Liebe Geschwister!
Wir werden weniger und ärmer. Wir – das meint die evangelische Kirche in Deutschland. Christinnen und Christen aller Konfessionen zusammen, auch mit den Freikirchen machen in Deutschland aktuell nur noch ungefähr 46% der Gesamtbevölkerung aus. Die Gruppe der konfessionslosen Menschen ist mit ca. 50% der größte Teil der Bevölkerung.
Dass wir immer weniger Mitglieder und damit auch immer weniger Geld in den Gemeinden haben, bereitet einigen Menschen ziemliche Probleme. Die Ratlosigkeit ist groß. Manche Gemeinden scheinen wie in einer Depression gefangen zu sein, andere kommen aus dem Jammern kaum noch heraus, manche beschwören die gute alte Zeit.
Der katholische Theologe Jan Loffeld hat dazu ein sehr lesenswertes Buch mit dem schönen Titel geschrieben: Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt.
Untersuchungen haben ergeben, dass nicht-gläubigen Menschen tatsächlich nichts fehlt. Sie sind nicht unglücklicher als gläubige Menschen. Sie verhalten sich auch nicht schlechter. Sie sind genauso anständige, zufriedene Menschen wie Christinnen und Christen.
Dieser Befund stellt unsere christliche Lebensform ganz schön infrage.
Was haben wir davon, dass wir Christ oder Christin sind, wenn es doch keinen Unterschied macht, ja, wenn es sogar immer mehr Menschen gibt, die sich aktiv gegen das Christsein entscheiden?
Und: wie gehen wir damit um, dass die Säkularisierung immer weiter voranschreitet und wir – gleichsam einem Naturgesetz folgend – immer weniger werden?
Hocken wir wie das Kaninchen vor der Schlange und warten auf unser Ende?
Oder verfallen wir in Aktionismus: Wenn wir nur schönere Gottesdienste feiern, auf Social Media aktiv sind, interessantere Angebote für Jugendliche machen, dann werden die Menschen schon zu uns kommen.
Doch so ist es nicht.
In unseren Gemeinden und im Religionsunterricht passiert unglaublich viel gute Arbeit. Viele engagieren sich über ihre Belastungsgrenze hinaus. Doch solange wir versuchen, den Erfolg kirchlicher Arbeit in Zahlen zu messen, werden wir in der aktuellen gesellschaftlichen Situation immer wieder nur feststellen, dass wir scheinbar keinen Erfolg haben. Die Zahlen werden weiter zurückgehen. Soziologen können das alles ziemlich genau berechnen.
Wir sollten das ganz nüchtern zur Kenntnis nehmen und erst einmal entspannen. Schluss mit Aktionismus. Schluss mit den Selbstzweifeln.
Ja, das Christentum ist in Deutschland und einigen anderen westeuropäischen Ländern in einer angefochtenen Situation, doch das war das Christentum schon öfter in seiner langen Geschichte.
Eigentlich war das Christentum von Anfang an in der Krise.
Schon im 2. Jahrhundert wurden vormals florierende Gemeinden instabil. Das, was sie erhofft hatten, die baldige Wiederkunft Christi, ist nicht eingetreten. Lag es am Glauben, der zu schwach war? Lag es an mangelnder Aktivität der Gemeinden.
Manche wussten nicht mehr recht, wofür es sich lohnt zu glauben.
Der Brief an die Hebräer, ein relativ spätes Buch des Neuen Testaments, ist in so eine Situation hinein verfasst worden. Der Text wurde geschrieben für eine Gemeinde, die ehemals vorbildlich war, nun aber in Bedrängnis gekommen ist.
Der Schreiber hat sich sicher viele Gedanken gemacht, als er seinen Text geschrieben hat. „Wie kann ich der Gemeinde den Glauben stärken? – Ja, ich werde ihnen die Grundlagen des Glaubens darlegen.“ Und so hat er lang und breit und relativ komplex theologische Grundsatzfragen erörtert – 12 Kapitel lang.
Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir vor, dass er nach dieser ausgefeilten und durchdachten Abhandlung seinen Text genommen und ihn jemand anderem gezeigt hat.
„Hier, schau her, ich erkläre ihnen, worum es im Glauben geht. Ich habe es auf die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Wenn sie das verstehen, dann wird sie das ganz bestimmt stärken. Ich erinnere sie an das Heil, das sie mit der Taufe empfangen haben. Und dann vergleiche ich die Gemeinde mit dem wandernden Gottesvolk. Das war auch angefochten und wurde von Gott 40 Jahre durch die Wüste geführt. Das ist doch total anschaulich und tröstlich.“
Hm, hm.
„Auf das Zentrum des Glaubens gehe ich natürlich auch ein: Jesu Leiden und Sterben. Er hat uns erlöst. Wir sind frei. Wenn sie sich wieder auf diese Wurzel besinnen, dann stärkt sie das doch ganz bestimmt. Oder?“
Hm, hm.
Schweigen.
Räuspern.
Also, willst du eine ehrliche Rückmeldung?
Das ist alles total wichtig, was du geschrieben hast, aber auch ziemlich abgehoben.
Die brauchen keine hohe Theologie, sondern die Geschwister in der Gemeinde wollen wissen, wie sie das alles konkret im Alltag umsetzen sollen.
