Leben gegen den Trend

Visionen

Predigttext zum 2. Sonntag nach Weihnachten:  Jes. 61,1–3(4.9)10.11 

Die folgende Erzählung kennen Sie sicher:

Ein Mann sieht Steinmetze auf einer Baustelle. Er geht zum ersten und fragt: Was machen Sie? Er antwortet: Ich schlage Steine zu Quadern und verdiene so mein Geld.  Der Mann geht zum zweiten und fragt. Was machen Sie? Dieser antwortet: Ich bin der beste Steinmetz, ich mache Kunst. Der Mann geht zum dritten Handwerker und fragt auch ihn. Er sieht auf mit leuchtenden Augen und sagt: Ich wirke hier mit, eine Kathedrale zu Ehren Gottes zu bauen.

Dieser dritte Steinmetzt sieht nicht nur einen Sinn hinter seiner Arbeit, sondern er hat eine Vision. Er sieht, was aus dem Steinhaufen werden kann. Er sieht innerlich schon die Kathedrale und dahinter Gottes Wirken in der Welt. Und er ist ein Teil davon.

Vor ein paar Tagen haben Sie Neujahr gefeiert. Viele Menschen überdenken das alte Jahr und wünschen sich, dass im neuen Jahr manchen anders wird, besser wird, oder machen sich Vorhaben, die sie umsetzen wollen. Aber wie gelingt es, diese Vorhaben auch umzusetzen? Wie schnell zerbröseln sie an Unlust oder Zeitmangel. Zurück bleibt ein schales Gefühl.
Wie wäre es da mit einer Vision? Vision bedeutet Sehen. Etwas innerlich zu sehen – wie eine mögliche Zukunft aussehen kann.

Eine Freundin von mir ist durch den Verkauf der Firma arbeitslos geworden. Dadurch ist sie depressiv geworden. Mit Hilfe einer Therapeutin hat sie herausgefunden, dass alleine leben ihr nicht entspricht. Nun engagiert sie sich in einem Projekt für gemeinsames Wohnen. Es dauert noch eine ganze Weile, bis sie einziehen kann. Aber es beflügelt sie so sehr, dass sie wieder den Mut hat, sich auf Arbeitsstellen zu bewerben. Sie hat eine Vision, wie ihr Leben aussehen könnte, das gibt ihr Mut und Kraft.

Auch die Israeliten waren in einer Schleife der Mut-  und Kraftlosigkeit gefangen:
Die Israeliten in Babylon waren vom König Kyros befreit worden. Voller Freude und Euphorie über die Freiheit kehrten sie in ihre Heimat zurück. Natürlich wussten sie, dass Tempel und Städte zerstört waren. Und sie wussten, dass eine Menge Arbeit des Wiederaufbaus vor ihnen lag. Aber dass es dann so schleppend voranging, hatten sie nicht erwartet. Die Nachbarländer verspotteten sie und ihren wirkungslosen Gott. Sie resignierten. Ein Volk in Klage und Trauer, ein Volk in Depression. Sie sahen nur Stein an Stein. Sie sahen nicht den Tempel, der neu entstehen würde.  Sie sahen nur das brachliegende Land und nicht, was alles darauf wachsen könnte.

Hören wir Gottes Antwort im Predigttext: Jes. 61: Basisbibel:
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen und gebrochene Herzen zu heilen. Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind und ihre Fesseln gelöst werden. Er hat mich gesandt, das Gnadenjahr auszurufen. Ich soll einen Tag ansagen, an dem Gott das Unrecht wieder gut macht. Ich soll alle Trauernden trösten und den Klagenden in Zion Freude bringen.
Dann tragen sie einen Kopfschmuck, statt sich Asche aufs Haupt zu streuen. Sie salben sich mit duftenden Ölen, statt Trauergewänder anzulegen. Wo Verzweiflung herrschte, erklingen Loblieder. Dann nennt man sie »Eichen der Gerechtigkeit«, »Garten des Herrn, der seine Herrlichkeit zeigt«.
Dann bauen sie die Stätten wieder auf, die seit langem in Trümmern liegen. Ich will mich freuen über den Herrn. Aus vollem Herzen will ich jubeln über meinen Gott. Denn er umgibt mich mit seiner Hilfe, wie mit einem Kleid. Er hüllt mich in seine Gerechtigkeit, wie in einen Mantel. Ich freue mich wie ein Bräutigam, der seinen Kopfschmuck anlegt. Ich bin fröhlich wie eine Braut, die sich für die Hochzeit schmückt. Denn wie die Erde Pflanzen hervorbringt, so lässt Gott, der Herr, Gerechtigkeit wachsen. Wie ein Garten den Samen aufgehen lässt, so macht Gott unseren Ruhm groß bei allen Völkern.

