Predigt zum 4. Advent – Philipper 4, 4-7

Liebe Schwestern und Brüder,

ein bekannter Theologe der Gegenwart erzählt von seiner Prüfung in Bibelkunde, was nicht seine Stärke war. Er wurde also gefragt: „Sagen Sie mal, was steht denn im Philipperbrief?“ Antwort: „Freuet euch!“ – „Ja, und steht vielleicht noch etwas darin?“ – „Ja, da steht noch: Und abermals sage ich, freuet euch!“
Mir scheint, dass der angehende Pfarrer mit seiner Antwort den Inhalt des Philipperbriefes ganz gut zusammengefasst und den Nerv des Briefes getroffen hat.
Paulus selber ist aufgefallen, dass er sich in seinem Brief zum Thema Freude wiederholt.

Hören wir den Predigttext aus Phil. 4, 4-7
4Freuet euch in dem Herrn allezeit, und abermals sage ich: Freuet euch! 5Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.

„Freut euch!“
Nitsche hat ja schon gesagt, dass die Christen erlöster aussehen müssten, wenn man ihrer Botschaft glauben soll.

Also dann wollen wir uns mal freuen!
Auf drei: „Eins, zwei, drei!“…
Geht nicht! So auf Kommando geht das Freuen eben nicht!
Freude kann man nicht verordnen. Es geschieht im Moment oder in der Vorfreude.
Wie freuen sich die Kinder auf Weihnachten und die Geschenke! Und wir freuen uns an den Kerzen und den Traditionen. Wir könnten so viel aufzählen, auf was wir uns freuen.
Freude hat immer einen Grund.

Was meint Paulus dann mit dem Satz „Freuet euch!“?
Er will sicher damit ausdrücken: „Ich wünsche mir, dass ihr euch freuen könnt, denn ihr habt allen Grund dazu.“
Es gibt die kleinen vorübergehenden Freuden. Zum Beispiel: Ein leckeres Essen mit Freunden. Oder etwas, was einem gut gelungen ist. Oder über eine blühende Rose. Und diese Freuden bereichern unser Leben und wir denken gerne daran zurück.

Aber Paulus geht eine Schicht tiefer. Er meint eine grundlegende Freude. Paulus sagt dazu: „freut euch allezeit!“ Also: Immer und überall. Das heißt nicht, dass wir wie eine Grinsekatze immerzu lachen und freudig mit dem Arm wedeln sollen.
Es ist eine Freude, die lebensbestimmend und tragend ist, die unser Leben, wie ein Basso Continuo begleitet.
Eine Freude, die so dauerhaft ist, dass sie bleibt, trotz allem, was uns an Schwierigkeiten, Krankheiten und Bösem wiederfährt.
Paulus scheibt ja diese Worte im Gefängnis und wartet dort auf sein Urteil: Freiheit oder Tod. Er erlebt, trotz allem, diese Freude in sich.

Was ist also der Grund unseres Lebens und Freuens?

Als erstes sagt Paulus: „Freuet euch in dem Herrn“ – nicht „über“ oder „wegen“, sondern in dem Herrn.
So wie Jesus sagt: „Bleibt eins in mir und ich in euch“, so wie er und Gott eins sind. „In“ bedeutet: zusammen sein, eins sein, in der Liebe verbunden.
Das heißt, dass der große Gott uns Menschen nahe kommt, dass er in uns wohnen will und wir in ihm. Es bedeutet, dass alles Trennende aufgehoben ist. Und das dauerhaft, tragend.
Und das wirkt lebensverändernd.
Dieses Nahekommen Jesu hat das Leben von Paulus verändert.
Und es hat das Leben der Christen in Philippi verändert und verändert auch uns heute.
Paulus sagt: veränderte Menschen – Christen sind so:
1. Sie sorgen sich um nichts
2. Sie beten und bitten mit Danksagung Gott
3. Sie sind Gütig und zugewandt zu allen Menschen.

