Lieber Schwestern und Brüder,
Heute Morgen haben wir uns mit dem Urbild des Menschen, der von Gott erschaffen wurde, und damit die innige Beziehung zwischen Gott und Mensch, ähnlich wie zwischen Mutter und Kind. Doch mit der Übertretung des Gebots „von diesem Baum sollst du nicht essen“ kam der erste Bruch in diese Gemeinschaft von Gott und Mensch. Eine metaphorische Erklärung dafür, dass wir nicht mehr im Paradies sind, zusätzlich auch nicht mehr in der ursprünglichen Einfältigkeit, sondern mit dem gespaltenen Wissen um Gut und Böse.
Dieses Wissen um Gut und Böse aber verhinderte nicht dem Mord des Kain an Abel.
Die Sehnsucht nach der Verbundenheit, nach der Einheit mit Gott bleibt. Aber es bleiben ebenso in uns die Anteile Kains und Abels in uns, dass wir Täter und Opfer sein können.
Auch Gott macht nicht einfach alle rückgängig oder alles heile. Er zeigt Kain aber einen Weg damit zu leben. Leben mit der Schuld an seinem Bruder, indem Gott ihn zeichnet. Ein Zeichen, dass er unantastbar ist, ein Zeichen, dass er dennoch zu Gott gehört. Bei Gott geht es also nicht: Auge und Auge, sondern immer wieder um Barmherzigkeit und Vergebung.
In der Bibel gibt es viele Geschichten, die um Rivalität, Eifersucht und Neid und von Schuld handeln: z.B. in der Geschichte von Josef und seinen Brüdern.
Und wir selbst kennen diese Emotionen, wir kennen das Gefühl die die Schuld uns auflädt. Wir gehen wir mit der Schuld um? Wie mit unserer Sehnsucht nach diesem Urbild, so wie Gott es sich von Anfang an uns gedacht hat? Ist es eine Illusion, die wir nie erreichen können? Wie geht das mit den Vergeben, Versöhnen – auch das Versöhnen mit sich selbst. Ist das ein möglicher Weg?
Nehmen Sie Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Sie alle kennen die Geschichte. Josef wird als Sklave nach Ägypten verkauft. Aber Josef ist schlau und gewandt und wird Stellvertreter des Pharaos. Er meistert durch Vorsorge die prophezeite Hungersnot. Jakob Söhne sollen in Ägypten Getreide kaufen. Josef erkennt sie, aber gibt sich ihnen nicht zu erkennen und bezichtigt sie der Spionage. Nach vielen Hin und her bringen die Brüder Benjamin zu ihm, als Beweis, dass sie ehrlich sind. Sie sind sogar bereit sich als Sklaven anzubieten Erst da gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und vergibt ihnen. Denn er erkennt Gottes gewundenen Wege zur Rettung seiner Familie und damit seines Volkes. Jakob kommt, samt Anhang und Vieh, schließlich auch nach Ägypten.
Als Jakob nach 30 Jahren in Ägypten stirbt, fürchten die Brüder sich wieder vor Josef 19Aber Josef sagte zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa Gott?20Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet. Er wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten.
Josef erleidet Verrat, Erniedrigung und Todesangst durch seine Brüder. Das sitzt tief in ihm. Er braucht selbst einen langen Weg, bis er vergeben kann. Er muss sie neu kennen lernen, und ihren Character prüfen. Haben sie sich verändert? Bis er sich zu erkennen gibt, vergehen ca. 2 Jahre. Josef braucht Zeit, um wahrzunehmen, was diese Erfahrung als Opfer mit ihm gemacht hat. Aber er ist auch Täter, indem er die Brüder hinhält, sie unschuldigerweise der Spionage und des Diebstahls bezichtigt.
Josef braucht Zeit, um Gottes gewundene Wege und sein Ziel zu erkennen.
Als Mensch leben, heißt schuldig werden. Wo wir Menschen atmen, reden, handeln oder es unterzulassen zu handeln, passiert es immer wieder, dass wir die Freiheit, die Rechte oder die Würde eines anderen Menschen verletzen.
Vergebung und Versöhnung – wie geht das?
Erzbischof Desmond Tutu rief seinen jahrzehntelang brutal unterdrückten Landsleuten1999 zu: „No future without forgiveness!“. Es gibt keine Zukunft ohne Vergebung
Durch Vergebung entsteht Versöhnung
Petrus trat zu Jesus und sprach: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal mal siebenmal, also 490 mal. Jesus gibt Petrus aber keine Rechenaufgabe, sondern macht deutlich, dass Vergebung nicht begrenzt ist.
Vergebung ist keine Herablassung zum anderen. Vergebung ist eine Haltung. Vergebung ist eine Entscheidung. Es gibt ein Zitat von einem Unbekannten: „Wenn dich jemand verletzt, und er bittet dich um Verzeihung, dann vergib ihm seinetwillen. Bittet er dich nicht um Verzeihung, vergib ihm um deinetwillen“.
