Liebe Schwestern und Brüder,
wir Menschen machen und sagen immer wieder Sachen, die nicht in Ordnung sind – bewusst oder unbewusst. So habe ich meinem Onkel, der in Chile wohnt, aus Versehen eine WhatsApp – Nachricht weitergeleitet, die eigentlich für meine Geschwister bestimmt war und in der ich mich über ihre Einmischung in familiäre Belange ärgerte
Das war mir so peinlich und ich wolle am liebsten in den Boden versinken. Voller Schuldbewusstsein habe ich mich bei ihm entschuldigt. Er nahm meine Entschuldigung nicht an und schrieb statt mir meinen Bruder an und schimpfte unflätig über mich. Meine WhatsApp – Nachrichten blieben unbeantwortet. Ich musste das aushalten.
Ja, unser Tun hat Folgen, im Großen und im Kleinen. Nicht immer gibt es eine Lösung. Wie gerne wäre ich meine Schuld einfach losgeworden …
Unsere jüdischen Geschwister feiern ein besonderes Ritual, wo sie genau das tun.
Am Nachmittag des ersten Neujahrstages des jüdischen Festes Rosch Haschana, wird das Tashlich durchgeführt. Tashlich bedeutet wegwerfen. Dort spricht man verschiedene Buß- und Bittgebete und die Verse 18 und 19 von Micha 7. Danach stülpt man seine Hosentaschen, in die man vorher kleine Brotkrumen und Steine gelegt hat, nach außen und entleert sie vollständig, möglichst direkt ins Wasser, wodurch symbolisch die Sünden abgeschüttelt werden und in den tiefsten Tiefen des Meeres verschwinden. Denn bei Micha steht: »Du wirst all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen«.
Micha, sein Name ist Programm und bedeutet: „Wer ist wie Gott?“
Micha war ein Prophet, er lebte auf dem Land, in einem kleinen Dorf südlich von Jerusalem.
Er prangerte Ungerechtigkeiten an. Hohe Steuern führten zu Verarmung der Kleinbauern und zu Schuldknechtschaft, Bestechlichkeit und Korruption selbst bis in den Tempel hinein.
Er forderte Recht und Gerechtigkeit. Er warne vor den Folgen. Er prophezeite den Untergang und die Zerstörung des Tempels, von dem nur noch ein Steinhaufen sichtbar sein würde.
Aber die Menschen hörten nicht hin. Und so kam es, dass alles zusammenbrach und letztendlich die Assyrer einfallen konnten. Es kam zu Vertreibungen und Verschleppungen vieler Israeliten nach Babylon.
Fast das ganze Buch Micha handelt von der Sozialkritik und den schwerwiegenden Folgen für Israel. Aber eben nicht das ganz Buch: Micha ist überzeugt, dass nun alles in Gottes Hand liegt. Aber wird es Gottes Zorn oder seine Güte sein?
Ich lese aus Micha 7, 18- 20 in einer Übersetzung von Rainer Stahl, die dem Hebräischen sehr nahe kommt.
V. 18a „Wer ist, Gott, wie du? Unsere Vergehen tragend und hinweggehend über Rechtsbruch für den Rest seines Erbgutes.
V. 18b Nicht hält er fest bis zum Ende an seinem Zorn, denn Gefallen an der Güte hat er.
V. 19a Sich umkehrend erbarmt er sich unser, tritt er nieder unsere Vergehen.
V. 19b Und du wirfst in die Strudel des Meeres alle unsere Verfehlungen.
V. 20a Du wirst Treue dem Jakob geben, Güte dem Abraham,
V. 20b wie du geschworen hast unseren Vätern von den Tagen der Vorzeit her.“
Das ist eindeutig dem Volk Israel zugesagt. Durch Christus haben wir daran Anteil.
Mir fällt auf – es werden drei Begriffe der Schuld oder Sünde genannt: Vergehen, Rechtsbruch und Verfehlungen.
Vergehen: synonym auch: Übertretungen: eine Grenze wird überschritten
Rechtsbruch: Gesetzeswidrigkeit, Straftat, Rechtsbeugung
Verfehlungen: Abirrung, Fehler, Irrtümer
In dem Kontext des Michabuches wird immer in Beziehung zwischen Menschen und zwischen Menschen und Gott gedacht. Was immer ich meinem Nächsten tue, tue ich Gott an.
