suse Rieber (BD)
Bild: Sieger Köder