Ja, wir sind auch Täter. Ich hatte einen Kollegen, der mich zur Weißglut bringen konnte, da er sich immer wieder über Grenzen hinwegsetzte. Da erlebte ich mich von einer anderen Seite: hart, unnachgiebig, bissig, ja zuweilen gemein – vor allem in Gedanken. Aber so was kommt ja beim Anderen auch an. Als ich das erkannte, tat sich vor mir, gefühlt, ein bodenloser Abgrund auf – voller Scham über meine Gedanken und mein Verhalten. Ich musste mich damit auseinandersetzen und mich aushalten. Wie ging es weiter? Ich war damals in Therapie und konnte mich damit auseinandersetzten. Der Kollege und ich bekamen eine Supervision – eine große Chance für mich, für das zu kämpfen, was mir wichtig war. Und es gab mir die Freiheit mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und sie gut zu machen. Ich konnte ihn mehr oder weniger loslassen, denn ich war nicht verantwortlich für ihn, sondern der Dekan.
Dass Vergebung zwischen Menschen dennoch nicht selbstverständlich ist, macht die jüdische Philosophin Hannah Arendt deutlich, wenn sie Vergebung als ein Wunder bezeichnet, ein Wunder des Neuanfangs, das einer Geburt vergleichbar ist (Arendt, 1992, 231-238). Durch die Vergebung findet gleichsam eine doppelte Entlastung von der Vergangenheit statt. Der Täter wird nicht auf seine Tat reduziert, sondern kann als Mensch gesehen werden. Das Opfer kann aus der gewährten Vergebung aus der Opferrolle heraustreten und Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen
Vergeben braucht Zeit, sich seinen Dämonen zu stellen, braucht Zeit, so wie Josef es brauchte. Vertrauen wieder herzustellen, braucht Zeit. Eigenes Handeln und Gedanken reflektieren und ansprechen, evtl. das eigene Verhalten ändern – auch das ist recht schwierig. Ins Gespräch kommen, miteinander reden, Reue zeigen und um Vergebung bitten, denn Vergebung kann ich nicht erzwingen.
Ich war mal mit einer guten Freundin im Urlaub, der ging gründlich schieflief. Sie hegte einen Groll gegen mich, aber wollte nicht darüber reden. Danach rief sie 3 Jahre hintereinander an und bat mich um Vergebung, ohne zu sagen, was war. Ich sagte es ihr zu. Welchen Mut hatte sie, das zu machen! Und ich konnte ihr gut vergeben, auch wenn ich über die verlorengegangene Freundschaft trauerte. Denn damals ich war frisch verliebt und schaute in eine gute Zukunft.
Vergeben und Loslassen ist nicht einfach, wir erinnern uns an die Verletzungen, die wir erfahren haben, aber wir können sie verblassen lassen, ihnen nicht mehr Gewicht geben – auch das braucht Zeit.
Es ist auffällig, dass Jesus ausgerechnet immer dann, wenn es um dieses schwierige Thema der Vergebung geht, so kompromisslos zur Versöhnung aufruft. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Jesus war ein Menschenkenner und keineswegs blauäugig. Er selbst wusste, was Vergebung kosten kann, aber er wusste gleichzeitig, dass der Preis eines unversöhnten Lebens noch viel höher ist.
In Jesus sehen wir die Versöhnung, aber auch die Gerechtigkeit in Person. All sein Handeln und Reden ist darauf gerichtet, den Menschen, den barmherzigen, gütigen Gott nahe zu bringen. Gott, der sich nach dem Menschen sehnt, nach ihm sucht, ihm nachgeht, in mit Freuden aufnimmt, wenn er zu ihm zurückkehrt. Jesus sagt: So wird auch im Himmel- also bei den Engeln – Freude herrschen über einen Sünder, der zu Gott umkehrt – mehr als über neunundneunzig Gerechte.
Jesu Handeln ist heilendes Geschehen: heilend in Sinne von einem ganzheitlichen Heil auf allen Ebenen. Er heilt Kranke und sagt „dein Glaube hat dir geholfen“. Er verbindet die Menschen neu mit dem Göttlichen. Durch Jesu Tod, den er bewusst ohne Machtdemonstration oder Gegengewalt erlitten hat, und seiner Auferstehung, ist die Trennung zu Gott aufgehoben. Selbst am Kreuz bietet er mit den Worten: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ Versöhnung an.
So wird Jesus zur lebendigen Ikone Gottes. In der Nachfolge und im Glauben haben wir an diesem Urbild Anteil. Wir sind nicht nur Täter und Opfer, sondern tragen Gott in uns, durch seinen heiligen Geist. Näher kann uns Gott nicht sein. Wir bleiben menschlich, aber wir sind Kinder Gottes. So werden wir immer wieder neu versöhnt mit Gott: im Mahl, in der Gemeinschaft, im Singen und Beten. Im Handeln und Reden. So können wir Versöhnung weitergeben, Versöhnung leben.
Und das ist es, was Gott sich für uns wünscht: Frieden für Seele und Leib und ein versöhntes Leben mit ihm und untereinander. Amen, Gott sei Dank.
Predigt zu Michaelis 2026 Berneuchener Dienst – Konvent Süd im Diak Stuttgart
Predigerin: Barbara Neudeck (BD) Diakonin
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