Beginnen wir mit dem „nicht Sorgen“. „Sorgt euch um nichts“. Bitte ab jetzt: keine Sorgen mehr! Das klappt leider auch nicht auf Kommando, ebenso wenig wie das sich freuen.
Sorgen gehören zu unserem Menschsein dazu, so wie die Freude. Auch hier geht es eine Schicht tiefer, ins Grundlegende und „Beten und Bitten“ hilft uns dabei.
Wir müssen unsere Sorgen, Mühen und Krankheiten nicht alleine bewältigen. Gott ist da, der mitträgt. Deshalb sollen wir zu Gott beten und bitten – mit Danksagung, weil Gott der Geber und Vollender aller Dinge und Wesen ist.

Wir haben Sorgen, aber wir tragen sie leichter, wenn wir sie vor Gott aussprechen. Wir können mit Widerwärtigkeiten besser umgehen, weil Gott solidarisch, durch Jesu Leiden genau weiß, wie es uns geht. Wir vertrauen Gott, dass er einen Weg für uns sieht, auch wenn wir ihn noch nicht sehen.
So können wir, trotz allem, diese grundlegende Freude und Zuversicht erfahren.

Eine betagte Frau, die im Alter von 40 Jahren an MS erkrankte, konnte sich nicht mehr selbst bewegen und nur noch mit Mühe Schlucken. Aber sie strahlte mich an und sagte: „Ich danke Gott für mein gutes Leben. In den letzten Jahren hatte ich Hilfe von Pflegenden. Und immer war Gott bei mir, auch inmitten meiner Schmerzen. So wird er mit mir meinen letzten Weg gehen.“  Und jeder, der bei ihr war, ging getröstet, gestärkt wieder hinaus.

Christliche Freude äußert sich im Dank.
Und: Dankbarkeit verändert uns noch viel mehr.
Dankbarkeit lässt uns gütiger und freundlicher werden, zugewandter und achtsamer unserem Mitmenschen. Das was wir empfangen haben, wollen wir weitergeben.

Als zweiten Grund der Freude benennt Paulus in die Wiederkunft Jesu.
Für uns, die wir nicht so sehr in der Naherwartung Jesu leben wie Paulus, ist das etwas befremdlich.
Viele denken bei der Wiederkunft Jesu nicht so sehr an Freude, sondern eher an das Jüngste Gericht.
Über Jahrhunderte hinweg wurde in den Gottesdiensten das Gewicht auf das Gericht gelegt. Mit der Angst sollten die Menschen zum Glauben bekehrt werden.

Aber Paulus freut sich! Für ihn ist die Wiederkunft das definitive und gute Ende aller Dinge. Das Sehnen und Leiden der Menschen und der ganzen Schöpfung erfährt dadurch Befreiung und Erfüllung in der vollkommenen Gottesnähe. Das ist die Vollendung der Schöpfung und Ziel Gottes von Beginn an.
Die Wahrheit über alles, was war, kommt ans Licht. In Gottes Licht.
Alles was war, wird nun vollendet – auch wir Menschen, mit unserer Schuld. Wir werden zu dem, was Gott schon immer in uns gesehen hat. Wir werden verwandelt, wie Christus verwandelt worden ist. Diese Vollendung des Menschen und der Schöpfung ist die Seligkeit.

So lenkt Paulus den Blick auf der Wiederkunft Jesu. Nicht auf die Schuld, sondern auf das Handeln Gottes, der seine Schöpfung liebt, der Anfang und Ende ist, und auch heute, jetzt, der Handelnde ist.
Dieses Handeln Gottes, ist für uns nicht immer verständlich und begreifbar. Höher als alle unsere Vernunft.
Das Handeln Gottes und seine Nähe beseitigen nicht alle Anfechtungen, Mühen und Plagen im Einzelnen, aber macht sie aushaltbar.
So hat er seinen Sohn auf die Erde gesandt, um uns die Liebe Gottes zu verkünden. Und Jesus zeigt uns, dass Gott jetzt bei uns ist, dass Gott handelt und uns Frieden schenken will. Das ist unsere Freude, unser Grund zu leben und zu glauben. Das ist der Grund, der uns trägt. Deshalb feiern wir Weihnachten.
Gott bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.

Predigerin: Diakonin Barbara Neudeck (BD)
Bild: pixabay