Ich habe gegenüber meinem Onkel einen Fehler begangen und habe eine Grenze überschritten. Lieblosigkeit ist eine Grenzüberschreitung und im weitesten Sinne ein Rechtsbruch gegen Gott, der sagt: liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.
Mit meinem schlechten Gefühl darüber habe ich viel nachgedacht. Klar kann ich Gründe sagen: ich war müde und unkonzentriert, aber das ist keine Entschuldigung. Zu einem Fehler, einer Schuld zu stehen ist ein Anfang, ein Prozess. Es beginnt mit Reue und der aufrichtigen Bitte um Vergebung. Aber ich kann keine Vergebung verlangen, sie wird von dem Anderen gegeben.
Gegenüber den 3 Begriffen der Schuld stehen 8! verschiedene Worte oder Tätigkeiten, wie Gott damit umgeht: Lassen Sie sich die Worte und Bilder auf Ihrer Zunge bzw. Seele wie Schokolade oder Eis zergehen:
1 Er trägt. Er trägt meine Vergehen, meine Grenzüberschreitungen. Ich muss sie nicht alleine tragen. Wahrscheinlich träg er sogar alles.
2 Hinweggehend über Rechtsbruch. Gott ist kein penibler Buchhalter über meine Taten, ja, er schreibt sie nicht einmal auf! Was zwischen Gott und uns steht lässt er hinter sich.
3 Er hält nicht bis ans Ende an seinem Zorn fest. Ja, Gott hat allen Grund zornig zu werden über das, was wir tun, über die Kriege, über Ungerechtigkeiten und vieles mehr. Aber er verliert sich nicht darin. Ich höre immer wieder, wie sich Familien über eine Erbschaft entzweien und nie wieder ein Wort miteinander sprechen.
Aber wie gelingt Gott das? Wie schafft er es, den Zorn zu lassen?
4 Antwort: Gott hat Gefallen an der Güte. Wie schön ist das denn! Barmherzigkeit ist befreiender als Zorn. Zuwendung ist stärker als Wut. Ob wir uns davon nicht auch inspirieren lassen können?
5 Gott kehrt um und erbarmt sich unser und nimmt uns in die Arme. Wie der Vater seinen verlorenen Sohn, wie wir im Evangelium gehört haben.
6 Niedertretend unser Vergehen. Gott tritt darauf, als wären unsere Fehler und Abirrungen aus Lehm und zerstört sie damit. Unsere Vergehen vergehen dabei. Wie Kompost verwesen sie und Neues kann wachsen.
7 Und wirft unsere Schuld in die Strudel des Meeres. Durch einen Strudel wird alles mit unglaublicher Kraft nach unten gezogen, da gibt es kein Zurück mehr. Es bleibt in den tiefsten Abgründen des Meeres für immer.
8 Treue und Gnade Gottes wie Abraham und Jakob sie erfahren haben, trotz ihrer menschlichen Schwächen und Fehler, sollen ihren Nachgeborenen folgen durch alle Zeiten. Beständig und treu ist Gott. Und in allen Zeiten und bei allem, was uns widerfährt, ist Gott bei und mit uns.
Wenn wir nun alles auf die Waagschale legen, dann wiegt Gottes Seite, seine Großzügigkeit, Gnade, seine Vergebung und sein Erbarmen, seine Güte und Treue eindeutig mehr. Darauf können wir und verlassen, denn Gott seht zu seinem Wort. So endet das Buch Micha mit einem überwältigenden Lobgesang auf Gott, dem wir uns nur anschließen können.
Und was ist nun mit meinem Onkel? Letzten Samstag habe ich mich intensiv mit unserem heutigen Text auseinandergesetzt. Abends kam eine Nachricht von meinem Onkel. Zunächst freute er sich über die Präsidentenwahl in Peru. Wir schrieben hin und her und er meinte dann: schön, dass wir wieder miteinander im Kontakt sind. Nach einer Weile schrieb er noch: „Ich habe dich lieb.“ Was ich natürlich erwiderte. So kann Versöhnung sein. Gott sei Dank. Amen.
Predigerin: Barbara Neudeck (BD), Diakonin Bild: pixabay peggychoucair