Glauben denken ist das Eine, aber Glauben leben – das ist es, wozu gerade Impulse gebraucht werden. Die Geschwister wollen was tun. Dazu solltest du noch was schreiben. Konkrete Hinweise für den Alltag.
„Ach so?“
Und dann schreibt der Schreiber des sogenannten Hebräerbriefes das 13. Kapitel. Und das beginnt so:
1Die Liebe zu den Geschwistern
soll bestehen bleiben.
2Vergesst die Gastfreundschaft nicht.
Denn auf diese Weise haben manche,
ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.
3Denkt an die Gefangenen,
als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt.
Denkt an die Misshandelten,
denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper.
So einfach soll das mit dem Glauben sein?
Nächstenliebe üben, gastfreundlich sein, die Gefangenen nicht vergessen, an die Misshandelten denken.
Eigentlich ist das doch nichts Neues. Das Gebot der Nächstenliebe und die Goldene Regel: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.
Das ist auch gar nicht typisch christlich. Alle Religionen kennen das. Auch die Gastfreundschaft und der besondere Schutz für die Schwachen, die Misshandelten und die Reisenden findet sich in allen Religionen.
Was auffällt: Es geht nicht um Mitleid. Das wollen viele auch gar nicht haben. Sondern es geht um echte Empathie. Man soll den Hilfsbedürftigen auf Augenhöhe begegnen. Denn man könnte selbst genauso in diese Situation kommen. Weil ich genauso verletzlich bin wie du, darum trage ich Sorge für dich. Heute trifft dich ein Schicksalsschlag, morgen könnte ich es sein.
Wann kommen Menschen sich wirklich nahe? Dann, wenn sie sich in ihrer Schwäche begegnen. Wenn wir immer nur stark sein wollen, dann übersehen wir allzu leicht die, die im Moment nicht stark sind.
Und dort, wo wir uns unsere Verletzlichkeit zeigen, dort entsteht Resonanz. Dort nehmen wir uns gegenseitig als Menschen wahr. Diese Resonanz ist essenziell für unser Menschsein.
Diese Resonanz ist nicht abstrakt, sie entsteht nicht im Kopf durch fromme Gedanken, sie ist auch kein Gefühl, sondern sie ist ein Ereignis zwischen zwei oder mehreren Personen.
Die Bibel erzählt reichlich von solchen Begegnungen.
Die beiden Jünger, die traurig von Jerusalem nach Emmaus gegangen sind. Dann kommt Jesus dazu. Sie erkennen ihn nicht. Aber im Nachhinein sagen sie: Brannte nicht unser Herz.
Oder Abraham im Hain Mamre. Er bekommt Besuch von drei Männern. Sie essen miteinander und reden. Ein intensives Gespräch. Die Tradition hat aus dieser Begegnung die Begegnung mit Engeln gemacht.
Oder die Geschichte von Ruth und Noomi. Die tiefe Begegnung von Schwiegertochter und Schwiegermutter: Wohin du gehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott! – Das ist übrigens eine Resonanzbegegnung über Volks- und Religionsgrenzen hinweg.
Wir erzählen unsere besonderen Resonanzbegegnungen anders als die biblische Tradition, meist erzählen wir sie wahrscheinlich gar nicht, aber sie bleiben uns in Erinnerung. Es gibt diese Begegnungen mit Menschen. Oft ereignen sie sich im Alltag in der Schule, im Büro, am Esstisch – wo auch immer. Sie geben dem Leben eine besondere Note.
Es gibt diese Begegnungen auch mit dem in Jesus Christus Mensch gewordenen Gott – in der Eucharistie oder im Gebet oder wenn wir gesegnet werden.
Wir als Kirche werden weniger und ärmer – aber es braucht uns, weil Christsein im Alltag einen Unterschied macht.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat das sehr lesenswerte kleine Büchlein geschrieben: Demokratie braucht Religion. Zusammengefasst sagt er: Wir brauchen in unserer heutigen Zeit Menschen, die Empathie zeigen, die in Resonanz gehen mit anderen Menschen.
Gesellschaftliche Ausgrenzung beginnt immer damit, dass Menschengruppen als abstrakte Größen gesehen werden und nicht mehr als menschliche Individuen.
Wenn wir jeden Menschen als Menschen sehen, der so verletzlich ist wie wir, dann ist Abwertung und Ausgrenzung nicht mehr möglich.
Unsere Welt braucht Menschlichkeit mehr denn je. Unsere Kinder und Jugendlichen brauchen Menschen, die mit ihnen in echten zwischenmenschlichen Kontakt gehen und ihnen zeigen: du bist wertvoll, so wie du bist. Du bist geachtet, gesehen, du bekommst Resonanz auf deine Gedanken, auf deine Worte, auf deine Taten und deine Gefühle.
Von der bedrängten Kirche des 2. Jahrhunderts können wir lernen: Es geht nicht darum, dass wir als Gemeinden oder Gemeinschaften um unseren Selbsterhalt kämpfen. Sondern es geht darum, dass wir uns als Menschen erweisen, dass wir auf Augenhöhe den Menschen mit der Liebe begegnen, die wir empfangen haben.
Wir haben einen Auftrag:
Seid menschlich.
Denkt an die Misshandelten.
Denkt an die Gefangen.
Vergesst die Gastfreundschaft nicht.
Die Liebe soll bestehen bleiben.
Amen.
Predigerin: Dr. Sabine Bayreuther (BD) Dekanin
Foto: Pixabay