Was für eine Vision, die Gott seinem Volk sendet!
Da wird einer gesandt, die Gute Nachricht an die Elenden zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden – zerbrochen daran, dass die eigenen Volksleute die Heimkehrer so schlecht behandelten, wie die fremden Mächte in Babylon. Ein Gnadenjahr wird ausgerufen, in dem alle Schulden erlassen werden. Und Juden, die durch Schulden wir Leibeigene gewordene sind, werden frei. Und ein Tag der Vergeltung wird es geben, in dem positiven Sinne, dass ungerecht Behandelte ins Recht gesetzt werden. Alle Schulden werden erlassen.
Der Freudenbote wird zu den Trauernden geschickt, denn die Trauerzeit ist vorbei. Es ist Zeit für Festzeitstimmung. Gesegnet sind die Söhne und Töchter Zions; nicht etwa, weil ihnen noch nie Unheil widerfahren ist, sondern weil sie die Trümmer ihrer Städte und ihres Lebens wiederaufbauen.
Sie lassen sich nicht unterkriegen von den Wechselfällen des Lebens, – und das hat dieses Volk wahrlich oft erlebt – sondern vertrauen auf ihren Gott. Und als Gesegnete Gottes wird man sie unter den Völkern erkennen.
Der Sprecher dieser Heilsvision kann gar nicht anders als sich freuen. Heil und Gerechtigkeit hat er selbst schon angezogen. Aus Heil und Gerechtigkeit lässt Gott die Vision wachsen.
Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Vision. Gerechtigkeit für die Armen, für die Unterdrückten, für die Kleinen und die Schwachen der Gesellschaft. Deshalb hat Gott ja auch das kleinste und schwächste Volk erwählt.
Aber Glück und Heil sind nicht individuell zu denken. Es geht nicht nur um mich, es geht um Menschen, ums Miteinander, um alle Geschöpfe, um die ganze Schöpfung.
Wir brauchen einander, wir sind aufeinander angewiesen. Wir brauchen die ausgestreckte Hand – vielleicht dann am meisten, wenn wir uns ins „Aus“ manövriert haben. Dann brauchte es vielleicht auch mehr als Gerechtigkeit: Gnade und Verzeihen von Gott und dem Menschen neben mir, und auch von mir.

Gott setzt den heimgekehrten Volk Visionen in den Kopf, die nicht mehr wegzudenken sind. Hoffnungsvolle Bilder, aber auch realistische Bilder:  Aus dürrer Erde werden blühende Gärten. Aus einem Samenkorn wird ein starker Baum. Trauer wandelt sich in Freude und die Menschen werden sich schön und geliebt fühlen. Freude wird sein wie bei einer Hochzeit. Das Volk wird wieder wachsen und wird geachtet und gesegnet sein.
Wir brauchen diese Bilder Gottes im Köpfen und Herzen, die uns Mut machen, uns Kraft geben.

„I have a dream“, sagte Martin Luther King und damit begann die Befreiung der Sklaven.
Mahatma Gandhi hatte die Vision einer gewaltfreien Revolution und hat sein Land von der Kolonialherrschaft befreit.
Der Satz „Wir sind das Volk“ und die Gebete der Hoffnung in den Kirchen im damaligen Ostdeutschland, brachten den Wandel zu einem geeinten Deutschland.

Manchmal genügt ein Stein, um eine Kathedrale zu sehen.
Manchmal genügt das Bild einer Gemeinschaft, um Kraft zu bekommen, sich zu bewerben.
Manchmal genügt es, die Hand zu reichen, um sich zu versöhnen.
Manchmal genügt der Glaube, dass Gott bei uns ist: Geboren in einem Kind.

Als Erwachsener hat Jesus Christus, viele Visionen wahrgemacht: die gute Nachricht von Gottes Liebe verkündet, dass Lahme gehen, Blinde sehen. Den Armen, den Kranken und den Schwächsten hat er geholfen. Und er hat dem Tod die Macht genommen.

Welche Vision nehmen Sie in dieses neue Jahr mit?
Vielleicht ein Bibelwort, das Sie schon lange begleitet?
Oder die Vision des Friedens auf der Welt und zwischen den Menschen? Oder die Vision der Versöhnung, die Ihnen den Mut zum ersten Schritt gibt? Oder dass die Liebe wachsen möge wie blühende Gärten?
Dass Gottes Hilfe Sie wie ein Kleid umgibt?
Eine Vision gibt uns Gott durch die Losung dieses Jahres: „Siehe, ich mache alles neu“. Neuanfang ist immer möglich mit unserm Gott.
Gott sei Dank. Amen

 

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Bild: pixabay MatteoPhotoPro2022

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